Der Mut zur Lücke hatte ihr bisher Glück gebracht: Ein kleiner Spalt zwischen ihren Schneidezähnen machte Jessicas Lächeln so unverwechselbar. Doch zwei Tage vor der Final-Show von „Germany’s Next Topmodel“ war der Kandidatin wohl nicht mehr zum Lachen zu Mute – und auch Zähne zeigen half nicht mehr. Nach Maria musste auch sie kurz vor Schluss das Laufstegrennen aufgeben – neben der bereits gesetzten Mandy ziehen Sara und Marie ins Finale ein.

Und die gaben sich natürlich reichlich überrascht nach der Entscheidung – ganz so, wie man es sich von drei bescheidenen jungen Damen wünscht, denen gerade die Modewelt zu Füßen gelegt wird. Immer hübsch „danke“ sagen und das Staunen nicht vergessen: Diese Lektion haben die „Mädchen“ im Klum-Camp mittlerweile gelernt.

Überhaupt: Die Klum. Böse Schelte hat sie einstecken müssen in den vergangenen Tagen. Roger Willemsen und Alice Schwarzer hackten wenn auch in unterschiedlichen Interviews, so doch unisono, auf die Topmodel-Macherin ein: sie sei eine „kaltschnäuzige Scharfführerin“, schimpfte die Emanze Schwarzer, Willemsen mokierte sich darüber, dass sie „kleine Mädchen zum Weinen“ bringe.

Alles richtig. Bleibt bloß die Frage: Aber wenn es doch so funktioniert? Denn auch wenn ihre Anerkennung in Feministinnen- und Feuilletonistenkreisen überschaubar sein mag: Bei ihren Mädchen ist Heidi unangefochten ein Star. Hier wird ihr nicht nur gehorcht, sondern auch gehuldigt.

Bestes Beispiel: Werbespot-Dreh für eine Fastfood-Kette. Statt wie üblich alleine in einen saftigen Burger zu beißen, hat sich Heidi Klum für die neue Kampagne ihre Finalistinnen dazu geholt, wie Schleppenträgerinnen müssen die nun hinter ihr her laufen und am Ende im Chor einmal „Stars“ rufen.

Die Geschichte, die in diesem Werbespot erzählt wird, ist so einfach wie bezeichnend: Heidi Klum marschiert in ihr Stammlokal und erklärt den Zöglingen beim Burgerkauf, wie man sich als Model richtig verhält. „Regel eins: Immer Lächeln“, doziert sie und ihr Wille geschehe.

Man könnte meinen, dass soviel Oberlehrer-Attitüde, egal ob geschauspielert oder gelebt, eine Frau von etwa 20 Jahren abschrecken würde. Weil sie bevormundet wird, sich nicht ernst genommen fühlt. Doch hier scheint die eigentliche Model-Regel Nummer eins zu greifen: Ich duck mich, also bin ich.

Statt Empörung schlägt dem Topmodel Klum absolute Bewunderung entgegen: „Der sagt ihr einmal den Satz, und sie kann es perfekt“, staunt Mandy – zu Recht. Die Textzeile „Und was essen Stars?“ bekommt wohl sonst nicht jede Blondine fehlerfrei über die Lippen. Und auch Sara hat erkannt, warum Heidi Klum so unglaublich erfolgreich ist: „Heidi kann alles auf Knopfdruck: Wenn sie lächeln soll, dann macht sie das sofort hundertprozentig“, sagt die Finalistin schwärmerisch.

Was ja zunächst mal in Ordnung ist. Jeder Mensch braucht ein Vorbild, und wenn man Topmodel werden will, dann sollte man sich auch ein Topmodel vorsetzen, dem man nacheifern möchte. Wirklich problematisch am Format „Germany’s Next Topmodel“ ist also nicht, dass die Sendung Heidi Klum Woche für Woche zweieinhalb Stunden der gnadenlosen Selbstvermarktung gewährt.

Das Problem ist: Um sich selbst groß zu geben, macht Klum ihre Kandidatinnen klein. Lässt sie minutenlang zittern und Mahnreden ertragen, ehe sie sie ohne Foto nach Hause schickt. Und weil das allein so durchschaubar wäre, hat sie dabei Unterstützung: Wenn Heidi mal nicht schimpfen mag, tun das eben ihre anderen Jury-Mitglieder Peyman oder Rolf. Der kleine Glatzkopf und der affektierte Franzose, beide in einer männlichen Version der Sendung sicherlich chancenlos, provozieren die Models so gut sie können – und fühlen sich für jeden Fortschritt gleich mitverantwortlich: „Von innen bist du dann auch stolz“, schwärmt Rolf, „und dann sagst dir: Ja, das ist toll, dass wir die Mädchen so gut hinbekommen haben.“

Entlarvender könnte man es wohl nicht ausdrücken. Wo Dieter Bohlen und seine Kumpanen noch nach Superstars suchen, backt sich Heidi Klum einfach ihre Topmodels – erfolgreicher scheint sie mit diesem Konzept auf jeden Fall zu sein.

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