Contergan-Opfer Quasthoff

"Ich habe gelernt, über mich zu lachen"

Der Bassbariton und mehrfache Grammy-Preisträger Thomas Quasthoff (47) ist einer der prominentesten Contergan-Geschädigten. Vor 50 Jahren wurde das Medikament eingeführt, das auch Thomas Quasthoffs Mutter während der Schwangerschaft einnahm. Morgenpost Online traf den Künstler und erfuhr von ihm, was er von Behindertenwitzen hält.

Foto: xamax/tm_sv / XAMAX

Morgenpost Online: Herr Quasthoff, heute jährt sich die Einführung von Contergan. Denken Sie über dieses Thema heute nach?

Thomas Quasthoff: Nein.

Morgenpost Online: Spielt es für Sie keine Rolle mehr?

Quasthoff: Ich habe für mich die Entscheidung getroffen, auch zu dem Film, der demnächst ins Fernsehen kommt, nichts zu sagen. Obwohl ich ihn gesehen habe. Ich bin nicht prädestiniert dafür.

Morgenpost Online: Wer sonst?

Quasthoff: Leute, die von einer Rente leben und sich mit den Folgen von Contergan schlimmer herumquälen müssen als ich. Ich habe als Professor ein C-4-Gehalt, verdiene gut als Sänger. Ich bin privilegiert und genau dadurch nicht repräsentativ.

Morgenpost Online: Urteilen Sie dadurch nicht vorschnell über das Leben anderer Contergan-Geschädigter?

Quasthoff: Ich meine das nicht herablassend. Ich glaube nur, dass es andere schwerer haben. Genau das ist das Problem. Wogegen ich angehe, ist der Eindruck: „Guck mal, der hat’s doch geschafft. So schlimm ist das gar nicht.“ In diese Rolle möchte ich nicht. Die Mehrheit der Contergan-Geschädigten lebt ein anderes Leben.

Morgenpost Online: Worin besteht der Unterschied?

Quasthoff: Als ich im Anna-Stift, wo ich selber mal gelebt habe, einmal über meine Behinderung sprach, sagte ein Behinderter: „Was soll der Abend bringen? Der kann singen, ich nicht.“ Da musste ich lernen: Mein Leben ist nicht das eines normalen behinderten Menschen. Ich fände es besser, wenn sich auch mal ein Contergan-Geschädigter aufraffen könnte, über sich zu sprechen, der vielleicht von Hartz IV lebt und den Rücken nicht mehr bewegen kann, weil er alles mit den Füßen tun muss. Denn das ist die reale Welt.

Morgenpost Online: Gibt es immer noch eine Diskriminierng von Contergan-Geschädigten?

Quasthoff: Vor Jahren habe ich noch erlebt, dass ich in einem Hotel in Passau das allerletzte Zimmer, ganz hinten oben bekam, unerreichbar, voller Schrägen und absolut nicht behindertengerecht. Am selben Tag kam zufällig meine Professur durch, und ich wurde in der Hotellobby dazu beglückwünscht. Da fiel der Frau an der Rezeption die Kinnlade runter: „Ich wollte Sie gerade anrufen, ein Missverständnis.“ Ich bin dann ausgezogen. Bloß: Das ist die Normalität. Der Lebensweg ist in allen Einzelheiten schwerer. Ich meinerseits habe heute eine Agentur, die vorher anruft und sagt: Vorm Waschbecken bräuchten wir bitte eine Fußbank.

Morgenpost Online: Grenzen Sie sich aktiv von Behindertengruppen ab?

Quasthoff: Ich habe mit Behindertengruppen, auch mit der Contergan-Gruppe bewusst nichts zu tun. Ich habe lange genug in einer Isolation gelebt. Das war genug. Ich habe die Chance, eben nicht nur zu der Randgruppe Behinderte zu zählen. Ich bestehe darauf, diese Chance wahrzunehmen. Stattdessen sage ich provokatv: In Deutschland leben 80 Millionen Behinderte. Ich habe den Vorteil, dass man es mir ansieht.

Morgenpost Online: Klingt zynisch.

Quasthoff: Entschuldigung, aber mit Verlaub: Psychische Schädigungen, Unzufriedenheit, Sexsucht, mangelndes Selbstbewusstsein oder Depressionen sind genauso schlimme Behinderungen, die man spürt, aber nicht sieht. Ich halte mich inzwischen psychisch für sehr viel gesünder als viele, nichtbehinderte Menschen.

Morgenpost Online: Nehmen Sie jemals Schlaf- oder Beruhigungsmittel?

Quasthoff: Nein, ich trinke lieber zwei Bier und schlafe wie ein Engel. Schwer genug ist es, wenn man permanent im Hotel übernachtet. Ich stelle auch fest: Wenn ich meine Frau neben mir liegen habe, schlafe ich eben doch besser.

