Eine Titelseite ganz in Schwarz, in großen weißen Buchstaben die Frage: Warum? So erschien am Tag nach dem Amoklauf vom Tim K. das Lokalblatt „Winnender Zeitung“. Die Entscheidung für diesen ungewöhnlichen Schritt sei erst am späten Mittwochabend gefallen, sagt Redaktionsleiter Frank Nipkau. „Wir haben uns lange überlegt, wie man die Fassungslosigkeit über solch ein entsetzliches Ereignis auf den Punkt bringen kann, mit Respekt vor den Opfern und den Angehörigen“, sagt der 44-Jährige. Warum? Das sei die Frage gewesen, die nach der Tat mit 16 Todesopfern die Menschen in der Region beschäftigt habe. Denn niemand habe sich zu diesem Zeitpunkt erklären können, wie es zu diesem Amoklauf kommen konnte.

Auf acht Seiten berichtete die Redaktion über die Bluttat des 17-Jährigen. Bis nach Mitternacht wurden die Artikel immer wieder aktualisiert. Interviews mit Angehörigen der Opfer suchte man allerdings in der Ausgabe vergeblich. Nipkau: „Auch das war eine bewusste Entscheidung, wir wollten diese Grenze nicht überschreiten.“ Stattdessen schalteten Verlag und Redaktion eine ganzseitige Trauer-Anzeige. Auch hier begnügte man sich mit wenigen Worten: „Wir trauern.“

Dass die Zeitung damit neben dem Informationsinteresse den richtigen Ton traf, dafür spricht für Redaktionsleiter Nipkau die Resonanz der Leser. 47.000 Exemplare werden normalerweise gedruckt, für die heutige Ausgabe sei die Auflage „massiv“ erhöht worden. Dennoch sei das Blatt in der 28.000 Einwohner zählenden Stadt Winnenden und Umgebung am Morgen ausverkauft gewesen. Auch die Zahl der Besuche auf der Internetseite www.winnender-zeitung.de sei stark gestiegen.

Das gesellschaftliche Leben in Winnenden sei zum Erliegen gekommen, berichtet Redaktionsleiter Nipkau. Zentraler Anlaufpunkt sei am Mittwochabend ein ökumenischer Gottesdienst für die Opfer gewesen. Weitere Gedenkfeiern sollen folgen. Sämtliche andere Veranstaltungen wie eine Frühjahrsputzaktion und ein Briefmarken-Großtauschtag wurden in der Kreisstadt abgesagt. Denn eine Tragödie solchen Ausmaßes hat die Region noch nicht erlebt. Nipkau: „Das Leben hier ist fast idyllisch. Keine Arbeitslosigkeit, kaum Kriminalität.“ Für größere Aufregung habe in den vergangenen Jahren lediglich ein Vorfall gesorgt. Im Jahr 2002 hatte ein 16-Jähriger in Waiblingen-Neustadt eine ganze Schulklasse als Geisel genommen. Da der Schüler aufgab, endete das Drama damals unblutig.