Flugzeugunglück von Madrid

Der Sitzplatz entschied über Leben und Tod

| Lesedauer: 11 Minuten
Ute Müller

154 Menschen starben in der Spanair-Maschine, die in Madrid verunglückte. Sechs Familien wurden komplett ausgelöscht. Viele der Toten sind so entstellt, dass sie nicht identifiziert werden können. Gestern Abend starb eine weitere Verletzte im Krankenhaus. Wer überlebt hat, hat dies dem bloßen Zufall zu verdanken.

Emilio Vizcaino hat sich verkalkuliert. Es ist 12 Uhr und er steht im Terminal 2 des Madrider Flughafens Barajas, um für den Flug JK5022 nach Las Palmas auf Gran Canaria einzuchecken. Normalerweise reicht es, eine Stunde vor Abflug da zu sein. Doch nicht, wenn man einen Hund dabei hat.


Emilio streitet sich am Schalter mit der Dame von Spanair, doch sie bleibt hart. Er wird auf den nächsten Flug verlegt. Wütend nimmt Emilio Vizcaino Platz, Schäferhund Otto legt sich zu seinen Füssen. Zu diesem Zeitpunkt weiß er noch nicht, wie dankbar er der Spanair-Angestellten in wenigen Stunden sein wird.

Zwanzig Minuten später besteigen 172 Passagiere die MD-82. Die meisten sind aus Gran Canaria und haben ihren Urlaub auf dem spanischen Festland verbracht. Doch es sind auch nicht-spanische Gäste an Bord, wie Gerd M., 50, aus dem bayerischen Pullach, Verkaufsdirektor einer Medizintechnik-Firma in Germering, seine Frau Claudia, 38, M. und ihre Söhne Lucas, 5, und Niklas, 8. Für sie beginnt der Urlaub erst. Claudia M.s Eltern, die mit im Haus der Familie leben, sollen nachkommen.


Es ist 13.06 Uhr, als Antonio García Luna, 39, und sein Kollege Javier Mulet Pujol, 32, die Maschine vom Typ McDonnel Douglas in Richtung Startbahn L 36 steuern. Antonio García Luna ist ein erfahrerner Pilot, zwölf Jahre hat er bei der Luftwaffe gedient, bevor er in die zivile Luftfahrt wechselte. Kollegen werden den Vater von drei Töchtern später als „einen der besten“ bezeichnen, einen Kumpel, mit dem man gerne ein Bier trinkt.


Co-Pilot Javier Mulet Pujol lebt wie sein Kollege auf Mallorca. Pilot zu werden war sein großer Traum. Allerdings steht sein Name auf der Liste derjenigen, die in den nächsten Monaten ihren Job bei der defizitären Spanair verlieren sollen. „Auf mich wartet Zwangsurlaub“ scherzt er mit seinem Kollegen.

Auf der Startbahn blinkt plötzlich ein Warnlicht auf und meldet eine Fehlfunktion bei einem der Luftschächte, die unterhalb des Cockpits sitzen. Luna macht kehrt und lässt den Defekt überprüfen. Es habe sich um einen kaputten Temperaturfühler gehandelt, sagt später der Mechaniker, der den Fehler behoben hatte. Mit dem Absturz könne das nichts zu tun gehabt haben, sagt er.

An Bord ist die Stimmung angespannt. Manche Passagiere würden lieber aussteigen, wie Rubén Santana, 45. Der evangelische Theologe schreibt seiner Frau eine SMS: „Das Flugzeug hat einen Defekt, wir werden Verspätung haben.“ Sie ruft ihn an und bittet ihn, sofort auszusteigen. „Sie lassen uns nicht raus, die Türen sind geschlossen“, lautet wenig später seine Antwort. Es wird seine letzte Nachricht sein. Dabei hätte Rubén Santana eigentlich gar nicht unter den Passagieren sein sollen, sein Flug startete erst am Abend, doch er hatte im letzten Moment noch umgebucht, um früher nach Hause zu kommen.