Morgenpost Online: Sie haben das Thema Behinderung durch Ihre Autobiographie noch einmal selbst öffentlich gemacht. Warum?

Quasthoff: Was mir wichtig war und ist: Eine Behinderung, die man hat, wird immer mit Schmerz und Leid assoziiert. Mein Leben war mehrheitlich nicht so. Ich werde demnächst 48. Ein gewisser Zeitabschnitt war für mich sicherlich nicht leicht. Aber ich lebe den Künstlerberuf ja nicht primär als ein Körperbehinderter. Ich kann meine Behinderung sogar zeitweilig mal vergessen.

Morgenpost Online: Gab es einen Wendepunkt, nach welchem es leichter wurde?

Quasthoff: Nicht einen singulären. Aber ich muss zugeben, dass die Wettbewerbe, die ich gemacht habe und bei denen ich nie ohne Preis nachhause ging, für mich Wendepunkte waren. Ein sehr wichtiger Schritt war das erste Konzert mit den Berliner Philharmonikern. Ab da fragten alle großen Orchester an. Der nächste, sehr wichtige Schritt war meine Hochzeit im letzten Jahr. Das will ich nicht verhehlen. Sogar Musik ist plötzlich nicht mehr so elementar wichtig für mich.

Morgenpost Online: Akzeptieren Sie sich heute körperlich?

Quasthoff: Ja, ich glaube, dass ich wesentlich weniger Minderwertigkeitskomplexe habe als noch vor zwanzig Jahren. Mit dem Ergebnis, dass mir meine Körperlichkeit relativ egal ist. Es hängt wohl auch damit zusammen, dass ich, wie ich finde, eine außerordentlich attraktive Frau geheiratet habe – und sie vor allen Dingen mich! Sie hat immer gesagt: Für mich bist du zwar klein und hast kurze Arme, aber von der inneren Größe her bist du für mich zwei Meter. Das ist eigentlich ein schönes Kompliment. Lassen Sie es mich so sagen: Mit Erfolg und Bestätigung ignoriert man Dinge leichter.

Morgenpost Online: Müssen Sie Ihre Behinderung immer noch zuweilen erklären?

Quasthoff: Heute waren wir in der Stadt unterwegs, als eine Horde Kindergarten-Kinder auf mich zukam: „Guck mal, wie der aussieht!“ Natürlich bemerke ich das, und es trifft mich auch immer noch. Aber ich habe hoffentlich inzwischen so viel Souveränität, dass ich sage: Es sind Kinder, und die reagieren eigentlich ganz normal.

Morgenpost Online: Wie reagieren Sie?

Quasthoff: Entweder gar nicht – oder ich erklär's. Heute waren es zu viele, um es zu erklären. Ich hatte noch was anderes vor.

Morgenpost Online: In Ihrem neuen Balladen-Buch, das Sie zusammen mit Ihrem Bruder Michael geschrieben haben, gibt es auch Pop-Songs. Arbeiten Sie aktuell Ihre Pop-Vergangenheit auf?

Quasthoff: Ja, das war in der Biographie auch schon so. Wenn Sie Dietrich Fischer-Dieskau auf Bob Dylan angesprochen hätten, so hätte der sie merkwürdig angeschaut. Ich nicht. Wir sind mit anderer Musik großgeworden, nicht mit klassischer.

Morgenpost Online: Was ist eine Ballade?

Quasthoff: Durch Leute wie Dylan, bei dem das Dichter-Ich mit in die Ballade eingeflossen ist, kann man das nicht mehr so leicht definieren. Wir wollten kein Buch über die klassische Ballade. Für uns gehören nicht nur Goethe, sondern auch Folksongs von Woody Nelson hinein. Den find ich großartig. Auch Randy Newmann. Weltklasse! Es ist eine ganz subjektive Auswahl. Da gibt’s auch Balladen, die völlig daneben gegangen sind. Der ganze Bänkelgesang ist furchtbar, finde ich. Aber lustig! Auch Schillers „Glocke“, die bei uns fehlt, war schon immer ein doofes Gedicht, da wollen wir mal ganz ehrlich sein.

Morgenpost Online: Warum lag ausgerechnet dieses deutsche Thema für Sie auf der Hand?

Quasthoff: Weil ich mich täglich damit befasse. Wo können Sie besser die Farben einer Stimme zeigen? Im „Erlkönig“ sind es vier Personen, die sprechen. Die Stimme, das behaupte ich ganz frech, ist das farbenreichste Instrument schlechthin. Jetzt werden mich zwar alle Instrumentalisten prügeln, aber ich bleibe dabei. Ich mag nicht bei einem Liederabend nur 90 Minuten der Schönheit lauschen. Ich will wissen, ob ein Sänger böse, traurig und ironisch klingen kann. Diese Herausforderung suche ich, und deshalb haben Balladen immer eine Hauptrolle bei mir gespielt.

