Seit dem frühen Morgen strömen sie alle zur Albertville-Realschule. Das Meer von Kerzen, Blumen und Beleidsbekundigungen wächst und wächst. In beklommenen Briefen versuchen die Bürger ihren Schock, ihre Ratlosigkeit in Worte zu fassen. Am Morgen nach dem Amoklauf sucht Winnenden nach dem richtigen Umgang mit der wohl schlimmsten Krise, die die Stadt je erlebt hat.

"Warum?“ steht auf einem Schild, das mit Blumen umrahmt an einen Baum gelehnt ist. Noch wütender gibt sich Timo Tasche, der extra aus Recklinghausen angereist ist. „Gott, wo warst Du?“, hat er in roten Lettern auf sein Sperrholzschild gemalt. Eine junge Frau hat vor vier Jahren den Abschluss in der Nachbarschule gemacht. Sie ist mit ihrem einjährigen Sohn auf dem Arm gekommen. „Wir sind schrecklich traurig, hier kennt ja jeder jeden“, sagt sie.

Die Stadt ist voller Fragen – und voller Geschichten. Petra I.s Sohn Adrian zum Beispiel war in einer der Klassen, in denen Kinder getötet wurden. „Mein Sohn hat die ganze Nacht nicht geschlafen“, sagt sie. „Der hat sich immer gefragt, ob denn nun vier oder fünf Mitschüler aus seiner Klasse gestorben sind. Die von der Polizei haben ja nichts gesagt“, sagt die Mutter. Ihr Sohn frage sich deshalb die ganze Zeit, wen er nach der Flucht denn noch lebend gesehen hat.

Mathematiklehrer rief die Polizei

„Als der Tim hereinkam, hat Adrian erst gedacht, das ist ein Scherz“, sagt seine Mutter. Die Kinder hatten die Tür im Rücken, als der Attentäter hereinstürmte. Als der erste Schuss fiel, seien sie dann unter die Tische geflüchtet. Für Adrians Mutter ist klar, wer an jenem Tag noch Schlimmeres verhinderte: Mathematiklehrer Jochen Wilhelm. „Als der unter dem Pult in Deckung gegangen ist, hat er gleich das Handy eines Schülers geschnappt und die Polizei angerufen.“ Die ersten Polizisten waren dann nach wenigen Minuten in der Schule und haben den Täter offenbar von dort vertrieben. Sonst wären womöglich noch viel mehr Schüler und Lehrer der Realschule ermordet worden.

In Adrians Klasse war auch Ibrahim Y., der einzige männliche Schüler, der von Tim K. erschossen wurde. Seine Freunde haben dem Fußballfan ein Hemd von Ronaldo an den Trauerort gelegt. Doch der Fußball war möglicherweise sein Verhängnis. „Der hatte sich beim Spielen so schwer am Knie verletzt, dass er operiert werden musste und nur an Krücken laufen konnte“, berichtet Petra I.. Den Erzählungen ihres Sohnes zufolge war das der Grund, warum Ibrahim es nicht schnell genug geschafft hat, rechtzeitig wegzukommen.

Trotz der Tragödie hat der Notfallplan aber offenbar gut funktioniert. „Die Krisenübungen haben wir zwar immer gemacht, aber eigentlich haben wir immer gedacht: Wir doch nicht“, berichtet Hans-Dieter Baumgärtner, Direktor des Lessing-Gymnasiums, das sich im selben Schulkomplex befindet. „Wir haben das immer als Pflichterfüllung gesehen, heute sind wir dankbar dafür.“ Als am Mittwochmorgen die ersten Polizeikräfte eintrafen, waren auch die Direktoren der weiteren Schulen informiert worden. „Spätestens um 9.50 Uhr war unsere Schule abgeriegelt“, sagt Baumgärtner. Bis zur Evakuierung musste er seine Schüler immer wieder davon abhalten, ans Fenster zu gehen. „Ich wusste ja nicht, ob der nicht auf irgendeinem Dach steht und hineinschießt.“ Eine halbe Stunde lang sei auch nicht klar gewesen, ob man es vielleicht mit einem zweiten Täter zu tun hatte.

Betreuung in der Stadthalle

Lehrer und Schüler der Albertville-Realschule werden am Tag danach in der nahe gelegenen Stadthalle betreut und von der Öffentlichkeit abgeschirmt. Immer wieder brechen aber Gruppen von Schülern zur Schule auf, um davor zu trauern. Manchmal werden sie von Betreuern oder Lehrern begleitet. Andere bleiben unter sich. Aber auch manche Lehrer brauchen Unterstützung und kommen mit Psychologen. Es wird viel geweint. Und die Schüler, besonders die Mädchen, suchen Schutz in den Armen von Freundinnen oder Eltern.

Die angrenzenden Schulen haben beschlossen, wieder Unterricht abzuhalten. Nicht, um Lehrpläne abzuarbeiten, sondern um den Kindern einen Rahmen zu bieten, die Ereignisse zu besprechen und zu verarbeiten. Das, sagt Rektor Baumgärtner, sei mit dem Regierungspräsidium abgesprochen.

