Bernsteinzimmer

Ein Dorf und die Sehnsucht nach dem Nazischatz

| Lesedauer: 12 Minuten
Philip Volkmann-Schluck

Das Bernsteinzimmer ist seit 1944 verschollen. Nun glaubt ein Bürgermeister in Sachsen, dass der ominöse Schatz im Boden seiner Gemeinde liegt. Die Zukunft des abgelegenen Ortes wäre gerettet. Eine intensive Suche ist ausgebrochen. Dabei hätte das Zimmer wahrscheinlich längst irreparablen Schaden genommen.

Der Weg zur Kiste mit dem Hakenkreuz ist beschwerlich. Er führt durch verschneite Tannenwälder und das Zickzack der rissigen Straßen in den Hügeln des Erzgebirges. Dann weiter mit Regenjacke und Grubenlampe in einen finsteren Stollen, durch in Stein gehauene Gänge. Rechts, in einem Seitengang, liegt ein verrosteter Stahlhelm. Die geheimnisvolle Kiste steht daneben.

Erzminen unter Deutschneudorf in Sachsen, kurz vor den böhmischen Dörfern hinter der tschechischen Grenze: Wo sollte ein Nazischatz versteckt sein, wenn nicht hier? Die Kulisse wäre passend. Doch dabei ist es bisher geblieben. Das Dorf wartet noch darauf, einen der geraubten Kunstschätze zu finden, die deutsche Truppen 1945 hier versteckt haben sollen.

Außer militärischem Altmetall wurde bisher kaum etwas gefunden, und die Kiste im Stollen, nun ja, die hat ein Touristenführer grün angestrichen, das Hakenkreuz aufgepinselt und in die Mine gestellt. Die Deutschneudorfer wissen, dass versteckte Schätze Touristen anziehen. Dass Urlauber gut sind für eine abgelegene Region, in die sich nur wenige verirren. Zumal das örtliche Bergwerks-Museum über zu wenig Interesse klagt.

Und trotzdem. Es könnte ja stimmen mit dem Schatz. Oder besser: Diesmal könnte es stimmen. „Der Peter hat wieder eine Spur“, tuscheln die Bewohner. Und wenn „der Peter“ etwas macht, dann steht das ganze Dorf hinter ihm.

Peter Haustein sucht das Bernsteinzimmer

Peter heißt mit Nachnamen Haustein, ist Bürgermeister und mit einer Elektrotechnikfirma hier der einzige große Arbeitgeber. Er bläst das Tenorhorn im Posaunenchor und ist Löschmeister der Freiwilligen Feuerwehr. Seit 2005 sitzt er für die FDP im Bundestag, über die Landesliste. 99,7 Prozent der Dorfbewohner haben ihn gewählt. Und Haustein sucht das Bernsteinzimmer. Seit 1995 erhalte er geheimnisvolle Hinweise, sagt er.

Alles habe angefangen, als ihn ein schwerkranker Bürger seines Dorfes zu ihm rief und am Sterbebett erzählte, er sei zum Kriegsende dabei gewesen, wie in Deutschneudorf Kisten abgeladen worden seien. Seit diesem Tag erhalte er beinahe „täglich“ Hinweise, aber auch Warnungen und sogar Morddrohungen. Er macht nicht zum ersten Mal Schlagzeilen mit einer bevorstehenden Entdeckung des Bernsteinzimmers.


Die Spur des von den Nazis zum „Achten Weltwunder“ stilisierten Zimmers verlor sich 1944 in Königsberg, als es auf der Flucht vor nahenden Roten Armee in Kisten verpackt und abtransportiert wurde. Sagen und Theorien ranken sich seitdem um die Kriegsbeute, die zum Sinnbild des hemmungslosen Kunstraubzuges der Nazis wurde, gleichzeitig aber in einigen Kreisen noch immer als Meisterstück deutscher Handwerkskunst gilt. Es sei bei einem Bombenangriff noch im Königsberger Schloss verbrannt, sagen die einen. Dafür gibt es Indizien, etwa die bis 1990 unter Verschluss gehaltenen Tagebücher eines russischen Kunstexperten.


Der schreibt, er habe die verkohlten Reste des Zimmers persönlich gesehen. Anhänger der These, das Zimmer habe unversehrt Königsberg verlassen, stützen sich hingegen auf die Aussagen der Witwe eines Feuerwehmannes. Sie sagt, ihr Mann habe im Sommer 1944 den Abtransport begleitet.

Viele Millionen Euro wurden bisher für die Suche verpulvert, und Prominente wie Stefan Aust, Boris Jelzin, der Münchner Filmemacher Maurice Philip Remy, aber auch der Fälscher der Hitler-Tagebücher, Konrad Kujau, beteiligten sich daran. Auch die Stasi soll nach dem Zimmer gesucht haben, und laut einem reißerischen Artikel in der DDR-Zeitung „Freie Welt“ von 1959 starb auf der Suche ein Museumsdirektor unter mysteriösen Umständen.

