Schönheitskönigin 2009

Sunshine ist die schönste Kuh der Welt

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Michael Miersch

Foto: dpa

In Verden wurde die schönste Kuh gewählt. Sunshine besitzt nicht nur den Idealkörper, sondern stammt auch von besten Eltern. Als Werbeträgerin für Super-Gene soll sie Züchter zum Kauf verführen. Die wahren Stars sind jedoch die Bullen und die größte Besamungsstation Europas.

Sie würde bestimmt lächeln, wenn sie es mit ihrem Flotzmaul könnte. So blickt Sunshine sanftmütig aus ihren dunklen Kuhaugen und stellt die Ohren nach vorn. Nur manchmal wird sie ein bisschen nervös, wenn die Fotografen sie zu direkt anblitzen. Sunshine, die Schönheitskönigin 2009 der Zuchtgebiete Niedersachsen und Sachsen, bekommt eine rote Schärpe und einen Lorbeerkranz um den Hals gehängt. „Sie hat Stil, strahlt Weiblichkeit und Balance aus“, sagt Manfred Uhrig, einer der beiden Preisrichter bei der „Schau der Besten“, die am Donnerstag zum 36.Mal in Verden an der Aller stattfand.

Der Mann am Synthesizer spielt „Freude, schöner Götterfunken“. Alle applaudieren, und draußen warten die Rinderzubehörhändler darauf, dass das Publikum endlich zu den Messeständen zurückkehrt. Sie bieten Melkhandschuhe an, Konditionsmüsli für Kälber und einen Fräsdienst, der die Stallböden aufraut, damit die Kühe nicht mehr ausrutschen. An den Imbissständen wird Leckeres aus Schwein, Huhn und Fisch geboten – netterweise nirgends Rinderbraten.

Die Stars, um die es eigentlich geht, treten in der Niedersachsenhalle nicht auf. Es sind die 1400 Bullen, die die Zuchtfirma Masterrind betreut und in der größten Besamungsstation Europas regelmäßig abzapft. Die Besucher aus 35 Ländern sehen sich deren Töchter an, um später die Genetik der Väter zu kaufen. „Die Zukunft beginnt heute“ lautet das Motto von Masterrind, Marktführer in Niedersachsen und Sachsen und einer der Großen im internationalen Zuchtgeschäft. Das Unternehmen verkauft 2,5 Millionen Portionen Bullensperma im Jahr, außerdem Embryonen, Kälber und Rinder. Jahresumsatz: 101 Millionen Euro. Das meiste Sperma ordern Chinesen.

Die Kuh mit 100.000 Liter Lebensleistung

Aus Deutschland kamen etwa 3500 Milchviehhalter nach Verden, etwas weniger als im Vorjahr. Was wahrscheinlich mit dem Milchpreis zu tun hat. Der lag 2008 noch bei 31 Cent pro Liter und ist inzwischen wieder auf 24 Cent gesackt. „Die Bauern produzieren zu viel“, sagt Otto Lattwesen, selbst Landwirt und Verwaltungsratsvorsitzender von Masterrind.

Man kann mit immer weniger Kühen zu viel produzieren. Denn die Prachtbullen der Samenhändler zeugen immer leistungsstärkere Töchter. Unternehmensziel ist die Kuh mit 100.000 Liter Lebensleistung. Nachdem in früheren Jahren jugendliche Milchrekorde angestrebt wurden, dreht sich der Trend: Die Tiere sollen nun wieder älter werden. Denn die schnelle Spitzenleistung führt zum frühen Tod. Die Durchschnittskuh lebt heute nur knapp vier Jahre und bringt zweieinhalb Kälber zur Welt. Dass es auch anders geht, zeigt in Verden die zwölfjährige Ricarda, die immer noch reichlich Milch spendet und obendrein gesund und graziös geblieben ist.

Sie wurde wie alle 240 Kandidatinnen vor der Schau von Dieter Hoors und seinen Kollegen verschönert. Fitter werden diese Männer genannt, ihr Job besteht darin, die natürliche Anmut des Milchviehs kosmetisch zu steigern. Nach dem Waschen rasieren sie das struppige Fell, bis es wie Samt aussieht, sie föhnen und toupieren den Schwanzquast, übermalen hässliche Hautunreinheiten und sprühen das Tier mit Glanzspray ein. Wären es keine Rinder, könnte man von Rosstäuscherei sprechen. Doch Hoors widerspricht heftig: „Ein Model sieht morgens nach dem Aufstehen auch nicht so aus wie später auf dem Laufsteg.“ Im Übrigen findet die Fitterei in aller Öffentlichkeit statt. Jeder darf zusehen. Und da alle frisiert werden, herrscht danach wieder Gleichheit.

Über die Körperformen kann die Kosmetik ohnehin nicht hinwegtäuschen. Die kommentieren die Preisrichter, während die Kühe zwischen bunten Blumenkübeln durch die Arena geführt werden. Lauthals preisen sie „offene Rippe“ oder „hervorragende Strichplatzierung“. Letzteres meint, dass die Zitzen gleichmäßig am Euter hängen. Offene Rippe steht für einen weiten Brustkorb. So haben die vier Mägen viel Platz zum Verdauen, damit der Bioreaktor Kuh möglichst effizient Futter in Milch verwandeln kann.

Sunshine besitzt nicht nur den Idealkörper, sondern stammt auch von besten Eltern – was bei der Bewertung noch wichtiger ist als das Äußerliche. Nachdem sie aus der Arena geleitet wird, ist die Schönheitskonkurrenz vorüber, die Auktion beginnt. Als Erste wird Priska präsentiert. Sie geht für 2500 Euro nach Italien. „Die sieht nach Milch aus“, ruft der Auktionator. Wer die Milch kaufen soll, weiß er nicht.