Horst Seehofer verzieht das Gesicht. So hat er sich den Einstieg ins ARD-Sommerinterview nicht vorgestellt. Ob denn CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt in seinem Auftrag gehandelt habe, als er die NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft das „faulste Ei der deutschen Politik“ nannte, will Moderator Ulrich Deppendorf vom CSU-Vorsitzenden wissen. Der antwortet einsilbig: „Alexander Dobrindt hat dies mittlerweile bedauert, damit sollte die Angelegenheit erledigt sein.“

Dobrindt war für seine Äußerungen bei einem Treffen der bayerischen Jungen Union kritisiert worden – weil Kraft zu der Zeit eine bewegende Trauerrede für die Loveparade-Toten in Duisburg hielt. Einem erfahrenen Populisten wie Seehofer dürfte das Timing seines Parteikollegen gar nicht passen, die Stoßrichtung schon. Im weiteren Gespräch gibt der CSU-Vorsitzende dann auch wieder den souveränen Landesfürsten, der für die kleinen Leute in Bayern und sonstwo kämpft.

Auch wenn Deppendorf und sein ARD-Kollege Rainald Becker ohne Sakkos und Krawatten auf der Terrasse im Regierungsviertel sitzen, eine Wohlfühlatmosphäre verschaffen sie ihrem Gesprächspartner nicht. Sie feuern spitze Fragen aus den Sesseln, deren rote Farbe wohl Angriffslust signalisieren soll. Seehofer nimmt das Duell gerne an. Und profiliert sich gegenüber dem Koalitionspartner FDP und Schwarz-Gelb im Bund.

Los geht’s mit der Debatte um die Rentengarantie, FDP-Wirtschaftsminister Brüderle hatte die bestehende Regelung vergangene Woche in Frage gestellt. „Was soll diese Diskussion?“, wettert Seehofer, „das verunsichert die Leute und belastet die Koalition.“ In Zeiten einer boomenden Wirtschaft stelle sich die Frage überhaupt nicht, weil die Renten den Löhnen problemlos folgen könnten. Seehofer fordert ein sofortiges Ende der Debatte, „die ohne jede Not vom Zaun gebrochen“ worden sei. Es gäbe genug andere, wichtigere Baustellen für Schwarz-Gelb zu bearbeiten.

Trotzdem geht Seehofer auf noch einen Nebenschauplatz. Auch Brüderles zweitem Vorschlag, mit dem dieser sich im Sommerloch Gehör verschaffen wollte, erteilt er eine Absage. Der Wirtschaftsminister hatte ein Begrüßungsgeld für ausländische Fachkräfte ins Spiel gebracht. Seehofer forderte, bei der Debatte in „der richtigen Reihenfolge“ vorzugehen. Zunächst sei es notwendig, in Deutschland verfügbares Potenzial an Arbeitskräften auszuschöpfen, schließlich seien immer noch über drei Millionen Menschen arbeitslos. Ausländische Fachkräfte, so findet Seehofer, könnten aber durchaus Anreize bekommen – nur eher durch eine Senkung der Einkommensgrenzen, als durch ein Begrüßungsgeld, wie es die Liberalen wünschen.

Hierbei ließ es Seehofer sich auch nicht nehmen, sein konservatives Profil zu schärfen: Er habe überhaupt nichts gegen „Fachkräfte, die hier ihren Lebensunterhalt bestreiten können, die die deutsche Sprache lernen und sich hier integrieren“. Er habe nur „entschieden etwas dagegen, die Bundesrepublik Deutschland zum Sozialamt für die Welt zu machen“. Doch auch Positives hat der CSU-Chef zu vermelden: „Wir steuern zunehmend auf Vollbeschäftigung zu.“

Das jüngste Gesundheitsreförmchen der schwarz-gelben Koalition verteidigte Seehofer vehement. Man habe „wichtige Strukturreformen“ beschlossen, die keiner beachte. Sparen sei die oberste Devise, aber man werde bei den Zusatzbeiträgen „sehr darauf achten, dass die soziale Balance gewahrt wird“.

Eine Kopfpauschale, abhängig vom Einkommen, habe er nicht verantworten können – deswegen sei er schon vor sechs Jahren als Bundesgesundheitsminister zurückgetreten. Mitleid mit dem - jetzt schon für viele als gescheitert geltenden - FDP-Gesundheitsminister Phillip Rösler habe er nicht: „In dem Alter führen andere ganze Konzerne. Wenn jemand Deutschland regiert, dann muss er auch seine Verantwortung erfüllen.“

Zur Debatte um die Abschaffung der Wehrpflicht äußert sich Seehofer vorsichtig – er regiert eben den Freistaat Bayern, wo viele Arbeitsplätze an den dortigen Bundeswehrstandorten hängen. „Wir müssen genau überlegen, wie wir die Wehrpflicht in Zukunft ausgestalten“, sagt Seehofer wolkig, abhängig sei dies von schwer greifbaren Faktoren wie der „Sicherheitsarchitektur der Nato“.

Am Ende geht Seehofer noch auf ungewohnten Kuschelkurs mit den Gewerkschaften: Er habe absolutes Verständnis für deren Forderungen nach Lohnerhöhungen. Denn: „Dass wir jetzt wieder Licht im Tunnel haben und zuversichtlich in die Zukunft sehen können, ist eine große Leistung der deutschen Wirtschaft, des Managements, aber auch verantwortliches Verhalten der Gewerkschaften.“ Hier zeigt sich der Christsoziale in Horst Seehofer, hier wandelt er auf den Spuren des selbst ernannten und inzwischen abgewählten „Arbeiterführers“ Jürgen Rüttgers.

Seehofer gibt im Sommerinterview den Schutzpatron der kleinen Leute, durchaus glaubwürdig. Aber es steckt Kalkül dahinter, er will in Bayern die absolute Mehrheit für seine CSU zurückerobern. Dies versucht er, in dem er sich abgrenzt – gegenüber dem Koalitionspartner FDP und der schwarz-gelben Regierung im Bund. Und so untergräbt Seehofer seine Glaubwürdigkeit auch wieder, wenn er etwa „ein Ende der Diskussionen in Berlin“ anmahnt. Seehofer braucht diese Debatten, sie sind Teil seiner Strategie, nur durch sie kann er von München aus Strahlkraft entfalten.

Er wird weiter Öl ins Feuer gießen. Nicht nur im Sommerloch, das die ARD mit dem Format des Sommerinterviews durchaus unterhaltsam zu stopfen weiß.