Wir müssen reden, Sonne. Es gibt Aufträge. Es gibt Pflichten. Nennen wir es Konvention, feste Verabredungen, beidseitige Abmachung. Jetzt jedenfalls ist es soweit, heute. Da kann sich niemand hinter der Fußball-WM verstecken, die jetzt angeblich vorgeht. Auch Du nicht, Sonne. Südafrika ist nicht alles. (Außerdem regnet es dort.)

Wir wollen Wärme und die Einhaltung der Jahreszeiten, wir wollen preußisches Pflichtbewusstsein am Himmel, wir wollen den hellsten Paradesoldaten unter den Gestirnen. Hier bei uns. Hier in Mitteleuropa, da sind wir einer alten Geschichtstradition folgend ganz und gar eurozentristisch.

Wir wollen es strahlen sehen und das Prickeln auf der Haut fühlen. „Pacta sunt servanda“, Sonne. Verträge sind einzuhalten. Das wussten schon die sonnenverwöhnten Römer und begründeten so eine große Rechtstradition, ohne die wir heute weder Bikinis noch Sonnencreme kaufen könnten. Wir sind bereit. Nun erfülle jeder seinen Teil.

Unser kollektives Seufzen hat einen Anlass. Ab heute ist Sommer. Ähem, SOMMER. Oder auch „Sommer“.

Es läuft der längste Tag des Jahres. Der 21. Juni bringt die kalendarische Wende, und also ist die wärmste Jahreszeit. Wir mögen diese Zeit. Doch wirklich, das Leben ist für ein paar Wochen nämlich viel leichter, luftiger. Unbeschwertes Draußendasein. (Liebe Sonne, Dein Arbeitsplatz ist weit, weit draußen, aber die meisten von uns sitzen ständig drin und darben deswegen.)

Leider fühlen wir Mitteleuropäer uns seit geraumer Zeit ein wenig benachteiligt. Dauerregen, Unwetter, Schafskälte, o, wie gut kennen wir diese Worte. Wie fühlen wir die Konsequenzen. Überschwemmungen, Niedrigtemperaturen. Am Wochenende hat es auf der Zugspitze 25 Zentimeter Neuschnee gegeben. Muss doch nicht sein!

Die Sonnenleistung 2010 lässt zu wünschen übrig, und dabei haben wir noch gar nicht bei Bademeistern und Biergartenbesitzern nachgefragt. Regen könnten diese Berufsgruppen zuweilen verschmerzen, aber die bisherigen Bibber-Temperaturen um zehn Grad sind wirklich mies. Der Mai? Ärgerlich. Der Juni bisher: Vergiss es. Wir können auch zurück beleidigen, Baby. Mit Schiller darf man der Sonne vorwerfen: „Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt / Schwankt ihr Charakterbild in der Geschichte.“

Der Gerechtigkeit halber wollen wir einen milde gestimmten Blick in den Südwesten Englands werfen. Da hat die Sonne heute alles gegeben und also großartig die Pflicht erfüllt. Um fünf Uhr in der Früh tauchte sie am längsten Tag des Jahres auf und beschien ein paar sehr alte Steine. Die Steine blieben prompt unbeweglich stehen. Aber was war das für ein Hallo!

An normalen Tagen ist dort in Salisbury weniger Betrieb als in einem bayerischen Biergarten im Dauerregen. Heute morgen warteten etwa 20.000 Menschen bei den Steinmonumenten von Stonehenge auf die Sonne. Sie schrien. Sie jubelten. Sie trommelten. Sonnenanbeter, Druiden-Darsteller mit Wallebärten, Alt- und Jung-Hippies. Jede Menge Esoteriker aller Länder.

Sie reckten die Arme seufzend zum Himmel, waren glücklich über die aufgehende Sonne und feierten so, wie sie glaubten, dass die gepflegten Jungsteinzeitler es getan haben, was natürlich putziger Unsinn ist. Jedenfalls konnten die Stonehenge-Jünger ordentlich tanken, wobei wir nicht verhehlen wollen, dass auf den Fotos des Großereignisses die Menschen wirken, als vertrauten sie für ihre gute Stimmung nicht bloß auf Sonnenstrahlen.

Die Aussichten für die Woche sind gediegen. Die Temperaturen steigen, freundliches Wetter ist angekündigt. Lediglich im Norden sind ab und zu noch Schauer möglich, blauer Himmel und zwischen 20 und 25 Grad wird Deutschland erheitern. Der Deutsche Wetterdienst sagt fürs Wochenende sogar 30 Grad voraus. Klingt sehr gut soweit.

Es gibt jetzt keine Ausreden mehr. Der Sommer ist da. Scheine gefälligst, Sonne. Lach doch am Himmel. Mach Überstunden, bitte. Und Wolken: kuscht euch. Hinweg, hinfort. Die Tage werden ab jetzt wieder kürzer, die Nächte länger. Wir fordern Ausgleich.