Mädchen totgebissen

Wenn des Menschen bester Freund zur Bestie wird

Ein dreijähriges Mädchen wurde von vier Bullterriern totgebissen. Gegen die Halterin, die Tante des Opfers, wird ermittelt. Öffentlichkeit und Politik sind wieder aufgeschreckt von einem tödlichen Unglück mit einem Lebewesen, das oft als der beste Freund des Menschen bezeichnet wird.

Im Verzeichnis des Internationalen Hundeverbandes FCI ist der Staffordshire Bullterrier eine anerkannte Hunderasse aus England, Code FCI-Gruppe, Sektion 3, Standard Nr. 76.

Das Wesen dieses Tieres, 40 Zentimeter hoch maximal, 17 Kilo schwer, mit gewaltigem Kopf auf gedrungenem Körper, wird vom FCI folgendermaßen beschrieben: ein Hund von unbeugsamem Mut und Hartnäckigkeit.

Vier dieser Hunde besitzt eine 44-jährige Frau im nordthüringischen Dorf Sachsenburg. Bis zum 21. Mai erntet sie dafür höchstens schiefe Blicke und besorgte Bemerkungen von Nachbarn, denen es nicht sonderlich gefällt, Hunde neben sich zu wissen, die von den Behörden der meisten deutschen Bundesländer als gefährlich und aggressiv eingestuft werden.

Auf deren Rasselisten zur Kennzeichnung solcher Hundearten steht der Staffordshire Bullterrier in der höchsten Kategorie. Der Import von England nach Deutschland ist grundsätzlich verboten. Nur eben nicht in Thüringen und Niedersachsen, wo solche Rasselisten nicht existieren.

Am Freitag dann passiert die Tragödie. Wie schon viele Male zuvor besucht eine 70-Jährige mit ihrer Enkelin das nahe gelegene Haus der Tante des Mädchens. „Hunde gucken“ nennt die Oma die Besuche.

Dieses Mal aber ist alles anders. Aus dem Garten ruft die Tante den beiden zu, sie könnten schon reingehen, die Haustür sei offen. Sie komme später nach. Die Hunde seien drinnen.

Der erste rennt auf das Mädchen zu. Wie immer eigentlich. Aber es wird kein Rempler. Er springt an ihm hoch. Beißt mit voller Kraft ins Gesicht. Die drei anderen kommen im Gefolge und zerbeißen den Oberkörper des Mädchens. Die Großmutter versucht, dazwischen zu gehen.

Vergeblich.

Unter den Schreien stürzt die 44-jährige Hundebesitzerin herein. Da aber ist es schon zu spät und das Mädchen tot. Die Großmutter wird ins Krankenhaus gebracht. Die Tante steht unter Schock, gegen die Frau wird inzwischen wegen fahrlässiger Tötung ermittelt.

Auch gegen die Eltern werde routinemäßig ermittelt, sagt Sandra Bock von der Staatsanwaltschaft Mühlhausen. Es werde geprüft, ob sie nicht gegen ihre Aufsichtspflicht verstießen, indem sie ihr Kind der Uroma anvertrauten. Die vier Hunde waren unmittelbar nach der Tragödie vom Amtstierarzt eingeschläfert worden. Sie waren nicht bei den Behörden gemeldet.

Öffentlichkeit und Politik sind wieder aufgeschreckt von einem tödlichen Unglück mit einem Lebewesen, das oft als der beste Freund des Menschen bezeichnet wird. Das gerade in Deutschland das beliebteste Haustier ist. 7,5 Millionen Hunde gibt es in der Bundesrepublik. Die oft gar als Familienmitglied gesehen werden.

Von denen einige Zehntausend aber auch vor allem deswegen gehalten werden, um mit ihnen Angst und Furcht zu verbreiten.

Zumeist sind das die klassischen Kampfhundrassen, die seit Jahren schon auf dem Index stehen: Bullterrier, American Staffordshire Terrier, Staffordshire Bullterrier und Pitbull. Es sind Rassen, die per Gesetz in Deutschland als gefährlich eingestuft werden. Im Bundesgesetz zur Bekämpfung gefährlicher Hunde werden neben diesen Rassen auch „deren Kreuzungen sowie nach Landesrecht bestimmte Hunde“ einbezogen.

Im Fall der Hundehalterin von Sachsenburg ist allerdings noch lange nicht klar, ob sie diese Rasse hielt, um sie auf aggressives Verhalten abzurichten. Obwohl laut Polizei wegen fahrlässiger Tötung gegen sie ermittelt wird. Was letztlich jedoch nicht bedeute, dass sie dessen auch angeklagt wird.

Weil trotz seiner körperlichen Voraussetzungen ein sogenannter Kampfhund nicht von vornherein eine Bestie ist. Glaubt man der Ethologin Dorit Feddersen-Petersen, einer weltweit anerkannten Expertin für Verhaltensforschung.

„Man kann den Begriff Kampfhund nicht an der Rasse festmachen“, sagt Feddersen-Petersen. Wichtig sei: „Wie wurden die Tiere erzogen? Wie gut und zuverlässig können sie von ihren Menschen im Verhalten beeinflusst werden?“

Ein gefährlicher Hund sei ihrer Meinung nach nicht zwingend ein Kampfhund. Sondern vor allem ein nicht allgemein sozialisiertes Wesen, das keine Rituale im Umgang mit Menschen gelernt hat, keine Tabuzonen kennt und Menschen gegenüber generell distanzlos ist. Die Rasse spiele dabei, wenn überhaupt, nur eine untergeordnete Rolle.

Was zumindest teilweise auch bestätigt wurde von einem tragischen Fall erst im April, als ein Husky, gemeinhin als liebenswürdig bekannt, einen Kinderwagen umstieß und den herausgefallenen Säugling totbiss.

Trotzdem sind zumeist die einschlägigen Rassen an tödlichen Vorfällen beteiligt. Wie vor zehn Jahren, als die ganze Problematik zum ersten Mal breiter diskutiert wurde. Damals wurde ein Junge auf einem Schulhof von einem Pitbull angefallen und tödlich verletzt.

Seitdem rückt das Thema immer wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit, sobald wieder etwas passiert ist. Der innenpolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Wolfgang Fiedler, meldete sich im MDR-Radio zu Wort. Er sagte, dass ein dringender Handlungsbedarf bestehe.

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