Die Gymnasiasten haben miterlebt, wie die Schüler der Realschule auf teils abenteuerliche Weise aus den Fenstern geflüchtet sind. Manche haben auch den toten Techniker auf dem angrenzenden Gelände des Psychiatrischen Landeskrankenhauses gesehen. Deshalb ist auch hier der psychologische Dienst im Einsatz und im Gedenkraum stehen zwei Seelsorger bereit. „Das wird auch intensiv genutzt“, sagt Baumgärtner. Zudem habe man sehr genau protokolliert, welche Kinder nicht zum Unterricht erschienen sind. „Jedem Fall wurde exakt nachgegangen, um zu verhindern, dass jemand hinten runterfällt.“

Morgens hatten die Lehrerinnen und Lehrer bei einer Dienstbesprechung einen Plan bekommen, worauf nach solch einem Schock besonders zu achten ist. Die jüngeren Schüler sollten ihre Eindrücke schreibend oder malend verarbeiten. „Die haben teilweise Bilder gemacht, auf denen stand ,Polizisten sind Helden'“, erzählt der Lehrer einer siebten Klasse.

Nebenan in der Realschule wird der Heilungsprozess nicht so schnell beginnen können. Unter den Lehrern wird diskutiert, ob solch ein traumabelastetes Gebäude überhaupt noch genutzt werden kann. Offenbar soll wenigstens in den unteren Stockwerken, in denen der Amokläufer nicht gewütet hat, bald wieder unterrichtet werden. Das oberste Stockwerk wird aber wohl bis mindestens zum Ende des Schuljahres gesperrt bleiben.

Wie immer ist auch an diesem Donnerstag Markttag in der Fußgängerzone. Und natürlich gibt es nur ein Thema. Man vergewissert sich, auf welche Schule die Kinder der anderen gehen („Deine gehen doch aufs Büchner, oder?“). Man erzählt sich, wo man war, als es passierte, und aus welchen Orten weltweit Freunde, Bekannte und Verwandte angerufen haben, um sich nach dem Wohlergehen zu erkundigen. Wie kann das sein, fragen sich viele, dass der Junge an die Waffe gekommen ist. Jeder kennt irgendjemanden, der auch im Schützenverein ist, seine Waffen aber – so wird jedenfalls beteuert – sicher lagert.

Seit Jahrzehnten hängt die „Winnender Zeitung“ außen an ihrem Redaktionshaus die jeweilige aktuelle Ausgabe in Schaukästen aus. Dort bilden sich nun Menschentrauben, als wollten sie sich Schwarz auf Weiß vergewissern, dass das alles auch wirklich in ihrem Ort, dass es ihnen passiert ist. „Warum?“ steht in weißen Lettern auf der schwarzen Titelseite. Eine Frage, die alle hier umtreibt.

Daneben, im Café „Wallisserie“, regt man sich über die auswärtigen Medien auf. „Das geht die doch alles gar nichts an“, echauffiert man sich am Tresen über Journalisten, die von Haus zu Haus gehen, um die Leute auszufragen. Mit den ortsbekannten „Nußhörnle“ des Walliser sind Generationen von Schülern in dem Ort aufgewachsen. Und schon am Tag des Massakers wird das verrauchte Lokal zur dreh- und interviewfreien Zone erklärt. „Die Schüler haben hier teilweise richtig Zuflucht gesucht“, sagt die resolute Wirtin.

Zurück bei der Realschule sieht man zuweilen mehr Übertragungswagen und Journalisten als Trauernde. Hier wird in unzähligen Sprachen berichtet von einem Ort, den vorher kaum einer kannte. Und mancher der Realschüler berichtet die Erlebnisse des Vortages den ausländischen Journalisten zuliebe sogar bereitwillig auf Englisch. Aber auch, wenn einige Unermüdliche stundenlang jedem Mikrophon Rede und Antwort stehen, so überwiegt doch die Irritation. Sobald sich wieder eine Gruppe mit Kerzen, Blumen oder Briefen dem improvisierten Gedenkort nähert, richten sich mehrere Kameras auf sie. Am angrenzenden Lessing-Gymnasium tauchen an den Fenstern denn auch bald unmissverständliche Plakate an den Klassenzimmerfenstern auf: „Keine Presse“.

Viele haben noch nicht richtig realisieren können, was da über sie hereingebrochen ist. „Man steht neben den Ereignissen“, sagt ein Lehrer. „Irgendwie unwirklich“ hört man in der Stadt nun oft. Die Winnender müssen darauf vertrauen, dass die tägliche Routine, dass die Macht des Alltags sich irgendwann wieder durchsetzen wird gegen das Grauen. Das ist auch der Grund, warum die benachbarten Schulen ihre Kinder gleich wieder zum Unterricht gerufen haben: Ein Lehrer des Lessing-Gymnasiums berichtet von seinen Erfahrungen mit einer fünften Klasse: „Als ich die in der dritten Stunde bekam, haben die gesagt: ,Wir wollen jetzt aber nicht noch mal über den Amoklauf reden.'“ Das Leben muss irgendwie weitergehen.