"Von 260.000 Polizisten in Deutschland ist nur ein Prozent für die Herausforderungen durch das Internet gewappnet“, sagte Klaus Jansen, Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK). Als weitere Konsequenz aus dem Amoklauf, bei dem Tim K. am Mittwoch 15 Menschen und sich selbst getötet hatte, sollte eine bundesweite Anlaufstelle für alle Formen von Internetkriminalität eingerichtet werden, sagte Jansen.

"Es gibt die 110 und die 112 in der realen Welt, aber an wen wende ich mich in dringenden Fällen, wenn ich etwas Auffälliges im Internet sehe?“, gab der BDK-Vorsitzende zu bedenken. Jansen forderte die Politik zu massiven Investitionen für mehr IT-Wissen im Polizeiapparat auf. Es gebe immerhin rund 42 Millionen Internetnutzer in Deutschland. Das betreffe auch die Bezahlung, schließlich stehe man im Kampf um die besten Köpfe in scharfem Wettbewerb mit der Privatwirtschaft.

Den Beamten in Baden-Württemberg ist Jansen zufolge kein Vorwurf zu machen, da man Fälschungen im Internet schwer nachvollziehen könne. Dort hinterließen Täter – oder auch Fälscher von Amok-Drohungen - schließlich keine DNA-Spuren, man habe oft nur die IP-Adressen von Computern: „Wir wissen aber häufig nicht, wer vor dem Rechner sitzt.“ In der vom BDK vorgeschlagenen Clearing-Stelle sollten Soziologen, IT-Experten, Juristen und Polizisten sitzen, um Fälle „in Echtzeit“ bewerten zu können – etwa bei Amoklauf-Ankündigungen.

Die in dieser Stelle gebündelte Kompetenz könnte dafür sorgen, dass Fälle sofort richtig bewertet würden und umgehend Maßnahmen eingeleitet werden könnten. Diese Stelle könne auch für Hinweise aus dem Ausland als zentraler Ansprechpartner dienen – etwa wenn ein Internet-Nutzer dort nachts eine Drohung für eine Bluttat in Deutschland sieht. Laut Jansen muss der Staat in diesem Bereich besser erreichbar sein.

„Wir brauchen aber auch eine internationale Rechtshilfe in Echtzeit“, sagte der seit 2003 dem BDK vorstehende Kriminalbeamte. Im Fall Winnenden steht der Server, über den die wohl gefälschte Amok- Androhung veröffentlicht wurde, in den USA. Seit Tagen versuchen die Beamten in Baden-Württemberg dort Klarheit über die Nutzer des betreffenden Internetforums in der Nacht vor der Tat zu bekommen.

Landesinnenminister Heribert Rech (CDU) hatte sich, wie die Morgenpost Online berichtete, wegen seiner Öffentlichkeitsarbeit zu dem Fall des Amokläufers Kritik anhören müssen. SPD-Landtagsfraktionschef Claus Schmiedel bezeichnete es als „peinlich“, dass Rech die Amokdrohung im Internet zunächst als echt bezeichnet hatte, die Ermittler danach aber wieder Zweifel geäußert hätten.

"Genauigkeit muss vor Schnelligkeit gehen“, sagte Schmiedel. Rech unterstrich, als er am vergangenen Donnerstag eine Amokdrohung des Täters im Internet bekanntgegeben habe, habe dies dem „aktuellen Stand der Ermittlungen“ entsprochen. Zweifel an der Echtheit seien erst durch Hinweise Dritter im weiteren Verlauf der Ermittlungen aufgekommen. Es sei richtig gewesen, die Öffentlichkeit über diesen Umstand zu informieren. „Da der mögliche Internet-Chat schon vor der Pressekonferenz zahlreichen Medien bekannt war, hatten wir die Verpflichtung gegenüber der Öffentlichkeit, über diesen Ermittlungsstand zu berichten.“

Die Polizei in Baden-Württemberg hatte sich ihrerseits gegen die vielen Vorwürfe angeblicher Ermittlungspannen gewehrt. Aufgrund der Debatte kündigte sie aber eine zurückhaltendere Pressearbeit an. BMO