Missbrauchsskandal

Wenn Priester unter Generalverdacht geraten

| Lesedauer: 7 Minuten

Seit Bekanntwerden der Missbrauchsfälle stehen sich katholische Geistliche unter Generalverdacht. Ihre Mission – Nächstenliebe zu leben und Menschen zu helfen – ist schwierig geworden. Berührungen sind tabu, sogar ein Schulterklopfen: Ein Priester über den Umgang mit Kindern in Zeiten des Missbrauchsskandals.

Als ich hörte, dass es in katholischen Einrichtungen Fälle sexuellen Missbrauchs gegeben hat, hat mich das nicht sonderlich überrascht. Nach ähnlichen Geschichten in den USA, Kanada, Australien und Irland habe ich schon damit gerechnet, dass auch in Deutschland diesbezüglich Entdeckungen gemacht würden. Ich bin Priester in einem Orden, zu dem auch Schulen gehören. Natürlich treibt einen da auch die Sorge um, dass in den eigenen Reihen Missbrauch geschehen sein könnte. Kurz nach dem Bekanntwerden der Vorfälle am Berliner Canisius-Kolleg wurden in meiner Ordensgemeinschaft mehrere Mitbrüder beauftragt zu prüfen, ob auch bei uns in der Vergangenheit etwas geschehen sein könnte. In der jetzigen Atmosphäre sind ja schon ganz normale Versetzungen, die vor Jahrzehnten stattfanden, irgendwie verdächtig.

Bislang blieben die Nachforschungen ergebnislos. Aber eine Garantie ist das sicherlich nicht.

Nun ist es bei uns so, dass es schon seit etlichen Jahren sehr klare Leitlinien zum Umgang mit Kindern und Jugendlichen gibt. Zum Beispiel, dass man Situationen vermeidet, in denen man sich mit Kindern alleine und in kleiner Zahl in geschlossenen Räumen aufhält. Oder dass möglichst andere Erwachsene dabei sind und körperlicher Kontakt vermieden werden soll. Selbst ein aufmunterndes Rückenklopfen ist nicht gestattet. Ich habe den Verdacht, dass das in katholischen Kreisen oft auf die leichte Schulter genommen wurde und man von einem ziemlich großen Vertrauensvorschuss ausging. Bei uns gab es für diese Fragen schon früh eine relativ starke Sensibilisierung. Ich habe mich da auch immer strikt an die Vorgaben gehalten.

Deshalb dachte ich am Anfang, als die Meldungen kamen, auch: Damit habe ich ja nichts zu tun. Aber wenn es solche Kreise zieht, bekommt man doch mit, wie schnell solche Anschuldigungen einen Menschen kaputt machen können. Ist der Verdacht erst einmal da, ist das Urteil schon gesprochen. Für uns Priester, die wir auch mit Jugendlichen und Kindern arbeiten, macht das den Umgang mit ihnen schwierig.

Es herrscht jetzt einfach eine große Verunsicherung. Ich bin kürzlich gefragt worden, ob ich dabei helfen kann, Kommunionkindern die Erstbeichte abzunehmen. Ich mache das öfter, habe deshalb auch gern zugesagt. Abends kam mir dann der Gedanke, dass es vielleicht in der momentanen Situation problematisch sein könnte. Da war sie wieder, die typische Situation: mit Kindern allein in einem Raum zu sein. Und bei der Beichte ist man nun einmal allein mit ihnen. Mir ist richtig mulmig geworden, Gedanken, die ich früher nicht kannte. Glücklicherweise war es dann so, dass auch Mütter dabei waren, die die Kinder beaufsichtigten, sie zur Beichte brachten und auch wieder abholten. Ich war dann immer nur ganz kurz mit ihnen allein im Raum. Wäre ich die ganze Zeit allein mit den Kindern gewesen, hätte ich alles abgesagt. Das Risiko, jetzt unter Verdacht zu geraten, ist einfach zu groß. Ich habe seit 20 Jahren in meiner Arbeit mit Jugendlichen zu tun. Aber es macht einfach nicht mehr denselben Spaß, weil es inzwischen so wahnsinnig belastet ist.

