Vor dem Tor des völlig zerstörten Hotels Montana in Port-au-Prince drängeln sich Menschen. Verzweifelt warten sie auf Nachrichten über vermisste Angehörige.
Wie tausende andere Gebäude ist das einstige Luxushotel Montana eine Ruine, zahlreiche Verschüttete werden dort noch vermutet. Die Zufahrt musste zunächst von schweren Betonteilen und Schutt befreit werden. Häuser waren von einem steilen Hang auf die Straße hinabgestürzt.
Philippinische Soldaten der UN-Mission Minustah sichern das Tor, stets freundlich lächelnd. Doch dahinter herrscht das Grauen. Gerade wurde wieder ein schwarzer Plastiksack mit einer Leiche heraustransportiert. Einer von zehntausenden Toten des Jahrhundertbebens, das die Hauptstadt Haitis zerstört hat.
Drei Rettungsmannschaften aus den USA, Kolumbien und Frankreich sind mit ihren Hunden in den Trümmern des vor allem bei Ausländern beliebten Hotels im Einsatz.
Mehr als 80 Stunden nach dem Beben hatten Suchtrupps noch 23 Menschen lebend aus dem Schutt bergen können. Die Retter aus Kolumbien, verschwitzt und müde, machen eine Pause, ihre drei Hunde sind völlig erschöpft. „Es ist die schrecklichste Katastrophe, bei der ich bisher im Einsatz war“, sagte Rene Oliver Molina. „Das Ausmaß ist unvorstellbar.“
Nach UN-Angaben ist das Erdbeben die schlimmste Katastrophe, mit der die Vereinten Nationen jemals zu tun hatten. Diese Einschätzung traf die Sprecherin des Büros zur Koordinierung humanitärer Einsätze, Elisabeth Byrs, in Genf. Zur Begründung sagte sie, durch das Beben seien die örtlichen Strukturen in dem Karibikstaat zusammengebrochen. „Dies ist eine Katastrophe historischen Ausmaßes“, sagte Byrs. „Noch nie in der Geschichte der Uno sind wir mit einer solchen Katastrophe konfrontiert gewesen. Das ist nicht vergleichbar.“
Byrs verwies auf den verheerenden Tsunami im Dezember 2004 im Indischen Ozean. In der damals besonders stark betroffenen indonesischen Provinz Aceh seien zumindest die Strukturen der örtlichen Behörden intakt geblieben, sagte die UN-Sprecherin. „Hier können wir aber auf keine staatliche Infrastruktur zurückgreifen und fangen praktisch bei Null an.“
In Haiti wurden offiziellen Schätzungen zufolge bislang rund 50.000 Leichen geborgen. Insgesamt werden von der örtlichen Regierung bis 200.000 Tote befürchtet. Nach Angaben von Gesundheitsminister Alex Larsen wurden zudem 250.000 Menschen verletzt. 1,5 Millionen seien obdachlos. Drei Viertel der Hauptstadt müssten neu aufgebaut werden. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon will am Sonntag Haiti besuchen.
Nur wenige Meter von dem zerstörtem Hotel Montana entfernt ist eine etwa 40 Zentimeter dicke und wohl tonnenschwere Decke herabgestürzt. Es war die Terrasse über der Bar. „Mindestens drei Personen liegen dort“, sagt ein Kollege Molinas.
Einer davon ist ein junger Mann. Er hätte es beinahe geschafft, dem Tod zu entkommen, sagt eine Frau, die den Jungen zu kennen glaubt und in Tränen ausbricht. Endlich schaffen es die Kolumbianer, den leblosen Körper hervorzuziehen. Sie bedecken ihn mit einem weißen Tuch. Die Retter schätzen, dass unter den Betonmassen noch bis zu 200 Tote sind.
