13 Waffen waren im Haus. Zwei Gewehre, zehn Pistolen und 4700 Schuss Munition lagen in zwei Waffentresoren. Die Tatwaffe - eine Beretta, Kaliber neun Millimeter - war im Schlafzimmer versteckt. Und die nahm sich der 17 Jahre alte Tim K., dazu mehr als 200 Schuss Munition vermutlich aus einem Waffenschrank. Diesen hatte K.s Vater, der Mitglied in einem Schützenverein ist, mit einem achstelligen Code gesichert. Sein Sohn kannte offenbar die Kombination. Mit der Berretta feuerte er insgesamt mehr als Hundert Schuss ab und tötete in nur vier Stunden 15 Menschen. Dann erschoss er sich in einem Gewerbegebiet knapp 40 Kilometer von seinem Elterhaus entfernt.

9.33 Uhr Ein Schüler ruft bei der Polizei an - Notruf aus der Albertville-Realschule, die Tim K. früher selbst besucht hatte. K. ist vor wenigen Miuten dort erschienen, in schwarzer Kleidung, mit durchgeladener Waffe, und erschoss Menschen.

9. 35 Uhr Zwei Minuten nach dem Notruf kommt eine Polizeistreife mit drei Beamten an der Schule an. Da ist Tim K. noch im Gebäude. Er schießt auf die Polizisten, läuft dann weiter durch die Schule und tötet in drei Räumen im Obergeschoß Kinder und Lehrerinnen. Stephanie Hazenbühler (14), Klasse 9 c: "Er kam in unsere Klasse, sagte kein Wort und schoss wild um sich. Meine Banknachbarin zog mich auf den Boden. Alle schrien. Dann zog er weiter. Zwei Mädchen meiner Klasse starben."

9.43 Uhr Zwei Interventionsteams der Polizei dringen in das Gebäude ein. Die Polizei findet später in einem Klassenraum die Leichen von fünf Kindern, die teilweise noch ihre Stifte in der Hand hielten. Der Amokläufer von Winnenden tötet acht Schülerinnen, einen Schüler, zwei Lehrerinnen, eine Referendarin. Dabei gibt er 44 Schüsse ab. Dann flüchtet er.

9. 50 Uhr Vor der Albertville-Realschule sieht es aus wie im Krieg. "Laufen Sie weiter!", schreit ein Polizist die Passanten an. Hunderte Polizeifahrzeuge, schwer bewaffnete Beamte, zahllose Sondereinsatzkräfte und Rettungsdienstfahrzeuge versperren den Zugang. Was drinnen zu sehen ist, ist so grauenhaft, dass auch Landespolizeipräsident Erwin Hetger nicht mehr kann. Was er in der Schule gesehen hat, sagt Hetger, "das kann man nicht in Worte fassen. Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich geweint habe. Wie sie da in den Stühlen hingen, das war so erschütternd".

Knapp 1000 Polizisten sind im Einsatz und sperren Schule und Teile der Stadt Winnenden ab. Ein Augenzeuge: "Es herrscht blankes Entsetzen." 580 Schüler hat die Albertville-Realschule, sie ist Teil eines Schulzentrums, das insgesamt mehr als 1000 Schülerinnen und Schüler besuchen. Die Kinder werden evakuiert.

Der Weg des Amokläufers

(Weitere Informationen bekommen Sie bei einem Klick auf die Markierungen. Die Karte können Sie mit den Plus- und Minus-Symbolen links oben vergrößern und verkleinern. Mit einem Klick auf die Karte - bei gedrückter linker Maustaste - lässt sich der Kartenausschnitt bewegen. Zudem lässt sich eine Großansicht abrufen.)

Der Plan: ein viel größeres Blutbad

Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech (CDU) sagt später, der 17-Jährige habe den meisten seiner Opfer gezielt in den Kopf geschossen. Rech fügt hinzu: "Es ist auffällig, dass primär Mädchen getötet wurden." Daraus könne man aber

noch kein Motiv ableiten – das sei weiter unklar. Der Amokläufer von Winnenden wollte nach Polizeiangaben möglicherweise noch viel mehr Menschen töten. "Die Menge der nicht abgefeuerten Munition deutet darauf hin, dass er weitaus mehr vor hatte", sagte Ralf Michelfelder, der leitende Kriminaldirektor. Fast hundert Schuss Munition seien übrig geblieben.

Gegen 10.00 Uhr Polizisten stürmen das Elternhaus von K. in Weiler zum Stein, einem Ortsteil des Städtchen Leutenbach. Im gesamten Rems-Murr-Kreis (420.000 Einwohner) werden sicherheitshalber alle Schulen geschlossen werden. Im Krankenhaus sterben zwei Schüler an ihren schweren Verletzungen. Tim K. flüchtet zu Fuß, läuft im schwarzen Kampfanzug durch die Stadt. In der Nähe der Albertville-Realschule gehört, liegt das Landeskrankenhaus Winnenden. Dort feuert K. neun Schüsse ab, tötet dabei einen Handwerker und verletzt einen Passant.

Flucht im entführten Auto

Auf dem Parkplatz des Landeskrankenhauses Winnenden stoppt K. einen Autofahrer mit vorgehaltener Waffe. Er zwingt den 41-jährigen Mann, ihn in seinem grünen VW Sharan mitzunehmen, Richtung Wendlingen. Der 17- jährige Amokläufer setzt sich auf die Rückbank, die Waffe im Anschlag. Der VW-Fahrer fährt los. K zwingt ihn, in Richtung Tübingen zu fahren. Die Fahrt ging weiter nach Nürtingen und über die Bundesstraße 313 nach Wendlingen.

