Schreckensflüge

Die Angst fliegt mit – auch bei unseren Lesern

| Lesedauer: 5 Minuten

Unser Autor Ben Posener hat über seine unglaubliche Reise von Moskau nach Thailand in einer scheppernden, fast 20 Jahre alten Iljuschin berichtet. Auf Morgenpost Online schildern Leser nun ihre Erfahrungen mit rostigen Maschinen, Kabelsalat an Bord und heftigen Turbulenzen – Erlebnisse, die nicht unbedingt Mut machen.

Sturzflug über Grönland

Da steht sie, dickbauchig und doch Anmut ausstrahlend: eine Boeing 747. Doch der zweite Blick verbreitet Ernüchterung. Ungewaschen, verschmiert und mit langen braunen Striemen, die von den unzähligen Nieten ausgehend den Rumpf überziehen, präsentiert sich die „Frankfurt am Main“ dem Betrachter. Als Letzte besteigt unsere kleine Reisegruppe die Boeing. Welch ein Gefühl, endlich wieder zu fliegen! Ein Tenor der Turbinen! Und schon sind wir oben.

Wir befinden uns hoch über Grönland, als der Sturz ins Bodenlose beginnt. Urplötzlich sackt die Boeing steil ab, einem fallenden Stein gleich. In Windeseile dreht sich mir der sonst recht achterbahnfeste Magen. Umgehend ertönt das Anschnallzeichen, doch es ist zu spät: Umhergehende Menschen fallen auf in der Nähe sitzende Mitreisende, stürzen zu Boden, klammern sich an der nächsten sich bietenden Gelegenheit fest. Der Duty-free-Wagen schlittert mitsamt Verkäufer außer Sichtweite. Ein dumpfes Geräusch lässt dessen unsanfte Ankunft in der rückwärtigen Galley allenfalls erahnen. Schreckerfüllte Sekunden in Zeitlupe...



Schnell fängt der Pilot das Flugzeug ab, bringt es in eine annähernd stabile Lage. Doch dem ersten Luftloch folgen weitere. Welle um Welle durchläuft ein Schütteln und Zerren die Maschine. Halten die vorhin begutachteten Nieten?, frage ich mich immer wieder. Sämtliche Gespräche sind verstummt, das heftige Rütteln und Heulen des Windes erfüllt die Kabine. Sekt- und Weinflaschen poltern die Gänge entlang. Vor und wieder zurück, stets dem Neigungswinkel der 747 folgend, bedecken sie die Passagiere mit einem klebrigen Sprühregen. Ächzend winden sich die Handgepäckfächer über unseren Köpfen, während auf den rappelnden Deckenmonitoren eine überdimensionale Scarlett Johansson einen Schauspielerkollegen küsst. Doch niemand will hinsehen. Ebenso wenig nach draußen durch die winzigen Fenster, wo die weit schwingenden Flügel einen wilden Tanz vollführen. Ein zugleich schauriges wie faszinierendes Schauspiel.


Dann die erlösende Botschaft des Copiloten: In Kürze werde man auf ruhigere Luftschichten stoßen. Und tatsächlich, nach einer qualvollen Stunde liegt die turbulente Zone hinter uns.

Angstschweiß bei Cubana

Vor einigen Jahren flog ich von Havanna nach Cancún. Weil ich 50 Dollar sparen konnte, zog ich Cubana der Mexicana vor. Dann die Ernüchterung: die Tupolev 154 der Cubana sah aus, als sei sie seit 20 Jahren nicht mehr gewartet worden. Rostige Stellen, dreckige Sitze. An meinem Platz schloss der Sicherheitsgurt nicht. Beim ersten Startversuch reichte die volle Länge der Startpiste nicht aus, damit die Maschine die nötige Geschwindigkeit erreichte. Um es kurz zu machen: Ich kam in Cancún angstschweißgebadet an und hasste mich zutiefst dafür, wegen 50 miserabler Dollar mein Leben aufs Spiel gesetzt zu haben. Später habe ich gelesen, dass einige TU-154 der Cubana in den letzten Jahren abgestürzt waren.

Rauchen beim Auftanken

Flug mit Condor nach Las Vegas, Zwischenlandung mit Auftanken. Tankschläuche an der Kiste angebracht, Kerosin leckt in kleinem Rinnsal auf den Boden. Klar, die Wartungsleute sind cool, stehen daneben und rauchen gemütlich. Keine Chance, das Flugzeug zu verlassen, der Kapitän findet das ganz okay so. Extrem mieses Gefühl.

Linienflug im Truppentransporter

Haben Sie schon einmal in einer militärischen Transportmaschine auf Segeltuchsitzen gesessen? Die sind ja deshalb so unbequem, damit die Fallschirmjäger sich freuen, die Maschine verlassen zu dürfen. Die Sitze in unserer Tupolev waren nicht viel bequemer: abgeschabte Plastiksitze mit dünnen Polstern und Lehnen mit speckigen Kopfschonern. Das Schlimmste aber war der Gestank nach Desinfektionsmitteln, der dem Geruch von Urinstein sehr nahekam. Immerhin zeugte es davon, dass hier einmal sauber gemacht worden war nach dem letzten Truppentransport.

Kabelsalat unter dem Sitz

Schon beim Besteigen des Flugzeugs wird man vom Essiggeruch fast umgeworfen. Es sind wohl die Ausdünstungen der Plastikverkleidungen. Beim Versuch, es mir einigermaßen bequem zu machen, verheddere ich mich in einem Wust von Drähten unter dem Vordersitz. Es sind die Verbindungskabel der kleinen Ventilatoren, die in den Lehnen der Vordersitze für Frischluft sorgen. Was ist, wenn ich den Fuß allzu heftig aus den Schlingen ziehe? Gibt es dann einen Kurzschluss, fallen dann alle Ventilatoren aus? Ich befreie mich vorsichtig, es passiert nichts. Das Landemanöver erfolgt so, wie es ein Russlandkenner mir vorher angekündigt hatte: Das Flugzeug schießt fast im Sturzflug auf den Flughafen zu und wird erst in letzter Sekunde vom Kapitän abgefangen. Sanfte Landung.

( BMO )