Man hatte mit allem gerechnet, sogar mit dem Schlimmsten. Damit, dass Michael Jacksons Leiche aufgebahrt wird, unter grellen Scheinwerfern. Mit Klimbim, Pomp und viel Unangemessenem. Ja, es gab den Kitsch: Auf die Leinwand projizierte Kirchenfenster, der vergoldete Sarg mit den roten Rosen, die goldenen Programmhefte. Doch im Vordergrund stand etwas anderes: echte Trauer. Gerührte Reden, persönliche Ansprachen, Tränen.
Gegen zehn Uhr morgens Ortszeit, als es in Deutschland bereits Abend wurde, begann im Staples Center in Los Angeles die größte Abschiedsfeier, die es je für einen Künstler gab. Die Ränge hatten sich längst gefüllt, als Jacksons Familie und Trauergäste aus dem persönlichen Umfeld in den ersten Reihen Platz nahmen. Im Bühnenhintergrund prangte ein Bild des King of Pop mit der Aufschrift In Loving Memory. Vor dem Staples Center drängten sich zur gleichen Zeit bereits hunderte Menschen, auf riesigen Leinwänden wurden Szenen aus dem Leben Jacksons gezeigt. Jacksons Familie und rund 100 Trauergäste hatten zuvor bei einer privaten Zeremonie auf dem Friedhof Forest Lawn Abschied vom King of Pop genommen.
Jacksons Bruder singt - die Hand im legendären Handschuh
Zum Auftakt der Feier verlas Soulstar Smokey Robinson Würdigungen von Freunden Jacksons, unter anderen Diana Ross und Nelson Mandela. Um kurz nach 10.30 Uhr, nach mehreren Minuten des Schweigens und der stillen Andacht, erklang Klaviermusik. Der mit zahllosen Blumen geschmückte goldene Sarg wurde zum Gesang eines Gospelchors auf die Bühne des Stadions getragen – unter anderem von Michael Jacksons weinenden Brüdern. Als Bühnenbild war ein riesiges Kirchenfenster im Staples Center zu sehen, das orange-gelb leuchtete.
Nach einer Ansprache des Geistlichen Lucious Smith war die Sängerin Mariah Carey die erste, die auftrat – sie trug gemeinsam mit dem Sänger Trey Lorenz das Lied „I’ll be there“ vor. Nach einem Zusammenschnitt von Jackson-Hits mit wichtigen Szenen aus seinem Leben und seinen Videos, trat dann Stevie Wonder auf die Bühne und setzte sich an einen Flügel. Bevor er den Song „Never Dreamed You’d Leave In Summer“ sang, sagte Wonder unter anderem: „Ich liebe dich Michael, und ich habe es Dir immer wieder gesagt.“ Und dann traten sie alle auf, die Kollegen, die Freunde: John Mayer, Jennifer Hudson und Brooke Shields, Larry King, Bernice King, Spike Lee, Usher, unter anderen. Jermaine Jackson sang für seinen verstorbenen Bruder den Song: „Smile“, ein Lied Charlie Chaplins. Er trug an der rechten Handschuh einen hellen Glitzerhandschuh – wie ihn sein Bruder Michael einst trug. Der berühmte Handschuh.
Jackson selbst hätte vermutlich das Ende der Show am besten gefallen. Da fassten sich alle Fans an den Händen und sangen „Heal the world“; eben jenen Song, mit dem er in den 80er-Jahren gegen den Hunger in der Welt angetreten war. Am Schluss kam noch die Familie zu Wort.
Als würde ganz Köln gleichzeitig nach Kalifornien reisen
Dass es im Staples Center gigantisch zugehen würde, hatte sich bereits in den Tagen zuvor abgezeichnet. Seit Jacksons Management vergangene Woche die Nachricht dementiert hatte, der verstorbene „King of Pop“ solle auf seiner ehemaligen Ranch Neverland beerdigt werden, sammelten sich vor dem Stadion Fans aus aller Welt. Wie populär Jackson nach seinem Tod wieder war, belegt die Tatsache, dass die Fans in den vergangenen Tagen in der Stadt ihrerseits von Touristen als Attraktion gefeiert wurden. Ein Foto. Ein Händeschütteln. Ein Gespräch. Wer dieser Tage – aus welchem Grund auch immer – nach Los Angeles reiste, der wollte die Erinnerung an den bisher größten Verstorbenen des 21. Jahrhunderts mitnehmen. Der Fan als Souvenir, so weit muss man es erst einmal bringen. So weit hat es vor ihm noch keiner gebracht.
700.000, wenn nicht gar eine Million Menschen sollen sich in den vergangenen Tagen auf den Weg nach Los Angeles gemacht haben, um dort von ihm Abschied zu nehmen. Das wäre in etwa so, als würde ganz Köln gleichzeitig in Richtung Kalifornien aufbrechen.