Gold und Diamanten im Erzgebirge?

Unter dem Strich kann man sagen: Das Bernsteinzimmer im Erzgebirge – es könnte sein. Zumindest irgendwie. Befeuert wurde die Debatte auch dadurch, dass 1997 in Bremen ein originales Mosaik aus dem Zimmer auftauchte. Und nun ist also wieder Peter Haustein dran. Er glaubt, dass es in einem Ausläufer des Fortuna-Stollens liegt, nur wenige Meter vom Bergwerkmuseum und von Hausteins blitzblankem Betriebshof entfernt. Die Koordinaten stammen von einem Mann aus Schleswig Holstein, dessen Vater in den Transport verwickelt gewesen sein soll. Messgeräte haben in 20 Meter Tiefe zwei Tonnen Edelmetall geortet. Kisten mit Gold, vielleicht, oder eben Teile des Bernsteinzimmers, verpackt in Kisten.

Bei den Untersuchungen würden elektromagnetische Wellen ins Bergmassiv geschickt, erklärte Haustein. Die Reflexionen lieferten Informationen über die Struktur. Dass es sich um Eisenerz handelt, sei ausgeschlossen. „Vielleicht liegen bei dem Gold Hinweise zu einem noch viel größeren Schatz“. Er spricht schnell, eigentlich soll er sich in Berlin mit seinem Aufgabengebiet, der gesetzlichen Unfallversicherung beschäftigen. Aber seit er seinen Fund durchsickern ließ, steht sein Telefon nicht mehr still.

Das Bernsteinzimmer, ein riesiger Schatz in einem abgelegenen Dorf. „Klar“, man würde es „selbstverständlich“ den Russen zurückgeben, sagt Haustein, im Gegenzug vielleicht nur ein paar deutsche Kunstschätze zurückfordern, und ein bisschen Finderlohn behalten, für die Gemeinde. Dann würden Besucher aus aller Welt hierherkommen. Und der Gemischtwarenladen im Zentrum, an dessen vernagelten Fenstern „Zu Verkaufen“ steht, könnte wieder öffnen.

Die Zeit für einen Schatz in Neudeutschdorf ist gekommen

Noch verrät das Baggerloch nichts. Aber Schätze der Vergangenheit sind ein wichtiges Thema in Deutschneudorf, nicht nur Kriegsbeute. Traditionelle Holzkunst aus dem Erzgebirge, zum Beispiel. Bis zur Wende produzierten hier 1000 Arbeiter im staatlichen Zico-Werk Räuchermännchen und Weihnachtspyramiden. Seit es abgewickelt wurde, gibt es kaum noch Arbeitsplätze. Billige Schnitzereien aus China überfluten den Markt.

Die meisten jungen Menschen verlassen das Dorf, Rentner bleiben. Und die stehen nun vor der aufgewühlten Erde und rätseln. Sie finden, die Zeit für einen Schatz in Neudeutschdorf sei gekommen. Schließlich habe die Gemeinde genug Pech gehabt, die Brandstiftungen zum Beispiel, die sich in letzter Zeit häufen. Und der Finderlohn, davon könne der Bürgermeister endlich die Deutsch-Tschechische Schule gründen, die er schon so lange plant. „Dann wachsen hier wieder Kinder auf. Meine Tochter ist ja nach Heilbronn gezogen“, sagt Rina Roscher, die ihr gesamtes Leben hier verbracht hat. Und überhaupt, wenn der Siegfried noch da wäre. „Der Siegfried hat die Geheimnisse mit ins Grab genommen“.

Professor Siegfried Pach war der Historiker des Ortes. Seine Frau Monika steht am Stollen und erzählt von Drohanrufen, die sie nach seinem Tod vor zwei Jahren bekam. „Da waren Männer dran, die wissen wollten, wo das Gold ist.“. Dann sagt sie erleichtert: „Die Papiere liegen ja nun beim Bürgermeister, in seinem Safe. Hier im Boden liegen Gold und Diamanten. Das hat der Siegfried gesagt.“ Die Gruppe am Baggerloch schweigt, Monika nickt und wiederholt. „Ja. Das hat der Siegried gesagt.“

Die Offiziere trugen schwarze Uniformen

Schon in dieser Woche will Hausstein weiterbohren. Weil die sächsische Behörde nicht mitmacht, finanziert Haustein die Grabungen selbst. Oder genauer: Das Bergwerkmuseum, das übrigens ebenfalls Haustein gegründet hat, als er 1998 den örtlichen Stollen für Besucher zugänglich machte. Im Internet steht der Slogan „Bernsteinzimmerdorf.“

Zeitzeugen, so wirbt das Museum, würden sich erinnern, dass am 9. April 1945 ein Militärkonvoi in Deutschneudorf eintraf. Die Offiziere trugen schwarze Uniformen, könnten also von der SS gewesen sein. Sie hätten das Gelände abgesperrt und vorm Stollen zwei Tage lang große Kisten abgeladen.