Morgenpost Online: Auf der Popkomm bildete kürzlich Klassik einen Schwerpunkt. Ist Klassik ein Teil der Pop-Musik geworden?

Quasthoff: Nur insofern, als die ganzen Unterteilungen, die man über Jahre vorgenommen hat, immer schon Humbug waren. Im Internet ist alles gleichermaßen verfügbar. Allerdings finde ich, man sollte nur dann genreübergreifend arbeiten, wenn man’s kann. Die Ergüsse, die man so unter dem Stichwort „Crossover“ findet, sind für mich oft unerträglich. Es darf nicht dazu führen, dass Michael Bolton „Vincerò“ ins Mikrophon heult, weil er zufällig glaubt, er kann das. Denn er klingt dabei, als ob ihm die Hose acht Nummern zu klein wäre.

Morgenpost Online: Was können Sie nicht?

Quasthoff: Punk, Rock, Rap, kann ich alles nicht. Würde ich auch nicht machen wollen, denn ich habe da ein ausgeprägtes Sicherheitsdenken. Trotzdem bin ich nicht genrefixiert und nicht vernagelt. Was ich nicht möchte, ist dass die Leute verschüchtert vor mir sitzen in Ehrfurcht vor der hehren Musik.

Morgenpost Online: Sondern?

Quasthoff: Ich rede mit den Leuten während eines Liederabends und gestatte mir mal einen Scherz. Wir müssen über Kunstformen neu nachdenken, wenn wir wollen, dass weiterhin Leute in unsere Konzerte kommen. Ich plane für 2009 einen großen Lied-Wettbewerb, eben um diesem Missstand abzuhelfen. Den Leuten sind Liederabende heute zu langweilig. Da müssen wir etwas tun. Wir etablierten Künstler müssen aufpassen, dass die Künste, die wir wichtig finden, nicht mit uns aussterben.

Morgenpost Online: Was sollte man also ändern?

Quasthoff: Klassik darf nicht so sockelmäßig stattfinden. Man muss zum Punkt der Unterhaltung zurück. Heißt denn Liederabend: Bedrückt gucken und beseelt nachhause schweben? Wir sind Unterhalter, verdammt noch mal. Sammy Davis Jr. oder Jerry Lewis haben das 50 oder 60 Jahre getan. Soll auch Spaß machen. In Städten, wo ich früher schon aufgetreten bin, sind die Liederabende heute voll. Und zwar nicht mehr, weil die Leute einen Behinderten sehen wollen, der singt.

Morgenpost Online: Sie sind als Hochschullehrer auch pädagogisch engagiert. Auf welche Schule schicken Sie Ihre Tochter?

Quasthoff: Unsere Tochter geht auf eine normale Grundschule. Wenn wir demnächst nach Berlin-Zehlendorf ziehen, wird sie auf eine Schule mit angebundenem Gymnasium gehen. Natürlich reicht mir der Musikunterricht nicht aus. Da steht oft Musik im Stundenplan, aber die Fachkräfte fehlen und die Stunden werden nicht gegeben. Traurig genug. Ich finde, man sollte ein Kind nur dann auf eine musische Schule schicken, wenn wirklich eine entsprechende Begabung da ist. Unsere Tochter, die meine Frau mit in die Ehe gebracht hat, geht jetzt freiwillig in einen Chor, was ich klasse finde. Sie war kürzlich zum ersten Mal in einem Konzert von mir. Und war stolz wie Oskar. Aber Zwang wäre der falsche Weg. Das bringt nur die Erwachsenen hervor, die später nie mehr in Konzerte gehen.

Morgenpost Online: Man fragt Sänger immer nach ihrer Entwicklung. Und bei Ihnen?

Quasthoff: Meine Entwicklung geht nicht dahin, dass ich mit 65 noch auf der Bühne stehe. Das kann schon in drei Jahren vorbei sein. Ich nehme blutverdünnende Medikamente. Wenn ich merke, dass meine Kräfte nicht mehr so mitspielen, höre ich vom einen auf den anderen Tag auf. Ich liebe diesen Beruf, aber ich bin nicht abhängig davon. Mit 55 Jahren ist meine erste Grenze. Dann hänge ich vielleicht noch ein, zwei Jahre dran. Ich habe keine Probleme, die Bühne freizugeben.

Morgenpost Online: Gibt es Behindertenwitze, bei denen Sie nicht die Krätze kriegen?

Quasthoff: Witze leben von sogenannten Minderheiten. „Ein Pole kommt in die Apotheke“: Das ist sozusagen nicht persönlich gemeint. Ich habe kein Problem damit, auch wenn man über mich Witze macht. Frage: Was ist ein Rollstuhlfahrer vor zehn Kannibalen? Antwort: Essen auf Rädern. – Ich hab gelernt, über mich zu lachen.

Thomas Quasthoff: Ach, hört mit Furcht und Grauen. Mein Brevier der schönsten Balladen. 462 S. Ullstein 2007 (24,90 Euro)