Die nordrhein-westfälische Schulministerin Barbara Sommer (CDU) ist selbstkritisch. „Wir haben ein Stück weit Mädchen ausgeklammert“, sagt sie. Das Täterprofil von Amokläufern müsse um Mädchen erweitert werden.

Tatsächlich liegt der Anteil von Frauen oder Mädchen an schweren Gewalttaten meist im einstelligen Prozentbereich. Nach einer Studie der TU Darmstadt wurden nur 4 von etwa 100 Amokläufen an Schulen weltweit von Mädchen verübt. „An dem Slogan „Gewalt ist männlich“ ist viel wahres dran“, sagt Prof. Bernd-Rüdiger Sonnen vom Institut für Kriminalwissenschaften der Universität Hamburg. Und der Kriminologe Christian Pfeiffer ergänzt: „Je schwerer die Tat ist, desto mehr dominieren die Jungen, je weniger schwer, desto mehr gleichen sich die Zahlen an.“ Dies gelte auch für Erwachsene. Ausnahmen habe es allerdings schon immer gegeben, betont der Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen und nennt als Beispiel die Baader-Meinhof-Gruppe.

Die Ursachen für diesen „Gender Gap“ – die Kluft zwischen den Geschlechtern – liegen nach übereinstimmender Expertenansicht in einer Kombination aus genetischen und soziologischen Faktoren. „Vom evolutionsbiologischen Ansatz her betrachtet haben Männer und Frauen sozusagen unterschiedliche Funktionen“, erläutert der Direktor des Instituts für Psychologie der Uni Hildesheim, Prof. Werner Greve. Für die urtümlichen Aufgaben des Mannes als Jäger oder Krieger sei Aggressivität sogar nützlich.

Hinzu komme die Sozialisationstheorie, nach der die Männer- und Frauenrollen in unserer Kultur sehr deutlich verteilt sind. „Dazu gehört zum Beispiel eine Erziehung nach dem Motto: „Männer weinen nicht“, sagt Greve. „Trotz aller Angleichung werden Jungen und Mädchen noch immer sehr unterschiedlich geprägt“, meint Pfeiffer. Auch Filme, in denen Männer als Kämpfer oder Helden dargestellt werden, trügen dazu bei.

Die Verarbeitung von Problemen geschehe bei Jungen und Mädchen unterschiedlich. „Mädchen bewältigen Konflikte eher nach innen als nach außen, sie neigen auch eher zu Depressionen als Jungen“, sagt Kriminologe Sonnen. Außerdem hätten sie oft eine „beste Freundin“, mit der sie Probleme besprechen, während Jungen glaubten, sich in einer Clique beweisen und nach außen hin selbstbewusst darstellen zu müssen.

Auch wenn Frauen und Mädchen seltener als Männer zu körperlicher Gewalt neigen – „in der Ausübung psychischer Gewalt wie Mobbing stehen sie Männern keinesfalls nach“, betont Psychologe Greve. „Frauen können durchaus auch aggressiv sein, aber typischerweise nicht mit Messern oder Maschinengewehren.“ Für körperliche Gewalt fehle ihnen oft schlichtweg die körperliche Konstitution.

Der Kölner Kriminologe Michael Walter sieht in einem „waffenstrotzenden Auftreten von Amokläufern“ ein „Macho-Gebaren, das einem männlichen Verhaltensmuster entspricht“. Allerdings könne der Effekt einer solchen Tat auch für Frauen reizvoll sein: Ein riesiges Polizeiaufgebot, eine große Medienpräsenz – „das Ganze erregt eine gigantische Aufmerksamkeit, die eine hohe Attraktivität besitzt“.

In der Regel seien Amoktaten an Schulen lange im Voraus geplant. Oft stecke auch eine tiefe Verzweiflung dahinter.

dpa