Eine Schule wie auf einem Zauberberg. Wer aus der Rhein-Tiefebene kommt, muss sich eine lange kurvenreiche Straße bis fast zum Kamm des mittelgebirgigen Odenwalds empor schlängeln, bis er die Odenwaldschule, eine der renommierten reformpädagogischen Institutionen Deutschlands, erreicht. Unten im Tal ist der Frühling schon zu ahnen, hier oben liegt noch eine Schneedecke in unschuldigem Weiß.

Doch die Metaphern täuschen. Unschuld und Zauber gehören gegenwärtig nicht zu den naheliegenden Begriffen, wenn von der Odenwaldschule die Rede ist. Die Zahl der ehemaligen Schüler, die über sexuellen Missbrauch auf der Odenwaldschule während den 70er oder 80er Jahren klagen, steigt weiter. Schulleiterin Margarita Kaufmann sprach von 24 Fällen. Seither sind mindestens drei hinzugekommen und, so fürchtet sie, „es werden noch mehr werden“.

Auch die zeitlichen Grenzen für diese Missbrauchsfälle, die genannt wurden, sind heute schon überholt. Nicht nur aus der Amtszeit des Schulleiters Gerold Becker zwischen 1971 und 1985 melden sich Betroffene, sondern auch aus den Jahren danach. Der jüngste Fall, der Margarita Kaufmann bislang bekannt ist, datiert auf 1988. „Vielleicht werden wir aber noch von Übergriffen hören, die später stattfanden“, sagt sie. Einer der beschuldigten Lehrer verließ die Odenwaldschule erst 1992 – aus Altersgründen.

Ihr selbst, schreibt Margarita Kaufmann in einem Brief an die ehemaligen Schüler, seien „im Herbst 2008“ die ersten Missbrauchsfälle bekannt geworden. Die Betroffenen hätten, mit Blick auf die Feiern zum 100. Gründungsjubiläum der Schule im April 2010, „als Schwerpunkt bei den Feierlichkeiten eine intensive Aufarbeitung der Vorkommnisse“ gefordert. Ab Frühjahr 2009 haben daraufhin in Frankfurt Gespräche zwischen Ex-Schülern und Vertretern der Schule unter Moderation eines Psychologen stattgefunden. Die Beschuldigungen konzentrierten sich dabei auf vier Lehrer, die den Schuldienst längst verlassen haben. Über 50 Schüler sollen von ihnen regelmäßig missbraucht oder vergewaltigt worden sein.

Das ist nicht das erste Mal, dass Vorwürfe vor allem gegen den ehemaligen Schulleiter Becker laut wurden. Bereits 1999 berichtete die „Frankfurter Rundschau“ über Missbrauchsfälle, die man ihm zur Last legte. Doch die Schule reagierte damals zurückhaltend: Alle Anschuldigungen waren bereits verjährt, die Ermittlungen wurden eingestellt. Von Beckers Nachfolger als Schulleiter wird der Satz kolportiert, dass „alle Menschen auch von Herrn Beckers Wirken profitiert hätten“. Doch nachdem in letzter Zeit zahlreiche Fälle von Missbrauch an verschiedenen katholischen Schulen bekannt geworden waren, ließen sich die betroffenen Ex-Schüler nun nicht mehr abwimmeln und fanden unter ihren ehemaligen Mitschülern immer mehr, die ebenfalls den Mut aufbrachten, vom Missbrauch zu berichten.

Falsch ist es, betont Margarita Kaufmann, die Odenwaldschule als „Eliteinstitut“ nur für Kinder wohlhabender Familien zu betrachten, die sich ein hohes Schulgeld leisten könnten. Ein nicht geringer Teil der Schüler sei unter Beteiligung des Jugendamts auf die Odenwaldschule gekommen, da die Kinder in ihrem angestammten Lebensumfeld als „seelisch oder körperlich“ gefährdet gelten. Der Anteil dieser Schüler sei, sagt Margarita Kaufmann, „in der Amtszeit von Gerold Becker ausgeweitet worden.“ Man kann darin einen Hinweis auf ein soziales Engagement Beckers sehen. Oder ein Indiz dafür, dass er Wert darauf legte, „emotional bedürftige“ Kinder auf die Schule zu holen. Auf jeden Fall ist, stellt Margarita Kaufmann fest, unter den missbrauchten Schülern die Quote der „Jugendamts-Kinder“ sehr hoch.

Schwer begreifbar ist für die Schulleiterin, die ihr Amt 2007 übernahm, wie eine derart lang andauernde Missbrauchspraxis, an der so viele Menschen beteiligt waren, öffentlich unbemerkt blieb. „Die Kinder haben Lieder gesungen“, so hat man ihr berichtet, „ganz offen unter freiem Himmel: ‚Herr Be-he-cker, Herr Be-he-cker findet kleine Jungen le-he-cker’“.

Doch seither habe sich die Schule gründlich geändert. Zwei Psychotherapeuten sind angestellt worden, ein Ausschuss „zum Schutz vor sexuellem Missbrauch“ wurde installiert, die Lehrer besuchen entsprechenden Fortbildungen, für Supervisionen werde gesorgt. Vor allem aber gibt es neue Regelungen für die Wohngruppen, in denen die Internatsschüler mit ihren Lehrern zusammenleben. Früher war es möglich, dass ein einzelner Lehrer – so zum Beispiel Gerold Becker – allein mit den Kindern in einem Haus wohnte. Inzwischen sollen nur noch Ehepaare gemeinsam diese Funktion übernehmen.