Das sind alte Geschichten. Aber seit die Bagger in Deutschneudorf buddeln, sprudeln die Gerüchte wieder, so munter wie das Wasser, das hier durch die Gebirgsbäche und Steinschichten fließt. Das Eisen, Holz und wohl auch Bernsteinzimmer langsam aber sicher auflöst: „Damals muss sich eine dicke Nummer abgespielt haben. Der Gauleiter war hier“. Oder: „Vielleicht wollten ein paar Soldaten was abzweigen und haben was vergraben, ohne dass Pläne angefertigt wurden.“ Einige glauben auch, es sei gar kein Nazischatz. „Mein Mann sagt, es ist ein Ritterschatz. Weil er so tief im Boden liegt.“

Aber so richtig kann sich niemand an den besagten Tag im April 1945 erinnern. „Die Männer waren ja alle im Krieg“, heißt es an allen Ecken. Auch Heike Gläser, Jahrgang 1928, die seit ihrer Geburt am Stollen gewohnt hat, erinnert sich nicht an den Spezialkonvoi. „So richtig viele Soldaten waren hier nur 1938, als die Dorfstraße für den Einmarsch im Sudetenland ausgebaut wurde.“

Helmut Zeidler, ein Nachbar, hat inzwischen einen vergilbten Zeitungsartikel aus seinem Haus geholt. Vom letzten Mal, als Deutschneudorf mit dem Bernsteinzimmer in der Presse war. Es zeigt tatsächlich Pritschenwagen und Soldaten vor dem besagten Stollen. Doch ob es sich um eine Spezialeinheit handelt ist ebenso wenig zu erkennen wie das Datum der Aufnahme. Ist es wirklich vom April 1945? Der Mann steckt den Artikel vorsichtig ein. Er zwinkert und sagt: „Aber es könnte sein“.

Das Bernsteinzimmer ist eine Glaubensfrage

Deutschneudorf liegt in Sachsen. Und entgegen aller Vorurteile sind die Sachsen ein humorvolles Volk. „Das Bernsteinzimmer ist eine Glaubensfrage“, sagt ein Mann aus einem Nachbarsdorf. Er lacht bei diesem Satz, will mit seinem Namen aber nicht in der Zeitung stehen. „Den Schatz suchen wir hier schon seit Jahren. Aber so ist wenigstens immer mal was los“.

Für den Bürgermeister ist die Sache ernster. In einem Buch hat er seine Erkenntnisse über das Bernsteinzimmer zusammengetragen. Da ist von anderen Schatzsuchern die Rede, die um Deutschneudorf herum lauern und mit „verblüffendem Detailwissen“ über die Stollen glänzen.

Und von „ernst gemeinten Warnungen“ die er erhalten habe. So stehe in einem Brief an ihn: „Sie werden von allen möglichen Leuten observiert. Dass die Geschichte neu geschrieben werden muss, wenn Sie Erfolg haben, passt einer ganzen Menge Leute nicht.“ Und ein, natürlich anonym gebliebener, ehemaliger SS-Offizier, der bei dem Transport dabei gewesen sein will, soll zugeflüstert haben. „Auf der deutschen Seite muss du suchen.“

Daran hat sich Hausstein gehalten. Das Baggerloch ist auf der deutschen Seite. Gerade noch, denn nach Tschechien, in das böhmische Dorf Nová Ves, sind es nur ein paar Schritte. Drüben, in einem Restaurant, hängen zwischen Erzgebirgemännchen und Spitzendeckchen auch afrikanische Holzmasken an der Wand. In Zeiten des bedrohten lokalen Handwerks wirkt das wie eine Protesthaltung. Und hier gibt es Schnitzel mit Champignons, gezapftes Bier und Kaffee für weniger als sieben Euro. Das ist günstiger als im Bergwerk-Museum, das direkt am Stollen seine Zapfhähne aufgebaut hat.

Schatz? Der Wirt verdreht die Augen und fährt mit einer Stoffserviette durch die Luft. So, als wolle er alle deutschen Mythen mit einem Schlag wegwischen. Auf der tschechischen Seite rechnet offenbar niemand damit, dass „Teile der Geschichte neu geschrieben werden müssen.“ Und während hier schon dampfende Schnitzel auf den Tellern liegen, wird in Deutschneudorf noch gewartet.