Die Naturkatastrophe, die Haiti traf, war unausweichlich. Gegen Erdbeben, Tsunamis oder Wirbelstürme hat die hoch technisierte Menschheit keine Chance. Die Haitianer aber erleben ein Drama im Drama. Tausende Menschen sterben in den Trümmern, verdursten, verbluten, obwohl sie gerettet werden könnten. Doch Hilfsflugzeuge kehren um, weil der Flughafen verrottet ist, es gibt kein Rettungswesen, keine Infrastruktur, kein Hilfsgerät. Es ist ein gigantisches Elend: Die gewaltige globale Hilfsbereitschaft erreicht die Bedürftigen nicht oder zu spät.
Dieses zweite Drama ist menschengemacht. Denn Haiti ist kein tropisches Inselparadies, sondern ein ausgebeuteter Slum, in dem es auch vor dem Erdstoß kaum Strom gab, weder fließendes Wasser, Schule noch Recht, dafür Hunderttausende Kindersklaven. Diese menschenunwürdigen Zustände sind unter den Augen der Welt entstanden. Dass Hilfe derzeit nicht ankommt, ist auch Folge eines kollektiven internationalen Wegsehens.
Der Niedergang Haitis geschah systematisch. Diktatoren wie François Duvalier, Spitzname „Papa Doc“, schickten Mörderbanden durchs Land, die keinen Lohn bekamen, aber die Erlaubnis hatten, sich zu nehmen, was sie wollten. 30.000 Haitianer fielen dem blutrünstigen Kleptokraten zum Opfer, der die Unterschicht mit allerlei Voodoo-Hokuspokus ängstigte. Die Weltgemeinschaft schaute zu.
Sohn Jean-Claude, genannt „Baby Doc“, führte die unselige Familientradition fort, auch er ließ die Mörderbanden gewähren. 100 Millionen Dollar soll er jährlich aus dem Tabakhandel kassiert haben, für seine Hochzeit verpulverte er drei Millionen, während das Volk darbte. Auch der Armenpriester Aristide, der große Hoffnungen geweckt hatte, mutierte zum Monster. Straßenkriege und Lynchjustiz herrschten immerfort. Haiti erlebte einen anhaltenden Braindrain, wer immer es sich leisten konnte, verließ die Insel. Während an die Strände ringsum die Touristen kamen, stieg Haiti ab zu einem der ärmsten Länder der Welt. Die Weltgemeinschaft schaute zu.
Tourismus mag nicht die edelste Form der Entwicklungshilfe sein. Wo aber Reisende sind, da funktionieren Flughäfen, Straßen, Kanalisation und Wasserleitungen – womöglich gibt es sogar Pläne für den Katastrophenfall. Haiti hat keine Touristen, Haiti hat nichts. Jeder Wirbelsturm traf das Land deutlich härter als beispielsweise das nahe, auch nicht viel reichere, aber besser organisierte Kuba.
Bei allem Respekt vor der internationalen Hilfsbereitschaft müssen sich die Mächtigen der Welt wieder einmal die Frage stellen, wie mit Schlächtern umzugehen ist. Setzen wir unsere Entwicklungshilfe richtig ein? Üben die Vereinten Nationen genügend Druck auf Regimes aus? Wie weit reicht unsere Verantwortung? Wie universell ist der erste und wichtigste Satz aller demokratischen Verfassungen: Die Würde des Menschen ist unantastbar? Auf Haiti ist die Würde der Menschen seit Jahrzehnten aufs Brutalste angetastet worden. Und wir haben zugeschaut. Das Beben eröffnet die Chance, Maßstäbe neu zu ordnen.




