Zwar hatten sie keine Chance, vor Ort noch eines der 17.500 Tickets zu bekommen. Aber sie wollten wenigstens da sein: „Michael hat so viel für uns getan, er hat uns Hoffnung auf eine bessere Welt gegeben“, sagte Shila, die aus San Diego angereist war. Wie Jackson das geschafft hat, ist ein Rätsel, das sie selbst nicht ganz lösen kann. Seine Musik, seine Art zu tanzen, seine Hingabe hätten ihn so besonders gemacht – man kann sagen, dass Jacksons Versuch, der Masse näher zu kommen, erfolgreich war.
442.000 Jackson-Alben allein in den USA verkauft
1,6 Millionen Menschen hatten sich für Tickets beworben. 11.000 durften schließlich die Show im Staples Center verfolgen, die anderen mussten in das gegenüber liegende Nokia Theater ausweichen. Die Karten durften sie am Nachmittag zuvor beim Dodger Stadium abholen. Dort wiederum staute sich der Verkehr um die Mittagszeit bis auf den Freeway zurück. Fans aus anderen Bundesstaaten gerieten in Panik, da sie befürchteten, es nicht rechtzeitig zu schaffen – eigentlich ein Unding in Los Angeles, der Stadt, die sich selbst als Nabel des Entertainments begreift. Aber die Fans kamen ja von überall her – und konnten deswegen nicht so routiniert sein. Am Ende fiel der Ansturm der Fans aber offenbar deutlich geringer aus, als von der Polizei erwartet. Laut Polizei versammelten sich statt der erwarteten 250.000 nur etwa 1000 Fans.
Im Internet wurden die Tickets zeitweise für fast 10.000 Dollar gehandelt. Diese Art der Ausschlachtung war den Fans dann doch zu viel. Dabei ist ein Ticket für ein paar Tausend Dollar noch harmlos im Vergleich zu dem, was Jacksons Familie mit dem Verstorben vorhat. So gibt es das Gerücht, dass seine Ranch Neverland in ein Museum umgewandelt werden soll. Und auch an seiner Musik dürften die Erben ordentlich verdienen. In der vergangenen Woche waren die drei bestverkauften Alben in den USA von Michael Jackson. Insgesamt gingen allein in den USA 442.000 seiner Alben über die Ladentische. Das war 40 Mal so viel wie in den Wochen zuvor. Die Euphorie reicht weit über die USA hinaus – in den deutschen Charts sind neun Alben und 24 Singles Jacksons platziert, wie Media Control mitteilte. Da ist es nur logisch, dass die Stadt Los Angeles recht bald an die Familie und den Konzertveranstalter AEG herantreten und zumindest einen Teil der enormen Kosten zurückzuverlangen dürfte, die die Veranstaltung kostet.
"Der beste Vater, den man haben kann“
Um mit dem Ansturm der Fans fertig zu werden, musste die Polizei das Gelände weiträumig absperren. Wer kein Bändchen und kein Ticket besaß, kam dort überhaupt nicht hinein. Der Verkehr wurde umgeleitet. Leisten kann sich Los Angeles den Einsatz eigentlich nicht.
Im Haushalt der Stadt klafft ein Loch von 530 Millionen Dollar. Angeblich sollen die Kosten für das Polizeiaufgebot aus einem Fonds bezahlt werden, der Gelder für solche Ereignisse bereithält. Trotzdem rief die Stadtverwaltung über das Fernsehen bereits Privatleute und Unternehmen auf, für die Organisation der Feier zu spenden. Auch das gab es in der Stadt vorher noch nie. Es ist noch nicht bekannt, wann Jackson dort seine letzte Ruhe finden soll. Einerseits eine würdige Ruhestätte: Auf dem Friedhof sind zahlreiche Hollywood-Größen wie der Komiker Stan Laurel, der deutsche Regisseur Fritz Lang und die Schauspielerin Bette Davis beerdigt. Andererseits stehen ihre Namen auf schlichten Metallplatten, die nicht pompöser sind als die der anderen, weniger berühmten Verstorbenen.
Nicht im Saal am Dienstagabend war Jacksons langjährige Vertraute, Elizabeth Taylor. Ihr war die Inszenierung zu groß: „Ich glaube einfach nicht, dass Michael gewollt hätte, dass ich meine Trauer mit Millionen anderen teile. Ich möchte bestimmt kein Teil davon werden. Ich liebe ihn zu sehr.“
Vielleicht hatte sie Recht. Ganz am Ende der Veranstaltung, als die Brüder und Schwestern des Toten auf der Bühne standen, alle mit Handschuhen und Sonnenbrillen, trat Michael Jacksons Tochter Paris auf. Schluchzend sagte sie: „Daddy war der beste Vater, den man haben kann. Ich liebe ihn.“
Der Sarg mit dem Leichnam von Michael Jackson wurde nach der Trauerfeier an einen unbekannten Ort gebracht. Die Familie ließ weiterhin offen, wann und wo der „King of Pop“ beerdigt wird, berichteten US- Medien. Laut dem Internet-Dienst tmz.com soll er, anders als erwartet, nicht auf dem auf dem Prominentenfriedhof Forest Lawn in Los Angeles beigesetzt werden.



























