Etwa eine Stunde später steht die Maschine wieder in der Startposition auf der Piste 36L.

Antonio García Luna beschleunigt sie. Doch offenbar ist die Schubkraft zu gering. Die Piloten brauchen fast die kompletten 4,35 Kilometer der Startbahn, bis sie den Flieger in die Luft bekommen.

Irgendetwas stimmt nicht mit dem linken Motor, das Flugzeug gewinnt nicht an Höhe, es wackelt und neigt sich kurz nach links. Luna und Pujol halten dagegen, der Flieger driftet nach rechts ab und verliert an Höhe. Später wird die Obduktion ergeben, dass die Arme beider Piloten gebrochen sind, vermutlich durch den Aufprall. Offenbar versuchen sie mit aller Kraft bis zuletzt, das Steuer hochzureißen. Vergeblich.


Nach nur wenigen Sekunden in der Luft berührt die rechte Tragfläche den Boden, das Flugzeug schleift mehrere hundert Meter über die Fläche neben der Startbahn, fängt Feuer und kommt in einem ausgetrockneten Bachbett zum Stehen. Dort explodieren 22.000 Liter Kerosin. Augenzeugen wollen beim Start im linken Motor Flammen gesehen haben, doch auf einem Video der Zivilluftfahrtbehörde ist davon nichts zu erkennen.

Beim Aufprall entscheidet einzig und allein der Sitzplatz über Leben und Tod. Alle Insassen in der hinteren Hälfte sterben, viele sind bis zur Unkenntlichkeit verkohlt. Nur in der vorderen Flugzeughälfte gibt es offenbar eine minimale Überlebenschance. 28 Personen werden lebend aus der Maschine geborgen, aber nur 19 schaffen es bis ins Krankenhaus.


Eine der Überlebenden des Flugzeugunglücks ist am Samstagabend jedoch ihren schweren Verletzungen erlegen. Die 31-Jährige Maria Luisa E. hatte am ganzen Körper schwere Verbrennungen erlitten.

Antonia Martínez, 27 hat das Unglück überlebt. Die Stewardess saß in der ersten Reihe auf Platz E. Mit Verbrennungen im Gesicht und gebrochenem Brustbein wird sie eingeliefert. Das Inferno hat sie für immer gezeichnet, fliegen will sie nie wieder. In der Reihe hinter ihr überlebt auch Telekom-Ingenieuer Rafael Vidal, 30, mit mehreren Knochenbrüchen.

Auch Ärztin Ligia Palomino, 41, überlebt. Sie wollte mit ihrem Mann José und der Schwägerin auf Gran Canaria ihren 42. Geburtstag feiern. Ligia Palomino sitzt in der neunten Reihe, aus der sie beim Aufprall herausgeschleudert wird. Sie ist kurz bewusstlos. Als sie wieder zu sich kommt, sieht sie überall Tote. Die Kolumbianerin, von Beruf Unfallärztin, will helfen, doch mit ihrer gebrochenen Hüfte kann sie sich nicht aufrichten. Feuerwehrleute bringen sie in Sicherheit. Auch ihr Mann überlebt verletzt, die Schwägerin dagegen ist tot.

Dramatische Szenen

Im Inferno spielen sich ergreifende Szenen ab. „Retten Sie zuerst meine Tochter“ fleht Amalia Filloy, 47, den Feuerwehrmann Jesús Martínez, 42, an, der als einer der ersten an der Unglücksstelle eintrifft. Er rettet die elfjährige Maria, Amalia Filloy dagegen stirbt noch an der Unfallstelle. Maria verliert auch ihre 14-jährige Schwester, nur ihr Vater überlebt.

