Für den Pizzaboten schien es anfangs eine Lieferung wie jede andere. Der Wächter am Sony-Eingang in Los Angeles wies ihm den Weg zu einem Gebäude auf dem Studiogelände. Nicht weniger als acht Bewaffnete umringten den Ziegelbau. Die Tür öffnete sich und ein Mann fuchtelte mit Hand-Scanner herum, bevor er ihn durch eine weitere Tür schob. Dort erwartete ihn die komplette Flughafenprozedur – Geldbörse, Handy, Schlüssel; auch die Pizza verschwand in der Durchleuchtungskammer. Als klar war, dass sie keine unerlaubten Zusatzstoffe enthielt, wurde der Bote zum Fahrstuhl eskortiert. Per Code-Karte aktiviert, fuhr der ihn in den zweiten Stock, wo ein weiterer Wächter seinen Ausweis kontrollierte, bevor die längst kalte Pizza abgegeben werden durfte. Das Gleiche wiederholte sich auf dem Rückweg – später auch für die leere Pizza-Schachtel; es konnte ja ein USB-Stäbchen im Müll versteckt sein.

In gewisser Weise war die Sicherheitsparanoia bei „Project Love“ – so der Deckname für Michael Jacksons Schwanengesang „This is it“ – sogar verständlich, steht doch eine Milliarde Dollar auf dem Spiel. Fünf Tage nach Jacksons Tod hatten sich vier Personen in die Schnitträume von AEG auf dem Unterhaltungs-Campus LA Live in Los Angeles eingeschlossen; AEG steht hier nicht für die gute alte deutsche Hausgerätefirma, sondern für Anschutz Entertainment Group, einen Multi, der weltweit Tourneen veranstaltet und Arenen wie die O2 World in Berlin betreibt.

AEG-Chef Randy Phillips, der Michael Jackson zweimal eine Welttournee vorgeschlagen hatte und zweimal abgeblitzt war, sah sich mit drei Technikern die Früchte seines dritten Anlaufs an: 130 Stunden Videoaufnahmen von den Proben zu Jacksons Londoner Bühnenshow, die der Sänger nicht mehr ablehnen konnte, weil ihn die Schulden niederdrückten. Ein paar Tage später erschienen bei Philipps die Lenker der größten Filmstudios – Fox, Universal, Sony, Paramount. Als die 15 Minuten Ausschnitte vorbei waren, so Phillips, „bekämpften sich die vier gegenseitig, um den Film zu bekommen. Sie sind total ausgerastet.“

Den Zuschlag erhielt Sony für 60 Millionen Dollar. Sony stehen alle Einnahmen zu, bis der Film die 200-Millionen-Marke erreicht hat, danach fallen 90 Prozent der Kartenverkäufe den Jackson-Erben zu, zehn Prozent AEG. Allein am ersten Wochenende, erwarten Industriekenner, werden 300 Millionen in die Kinokassen fließen. Die Dollars aus den „This is it“-DVDs, die erst nächstes Jahr in den Handel kommen sollen, werden zwischen AEG, Sony und den Erben gedrittelt. Die Milliarde scheint ein realistisches Ziel, und alle Beteiligten tun ihr Möglichstes, damit Michael Jackson tot mehr wert ist als lebendig. Bei den Londoner Konzerten hatte Phillips die möglichen Einnahmen für Jackson noch auf maximal 100 Millionen geschätzt.

Dienstagabend soll nun der Riesen-Transfer beginnen. Ab 18 Uhr Ortszeit (Mittwoch früh 2 Uhr in Berlin) findet in Los Angeles die „This is it“-Premiere statt, die in Kinos in 15 weitere Städte live übertragen wird, u.a. nach Rio, London, Johannesburg, Seoul und Berlin. Dabei wird es neben dem Roten-Teppich-Pomp auch eine kleine Störung geben: demonstrierende Fans, die sich unter der Parole „This is not it“ vereinigt haben, um ihrem Idol einen letzten Dienst zu erweisen: „Wir geben nicht vor, genau zu wissen, was in dieser verhängnisvollen Nacht im Juni geschah“, heißt es auf ihrer Website www.this-is-not-it.com , „aber wir wissen, dass Michael Jackson in den Wochen vor dem 25. Juni langsam aus Profitgier getötet wurde. Das steht fest, und es ist unser Anliegen, es Euch zu beweisen.“

Die Website enthält Augenzeugenberichte einer Reihe von Fans. „Ich war durchweg in Michaels Nähe während seines Aufenthalts hier in den letzten acht Monaten seines Lebens“, schreibt eine Talin. „Wenn ich nicht anwesend war, waren andere Fans vor Ort. Nehmt deshalb unsere Aussagen ernst, denn als Gruppe sahen wir Michael täglich.“ Eine Sandy postet eine Mail, die sie vier Tage vor Jacksons Tod an dessen Maskenbildnerin Karen Faye gesandt hatte: „Ich habe ihn im Tanzprobenstudio getroffen und war echt schockiert. Ich bemerkte, wie seine Schulterknochen buchstäblich aus seinem Hemd herausragten. Er war beängstigend mager. Als ich ihn umarmte, glaubte ich, ein Skelett zu umarmen.“

Eine Samantha berichtet über ein Treffen vom 29. Mai. Jackson „erzählte uns, dass er schlafen gegangen war mit dem Gedanken, es würden zehn Konzerte sein, um am nächsten Morgen festzustellen, es sind 50! Er sagte: ,Sie haben das ohne meine Zustimmung getan’.“

„This is it“, singt Michael Jackson in dem ersten postum veröffentlichten Lied, einem Demo-Band von 1983, das schnell mit Streichern und Hintergrundgesang seiner Brüder unterlegt wurde. „Here I stand. I’m the light of the world. I feel grand.” Die „This-is-not-it“-Fans fordern nicht zu einem Boykott des Films auf, aber gegen dieses „Ich fühle mich großartig” wenden sie sich. „AEG stellt es so dar, als sei er in guter Verfassung gewesen, aber wir haben etwas Anderes gesehen“, schreibt Talin. Sandy ergänzt: „Ich kann versichern, dass Michael AEG und Randy Phillips weder gemocht noch getraut hat. Vielmehr fühlte er sich finanziell von ihnen versklavt.“ Wie scherzte Phillips doch im März: „Wenn Michael zu nervös wird, um weiterzumachen, werfe ich ihn mir über die Schulter und trage ihn auf die Bühne. Leicht genug ist er ja.“