Ich sehe keinen Zusammenhang zwischen zölibatärem Lebensstil und Missbrauch. Das sagen übrigens alle Experten, auch und gerade die unabhängigen. Die Quoten der Missbrauchsfälle unter Zölibatären sind prozentual nicht höher als bei Menschen, die nicht zölibatär leben. Die Zahl liegt durchschnittlich bei zwei Prozent – wie auch in der Gesamtbevölkerung. Dass jetzt so viele Fälle bekannt werden, hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass die katholische Kirche stark im Bereich Soziales und Erziehung tätig war und es heute noch immer ist. Wenn man da prozentual stärker vertreten ist, kommt es prozentual auch häufiger zu solchen Vorfällen. Das ist in keiner Weise zu entschuldigen. Die Kirche und ihre Vertreter haben den Menschen gegenüber ja eine besondere moralische Verpflichtung. Da brennen Fälle von Missbrauch doppelt unter den Nägeln, weil an Schutzbefohlenen Unsägliches getan wurde. Deshalb ist es besonders wichtig, solche Fälle offen und schonungslos aufzuarbeiten, wenn nicht jegliches Vertrauen aufs Spiel gesetzt werden soll.

Insgesamt finde ich, dass die Kirche heute angemessen auf die Vorfälle reagiert. Ein umstrittener Punkt ist, dass die Kirche daran festhält, nicht jeden Verdachtsfall sofort an die Staatsanwaltschaft weiterzugeben. Als Priester finde ich das richtig. Wenn der Verdacht erst einmal bei der Staatsanwaltschaft ist, wird er auch publik. Egal, ob er stimmt oder nicht. Und dann gibt es kein zurück mehr. Wieso kam denn heraus, wie viel Promille Frau Käßmann hatte, als sie alkoholisiert beim Autofahren erwischt wurde? Ich muss ehrlich sagen, dass da mein Vertrauen in die staatlichen Organe auch eher begrenzt ist.

Ich bin Ende der 80er- und Anfang der 90er-Jahre zum Priester ausgebildet worden. Das Thema Sexualität wurde dabei nicht groß zur Sprache gebracht. Es war schon spürbar, dass der zölibatäre, sehr beschützte Lebensstil eines Priesters auch junge Männer anzieht, die Probleme mit ihrer Sexualität haben. Da waren einige schon sehr verklemmt. Auf der anderen Seite erlebe ich viele ältere Mitbrüder, die diesen Lebensstil sehr geglückt und gelungen bis ins hohe Alter verfolgen. Natürlich ist der Zölibat eine ständige Herausforderung. Aber er führt nicht in den Missbrauch, sondern weit öfter dazu, dass Priester Beziehungen eingehen. Sie haben dann halt eine Freundin. Meist weiß es die Gemeinde und auch die Kirchenobrigkeit. Die sieht dann nicht selten ziemlich gelassen darüber hinweg. Auch Homosexualität wird teilweise ganz offen gelebt.

Aber das alles hat nichts mit sexuellem Missbrauch zu tun. Erzwungene sexuelle Handlungen sind krankhaft. In der Gesellschaft ist heute ein viel größeres Bewusstsein gegenüber sexuellem Missbrauch vorhanden. In den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren ist da – und nicht nur in der katholischen Kirche – sehr viel vertuscht worden. Das entschuldigt nichts, aber es war nun einmal so. Gerade deshalb ist heute der offensive Umgang mit der Problematik gerade vonseiten der Kirche die einzig ehrliche und lebbare Haltung.

Für die katholische Kirche bedeuten die jetzt bekannt gewordenen Fälle mit Sicherheit einen großen Vertrauensverlust. Der Umgang mit Kindern und Jugendlichen wird steriler, reglementierter werden. Die Arbeit wird nicht mehr so entspannt sein, wie sie war und eigentlich auch gewollt ist. Aber noch einmal: Auch wenn ich persönlich das Festhalten am priesterlichen Zölibat für überholt halte – wer denkt, dass mit seiner Abschaffung die Probleme des sexuellen Missbrauchs gelöst würden, der irrt sich ganz gewaltig.

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