Morgenpost Online: Sie sind mit der Musik Michael Jacksons aufgewachsen. Als sein erfolgreichstes Album „Thriller“ erschien, waren Sie gerade vier Jahre alt.
Katharina Wagner: Ja, aber danach kamen ja noch viel mehr Hits. „Bad“ oder „Heal The World“ – oder wie sie alle heißen. Ich komme zwar aus einem klassischen Musikhaushalt, habe diese Songs aber permanent im Radio mitgehört. Es war ja auch die Zeit, in der die Videos bei MTV und Viva kamen.
Morgenpost Online: Genie oder tragische Gestalt – was haben Sie in ihm gesehen?
Wagner: Als Künstler war er wirklich ein Genie – allein vom Bewegungsduktus. Wie er auf der Bühne stand und seinen Moonwalk getanzt hat, das war einzigartig. Auch wenn man von einer Selbstinszenierung sprechen möchte, dann ist das etwas, was man in dieser hohen Qualität erst mal erreichen muss.
Morgenpost Online: Haben Sie ihn mal live im Konzert gesehen?
Wagner: Ja, er war 1992 in Bayreuth, im Hans-Walter-Wild-Stadion. Kaum zu glauben, oder? Das Konzert war unglaublich gut durchchoreografiert. Eine Selbstinszenierung, von der ersten bis zur letzten Sekunde. So etwas kostet wahnsinnig viel Selbstdisziplin. Das muss man einfach schätzen, besonders als Regisseurin.
Morgenpost Online: In den Nachrufen auf Michael Jackson heißt es, er sei an einem gebrochenen Herzen gestorben. Gäbe sein Leben Stoff für eine Oper her?
Wagner: Ich kann das nicht beurteilen, ich kannte den Mann nicht persönlich. Sein Privatleben hat mich nie interessiert. Natürlich ist es Stoff für ein Musical – das sieht man an Abba oder Falco. Ob es sich auch für eine Oper eignet, weiß ich nicht.
Morgenpost Online: Warum Musical und nicht Oper? Die Grenze zwischen E- und U-Kultur ist doch durchlässig geworden.
Wagner: Dann wäre es aber eine Rock-Oper. Sie müssen seine Lieder ja irgendwie mit einbringen, dafür braucht man kein klassisches Orchester. Die Oper ist aber nicht die Form, die seinem Leben gerecht wird. Dazu war dieser Mann in seinen eigenen Shows zu sehr auf die Show bedacht.
Morgenpost Online: Ist Jacksons Erfolg tatsächlich nur seinem Talent geschuldet – oder nicht doch eher Produkt einer erfolgreichen Selbstvermarktungsstrategie?
Wagner: Ich glaube, dass das immer ein Zusammenspiel aus beidem ist. Wenn man absolut talentfrei ist, reicht auch eine grandiose Vermarktung nicht, wie man gerade an den vielen Castingshows sehen kann. Die Käufer lassen sich nicht hinters Licht führen. Sie merken schon, ob ein künstlerischer Impetus dahintersteckt oder nicht.
Morgenpost Online: Hat dieser Tod Jacksons nicht etwas von einer Inszenierung?
Wagner: Ich will da gar nicht spekulieren. Es wird schon genug geklatscht. Ich traue solchen Geschichten nicht. Die müssen bei Michael Jackson noch extremer gewesen sein als bei mir.
Morgenpost Online: In der Yellow Press kommt die Familie Wagner oft als Antwort auf den Denver-Clan daher.
Wagner: Es hat schon Meldungen über mich gegeben, da war der Wahrheitsgehalt gleich null – oder die Fakten wurden komplett verdreht. Einmal musste ich über mich lesen, ich hätte etwas mit Herrn Schlingensief gehabt. So etwas müssen Sie gar nicht erst dementieren, dann machen Sie es nur noch interessanter.
Morgenpost Online: Was würden Sie Michael Jackson ins Kondolenzbuch schreiben?
Wagner: Schwierig. Man wird immer schnell pathetisch. Alles wurde schon gesagt. Ein großer Künstler ist von uns gegangen. Das reicht.
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