Gegen 12.00 Uhr An einer Kontrollstelle der Polizei am Autobahnkreuz Wendlingen, musste der Fahrer in einer Kurve stark abbremsen. Das Auto kommt von der Straße ab, gerät auf den Seitenstreifen, bleibt stecken. Der Fahrer, den Tim K. entführt hat, kann fliehen. Er alarmiert die Polizei.

Todesschuss am Autohaus

Der Amokläufer von Winnenden flüchtet wieder zu Fuß. Es geht in ein Gewerbegebiet, K. erreicht dort ein Autohaus. Er fordert einen Wagen zur weiteren Flucht. Doch seiner Forderung kommt der Autoverkäufer nicht sofort nach. K. erschießt ihn und einen Kunden – nun sind es 15 Opfer. Zwei weitere Menschen können aus dem Autohaus fliehen, als K. sein Magazin wechselt.

Die Polizei ist da, Zivilbeamte, ein Hubschrauber. Der Amokläufer verlässt das Autohaus und eröffnet das Feuer. Die Beamten schießen zurück und treffen K. mindestens zweimal ins Bein. Die Scheiben des Autohauses werden von Schüssen durchlöchert. Noch in 50 Metern Entfernung durchschlägt eine Kugel die Wand einer Industriehalle.

K. flüchtet zurück in das Autohaus. Dort gibt der 17-jährige mindestens zwölf Schüsse durch die Scheibe auf einen Streifenwagen ab. Dann flüchtet der Amokläufer durch den Hintereingang, schießt erneut auf einen Streifenwagen, zwei Polizisten werden schwer verletzt. Anschließend schießt er auf Mitarbeiter auf einem angrenzenden Firmengelände.

12.30 Uhr Tim K. zieht sich schließlich auf einen Parkplatz zurück. Die Beamten finden schließlich zwischen einer Wand und einem parkenden Fahrzeug. K. liegt auf dem Rücken, er ist tot. Der Amokläufer hat sich selbst erschossen. Dies wird von zwei Augenzeugen beobachtet – und auch gefilmt. Ein Handy-Video, aus dem die Selbsttötung allerdings herausgeschnitten wurde, steht später unter anderem bei bild.de online . Nach dem Amoklauf sollte längere Zeit unklar sein, ob der Täter von der Polizei erschossen wurde, oder sich selbst umbrachte.

13.30 Uhr Pressekonferenz: Tim K. sei völlig unauffällig gewesen und habe einen Abschluss an der Schule gemacht. Er sei „lernschwach“ gewesen und auf einer weiterführenden Schule mit kaufmännischem Zweig gewesen, sagte Innenminister Rech. Pfarrer Wolfgang Peter, der Tim K. im März 2006 konfirmiert hat, erinnert sich an den Jugendlichen als einen ruhigen, aber freundlichen Jungen, der in keiner Weise auffällig war. Keineswegs sei ihm K. isoliert vorgekommen. Wie aus dem freundlichen Jungen der Amokläufer werden konnte, der Pfarrer kann es nicht erklären. Einen Tag nach dem Attentat sollte rauskommen, dass K. in psychiatrischer Behandlung war.

Landespolizeipräsident Hetger sagte: "Es war ein Amoklauf in Reinkultur. Er ist mit einer Waffe in die Schule rein und hat dann das Blutbad angerichtet. So etwas habe ich noch nie erlebt." Im Gewerbegebiet von Weidlingen, wo sich K. tötete, hat die Polizei den Tatort abgesperrt. Beamte suchen dort nach Spuren.

17.15 Uhr Die Leiche des Amokläufers wird von Tatort in Wendlingen abtransportiert.

18.45 Uhr In Winnenden werden die toten Schüler und Lehrer aus der Schule getragen.

19.00 Uhr Für Donnerstag hat die Bundesregierung Trauerbeflaggung angeordnet. Vor allen Gebäuden von Bundesbehörden werden die Fahnen auf Halbmast gesetzt. Auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) und Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) ordneten Trauerbeflaggung für alle Behörden in ihren Ländern an. Bundespräsident Horst Köhler sagte: "Unsere Gedanken sind bei den Opfern und ihren Familien und Freunden. Wir fühlen uns mit ihnen in diesen schweren Stunden tief verbunden." Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zeigte sich „tief erschüttert und entsetzt“. Merkel weiter: "Es ist unfassbar, dass binnen Sekunden Schüler, Lehrer in den Tod gerissen wurden, durch ein entsetzliches Verbrechen."

20.00 Uhr Am Abend halten Weihbischof Thomas Maria Renz und der evangelische Landesbischof Frank Otfried July einen gemeinsamen Trauergottesdienst. Rund 1000 Menschen kommen in die katholische St.-Borromäus-Kirche.

20.15 Uhr ARD und ZDF ändern wegen des Amoklaufs ihr Mittwochabend-Programm. Das ZDF streicht die Unterhaltungsshow "Wie schlau ist Deutschland" mit Johannes B. Kerner. Die ARD sendet einen "Brennpunkt", anschließend nimmt sich Frank Plasberg in "Hart aber Fair" der aktuellen Lage an. In der Ankündigung der sendung heißt es: "Fassungslosigkeit nach dem Amoklauf: Erfurt, Emsdetten und jetzt Winnenden: Die Angst wird zum Begleiter unserer Kinder. Müssen wir uns an amerikanische Verhältnisse in Deutschland gewöhnen? Was machen Internet und Ballerspiele mit Jugendlichen?"

21.00 Uhr In München wird wegen des Amoklaufs das für Donnerstag geplante "Politiker-Derblecken“ auf dem Münchner Nockherberg verschoben. Die Paulaner-Brauerei hat entschieden, die Veranstaltung zum traditionellen Starbieranstich zunächst abzusagen.

AP/AFP/dpa/Reuters/BMO