„Es kommen viele Bergungstrupps, aber das ist noch nicht genug“, sagt Hauke Hoops, Nothilfekoordinator der Organisation Care, zu Morgenpost Online. „Darum machen die Menschen einen großen Teil der Rettungsarbeit selber, graben in den Trümmern mit bloßen Händen und Schaufeln. Sie lauschen, um Hilfeschreie von eingeschlossenen Menschen zu hören. Aber die Hilfeschreie werden immer weniger. Es gibt so viele Orte, wo Hilfe nötig ist, aber die Suchtrupps können nicht überall gleichzeitig sein.“
Dabei sind gerade im Nothelferteam von Care viele selber betroffen. Die 133 Kollegen aus Port-au-Prince haben alles verloren – ihre Häuser, ihre Familien, alles. Sie sind traumatisiert, aber dennoch versuchen sie zu helfen, sagt Hauke Hoops. „Man kann sich kaum vorstellen, wie schwierig das ist: Wenn man die eigenen Kinder verloren hat, es aber unglaublich viel zu tun gibt und jeder Hilfe braucht. Es ist ein Albtraum.“
Viele Menschen vor eingestürzten Gebäuden und hoffen, dass ihre Angehörigen wenn nicht lebend, so doch wenigstens tot geborgen werden. Immer wieder ragen zwischen den Betonteilen Hände, Arme oder Beine heraus.
Schweres Räumgerät ist meist nicht vorhanden. Es ist eine riesige logistische Herausforderung. Alles muss mit dem Flugzeug oder dem Boot herangeschafft werden, aber der Hafen ist zerstört. Im „Hospital Adventiste d’Haiti“ in Port au Prince, das nur leicht beschädigt wurde, sind die Vorräte an Medizin und medizinischen Verbrauchsgütern aufgebraucht, erfuhr Morgenpost Online von der Hilforganisation Adra. Obwohl in dem Krankenhaus seit dem Beben ohne Pause gearbeitet wird, kann das Pflegepersonal den Zustrom an Verletzten nicht bewältigen. Die Klinik und das gesamte Grundstück sind völlig überfüllt. Nun wird dringend auf die Hilfe von außen gewartet.
Ein elfköpfiges Team des Malteserhilfdienstes ist über den Landweg aus der Dominikanischen Republik angekommen. „Die Grenzübergänge sind auch komplett verstopft“, sagte Einsatzleiter Georg Nothelle via Satelliten-Telefon zu Morgenpost Online. „Helfer wollen rein, Haitianer wollen raus. Das hat uns mehr als zwei Stunden an der Grenze gekostet.“
Die lokale Malteser-Organisation hat dem deutschen Team Unterkunft in einem unzerstörten Teil der Stadt verschafft. Im Gegensatz zu vielen anderen Helfern, die teilweise nachts zurück zum Flughafen fahren. Die Malteser verteilen sich nun in Kleingruppen auf die verschiedenen Stadtteile. „Es gibt so viele Orte, wo Hilfe nötig ist, aber die Suchtrupps können nicht überall gleichzeitig sein“, sagte Nothelle. „Überall sind Leichen. Die Menschen laufen an ihnen vorüber, es scheint fast, als schliefen sie. Es ist furchterregend.“
Im Norden von Port-au-Prince sollen Tausende eingesammelte Leichen in einem Massengrab beigesetzt worden sein. An einigen Stellen in der Hauptstadt werden angeblich auch Leichen verbrannt.
Viele Menschen sind traumatisiert. Sie trauen sich nicht mehr, für längere Zeit in Häusern zu sein, auch wenn diese unbeschädigt sind und haben sich in Parks geflüchtet. So wie Jeanty Edrice. „Wir haben nichts mehr, nur noch die Familie“, sagt die Frau. „Wir haben keine andere Möglichkeit, als erstmal hier im Park zu bleiben.“ Immer mehr Menschen strömen hierher, auch Louis Saurel mit seinen Angehörigen.
Die Geduld vieler Haitianer sei bald erschöpft, der Ausbruch von Gewalt möglich. „Sehr bald, nicht innerhalb von Monaten, sondern von Tagen“, warnt Saurel.
Kesner Lomikus, Angestellter eines Supermarktes, steht mit Freunden mitten auf einer Straße. Die Anwohner haben den Asphalt aufgehackt und eine Wasserleitung angezapft. „Wir hoffen, dass die Menschen in der Welt und ihre Regierungen jetzt uns, und nicht unserer Regierung helfen“, sagt Kesner. „Seit Dienstag leben wir auf der Straße, und noch niemand von der Regierung war hier, um nach uns zu sehen und zu fragen, wie es uns geht.“
Der Eigentümer des Restaurants „Mun Cheez“, Gilbert Bailly, will die Hoffnung nicht aufgeben. Für den Karneval hatte er große Mengen Teig gehortet. Da das Fest nun ausfällt, kündigte er im Internet an, kostenlos Pizza zu verteilen. Die Menschen kamen in Scharen.
mit dpa



















