Pult-Ranking

Nur ein toter Dirigent ist ein guter Dirigent

Dirigenten haben für ein Fachmagazin die Rangliste ihrer Branche erstellt. Das Erstaunliche daran: Kaum ein lebender Maestro kam unter die Top Ten.

Die italienische Musikzeitschrift "Classic Voice" hat eine Rangliste der Dirigenten veröffentlicht. Carlos Kleiber (1930–2004) ist demnach der beste Dirigent aller Zeiten, auf den Plätzen zwei und drei folgen Leonard Bernstein und Herbert von Karajan. Die beiden einzigen noch lebenden Maestri in den Top Ten sind Claudio Abbado (Rang sechs) und Nikolaus Harnoncourt (Rang acht).

Kulturliebhaber rümpfen gern die Nase über solche Rankings . Schlimme Boulevardisierung der Musik! Als nächstes wählt noch jemand das dickste Auto eines Star-Tenors oder das schönste Dekolleté internationaler Geigerinnen unter 30. Wie kann man die heilige Frage, wie schnell Beethovens Fünfte zu sein hat, einer Chart-Platzierung unterwerfen? Wie lässt sich Arturo Toscanini (Platz vier) mit Gustav Mahler (Platz zehn) vergleichen? Mahler war einflussreich als Dirigent, aber niemand kann sich rühmen, schon mal ein Orchesterkonzert von ihm gehört zu haben.

Wie bei der Wahl zum Fußballer des Jahres

Mag alles sein. Aber die Rangliste von "Classic Voice" sagt doch mehr aus, als man auf den ersten Blick denken könnte. Erstens haben die Macher nicht selbst ihre Favoriten festgelegt, sondern eine Umfrage gestartet – unter Dirigenten. Rund hundert haben mitgemacht, Stars wie Riccardo Muti, Zubin Mehta oder Riccardo Chailly haben jeweils drei Vorschläge für den besten Dirigenten aller Zeiten abgegeben.

Ein ähnliches Verfahren wie bei der Wahl zum Fußballer des Jahres, die ja auch von Fußballern und Trainern vorgenommen wird. Dabei ergeben sich spannende Unterschiede in der Wertschätzung der Szene. Pierre Boulez und Simon Rattle etwa erhielten deutlich mehr Stimmen als Daniel Barenboim oder Antonio Pappano.

Mancher wählte sich selbst

Dass die Expertenrunde so viele tote Dirigenten an die Spitze gewählt hat, kann zweierlei heißen: Die Experten trauern der guten alten Zeit nach – oder sie wollten nicht die eigene noch lebende Konkurrenz wählen. Dazu würde passen, dass der Amerikaner John Axelrod dreimal sich selbst gewählt hat, mit der Bemerkung: "Wenn ich nicht an meine Fähigkeiten glauben würde, könnte ich nicht vor einem Orchester stehen und versuchen, Musik auf Niveau von Kleiber und Bernstein zu machen."

Zweitens wirft das Dirigenten-Ranking mal wieder die Frage auf: Warum lieben wir Ranglisten so sehr? Was hat man davon? Alles wird gelistet, Opernhäuser, Orchester, CDs. Irgendwie macht das die Dinge einfacher, als sie sind, und das scheint uns zu gefallen. Interpreten sind nicht messbar, und gerade deshalb ist das Bedürfnis nach Bewertung so groß. Und das Ergebnis kann man sich leicht merken. Machen Sie den Test: Wissen Sie noch, wer auf Platz eins des Dirigenten-Rankings gelandet ist?