Den wohl definitiven Beitrag zum Thema Temperaturanstieg in Deutschland lieferte fristgerecht das Internet-reisportal ab-in-den-urlaub.de: „Strand-Studie: Deutsche Frauen immer knapper – Männer immer schlapper“, war da zu lesen – und dann: „Badebekleidung Spiegel des Bildungsgrades“. Was uns diese codierten Aussagen mitteilen wollen? Das Onlineportal ließ 1005 Menschen befragen und kam zu dem Ergebnis, dass über die Hälfte der Frauen unter 40 Jahren am Strand einen Bikini bevorzugen, wohingegen unter 40-jährige Männer ihre Beine und ihr Gesäß lieber in knielangen Shorts verstecken.
Nun also ist die Hitze auch am schlappen deutschen Mann schuld – auch wenn der Großteil des Restes der Republik auf den Strand wohl noch ein bisschen warten muss. Was diesen Sommer neben den Temperaturen - uns stehen sogenannte „tropische Nächte“ ins Haus, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad fallen wird – so einzigartig macht? Ganz einfach: Eigentlich war davon auszugehen, dass pünktlich mit der Hitze das deutsche Wehklagen einsetzen würde.
Das war bis jetzt noch jedes Mal so, sieht man von diesem merkwürdigen „Sommermärchen“ im Jahr 2006 einmal ab. Zu erwarten waren Nachrichtenagenturen, die uns den „Glutofen Deutschland“ mal in allen grauenhaften Farben ausmalen, also bis es nur noch dampft und tropft vor Schweiß, zu erwarten waren Experten, die den passenden Weltuntergang rein klimatechnisch mal locker aus der Schreibtischschublade ziehen, zu erwarten waren maulige Großstädter, die sich über entblößte unförmige Körper in der U-Bahn aufregen würden, aber nichts da.
Deutschland freut sich. Einfach so. Auf den Fanmeilen der Republik werden beim Spiel von Jogis Rasselbande gegen die Argentinier wieder Hunderttausende unterwegs sein – die Warnung wollen wir jetzt doch loswerden: Kopfbedeckung nicht vergessen und ausreichend trinken! – wer bei der Hitze schlecht schläft, der freut sich trotzdem über das viele Licht und alle freuen sich über das sengende Gefühl auf der Haut, mag sie hinterher auch ein wenig rot sein. Der Winter war nämlich, daran ist nun absolut kein Zweifel erlaubt, wirklich lang genug.
Natürlich mischen sich in die Freude auch ein paar schlechte Meldungen. Die Landwirte beispielsweise sind in manchen Regionen Deutschlands dazu gezwungen, bereits in den nächsten Tagen vorzeitig ihre Ernte einzufahren, auch die Waldbrandgefahr steigt. Viele Pflanzen haben kein Wasser mehr. Aber was die Landwirte ärgert, das freut die Winzer: „Warm und trocken ist erst einmal für die Reben gut“, sagt die Agrarmeteorologin Brigitte Klante. Der Reifeprozess könne früher beginnen.
Glaubt man den Meteorologen, gesellt sich zu den Rekordtemperaturen von bis zu 37 Grad noch eine gewisse Luftfeuchtigkeit, man könnte auch sagen: Es wird ziemlich schwül, mancherorts könnte es sogar gewittern, was das grandiose Public-Viewing-Erlebnis dann doch etwas schmälern könnte. Eine Nachricht, die man zum Anlass nehmen kann, jetzt endlich mit dem Schimpfen anzufangen. Oder man kann sie ganz gelassen wegstecken und sich daran erinnern, wie man noch vor ein paar Monaten beim Gang auf die Straße am liebsten sofort ein Treibhaus um sich herum gebaut hätte.
Eine Erinnerung, die die entsprechenden Flüche sicher etwas langsamer über die Lippen kommen lässt. Und sollten sich der Bademeister und seine Assistentin im öffentlichen Schwimmbad mal wieder partout nicht aufführen wie David Hasselhoff und Pamela Anderson in „Baywatch“, dann kann man ja immer noch mit dem Kauf einer ordentlichen Portion Pommes darüber hinwegsehen. Und dann nach einem kurzen Verdauungsfaulenzen ab ins Wasser, das klingt doch nach einem sehr soliden Plan.
Haben wir was vergessen? Ja. Deutschland droht in diesem Sommer noch eine Mückenplage. Selbst der vergangene Rekordwinter war nicht kalt genug, um die Larven abzutöten. Also wird's wohl um uns herum summen, schwirren und auch ab und zu zustechen. Aber das wird uns doch dieses Jahr nicht etwa jucken?





