Die Arbeitsbedingungen in Somalia sind ideal – jedenfalls für Piraten. Es gibt keine funktionierende Nationalregierung, Armee, Polizei oder Justiz. Von einer Küstenwache ganz zu schweigen. Seit der autokratische Präsident Siad Barre im Jahr 1991 gestürzt wurde, kämpfen die verschiedenen Clans um Einfluss.

Daraus ergibt sich ein zusätzlicher Vorteil für die Piraten: Waffen sind leicht zu bekommen und zu schmuggeln. Sie sollen zum Teil aus der umkämpften Hauptstadt Mogadischu stammen, zum Teil aus dem Jemen, auf der anderen Seite des Golfs von Aden auf der Arabischen Halbinsel. Für Geld gibt es alles, seien es moderne Boote, Geräte für die Satellitennavigation oder Laptops.

Für die meisten Menschen in Somalia sieht das Leben allerdings ganz anders aus. Für sie ist es in dem extrem trockenen, immer wieder von Dürren und Sandstürmen und dann wieder von Fluten heimgesuchten Land aufgrund der anhaltenden Konflikte noch schwieriger, für ihren Unterhalt zu sorgen. Nach Angaben humanitärer Organisationen sind etwa 3,25 Millionen Somalier auf externe Hilfe angewiesen, um überleben zu können – etwa die Hälfte der Bevölkerung. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz in Genf schätzt, dass Hunderttausende Somalier hungern.

Dies ist ein weiterer Grund, warum die Piraterie so blüht, denn sie verspricht ein gutes Einkommen und zum Teil sogar Reichtum. „Alles, was man braucht, sind drei Jungs und ein kleines Boot, und am nächsten Tag bist du ein Millionär“, erklärt ein ehemaliger somalischer Kapitän. Jobs bietet die Branche sowohl den bewaffneten Milizen als auch den Fischern, die mit ihren traditionellen Fangmethoden schon lange nicht mehr gegen die illegal vor ihrer Küste fischenden Trawler aus den Industrieländern bestehen können.


Die Zahl der Männer, die die eigentlichen Überfälle ausüben, ist zwar klein, aber sie bringen reichlich Geld in Umlauf. Davon profitieren allerlei Händler, Restaurantbesitzer und nicht zuletzt die Baubranche, die die zum Teil palastartigen neuen Gebäude der neureichen Seeräuber hochzieht. Die Aussichten auf ein besseres Leben haben häufig sogar die alten Clan-Konflikte beendet: Männer, deren Familien sich jahrzehntelang bekämpft hatten, arbeiten nun bei den Überfällen auf Frachter und Tanker Hand in Hand.

Die Piraten halten sich vor allem in Puntland auf, das sich 1998 zur autonomen Region erklärt hat. Westlich davon liegt Somaliland, das sich seit 1991 als unabhängige Republik betrachtet. In Somaliland existieren funktionierende politische Strukturen, es gibt eine gewisse Stabilität.


Der Rest Somalias ist geprägt vom Versuch radikaler Islamisten, das Machtvakuum auszufüllen. Die „Union Islamischer Gerichte“ wurde zwar mit dem Einmarsch der Äthiopier vor knapp zwei Jahren geschwächt, erstarkte aber wieder und kontrolliert heute fast den gesamten Süden. Die Gesellschaft für bedrohte Völker berichtet von Auspeitschungen und Steinigungen. Im Grenzgebiet zu Kenia sind in der vergangenen Woche zwei italienische Nonnen entführt worden. Kenia rechnet nach dem für Ende des Jahres geplanten Abzug der äthiopischen Soldaten offenbar mit einer Verschlechterung der Lage: Die Armee hat bereits die Truppen an der Grenze zu Somalia verstärkt.

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