Jesús Martínez holt noch zwei weitere Kinder aus den Flammen. „Wo ist mein Vater?“ und „Wann ist der Film endlich zuende?“ fragt ihn der achtjährige Jesus Acosta Mendiola, als er ihn aus den Trümmern zieht. Der Vater, Alfredo Acosta, 60, ist offenbar unter den Toten, die Mutter Grogoria Mendiola, 45, schwebt in Lebensgefahr. Auch der sechsjährige Roberto Alvarez Carretero überlebt. Er und seine 16-jährige Schwester Maria hatten in Madrid Verwandte besucht. Maria stirbt beim Absturz – so wie die meisten Passagiere.

Sechs Familien werden komplett ausgelöscht, darunter auch Javier Nuñez und seine Frau Zeraida. Sie waren mit ihrem drei Monate alten Baby Pedro Javier unterwegs, um das Kind im Heimatdorf der Mutter taufen zu lassen. Auch in Batres, einem kleinen Ort südlich von Madrid läuten die Trauerglocken. Dort hatten María Jesús Font und ihr Mann Ruben erst fünf Tage zuvor Hochzeit gefeiert. Am Mittwoch sollte es in die Flitterwochen gehen. Die erste Etappe wären die Kanaren gewesen.

Unter den Opfern ist auch Claudio Ojeda. Der Missionar wollte seine Heimat besuchen, um sich dort von einer Malaria zu erholen, mit der er sich in Kamerun infiziert hatte. Zum ersten Mal seit drei Jahren wollte er auf die Insel zurückkehren.

Erschütternde Szenen spielen sich in den Tagen nach dem Unglück im nahe gelegenen Messegelände Ifema ab. Dort sind die Toten in einem zur Leichenhalle umfunktionierten Pavillon aufgebahrt, genau wie bei den Terroranschlägen auf die Madrider Vorortzüge im Frühjahr 2004. Die Identifizierung der 153 Leichen geht nur langsam voran. Bislang konnten 50 identifiziert werden – die Familie M. aus Pullach ist noch nicht darunter. Das Auswärtige Amt teilte mit, dass es vermutlich ein fünftes deutsches Opfer gibt. Noch ist jedoch nicht klar, um wen es sich dabei handelt.

Die ersten Toten wurden beerdigt

Die ersten Toten wurden bereits beigesetzt. Ein Staatsbegräbnis soll am 1. September stattfinden. Doch inzwischen gibt es Proteste von Muslimen und Protestanten daran, dass der Madrider Erzbischof Rouco Varela eine rein katholische Messe abhalten will. Sie fordern einen interreligiösen Gottesdienst, da unter den Toten auch Angehörige anderer Religionen und Konfessionen waren.

Die Angehörigen werfen Spanair Fahrlässigkeit und mangelnde Information vor. Auch für heute (Samstag) Nachmittag ist noch einmal ein Treffen zwischen Spanair-Verantwortlichen und den Angehörigen geplant. "wir wollen keine Psychologen, wir wollen Antworten" rief ein Mann am Freitag empört. Beim gestrigen Zusammentreffen mit Vizeministerpräsidentin Maria Fernández de la Vega kam es zu Spannungen. "Wir brauchen keine Politiker, wir wollen Erklärungen".

Die Suche nach der Unglücksursache

Noch immer ist nicht klar, wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte. Manuel Bautista, Leiter der Zivilen Luftfahrtbehörde geht von einer Kette von Ursachen aus. Ein defektes Triebwerk allein könne nicht der Grund sein. In einem Video sind an der Heckflosse von Metall verursachte Einschläge zu erkennen. Experten der Luftfahrtbehörde schließen deshalb einen offenen Triebwerkschaden nicht aus. Dabei könnten Trümmerteile das Seitenruder und sogar das zweite Triebwerk beschädigt haben, was erklären würde, warum das Flugzeug manövrierunfähig war. Vielleicht bringt die Auswertung der Flugschreiber eine Erklärung.


Im Zuge der Untersuchungen zum Flugzeugabsturz in Madrid haben die Ermittler aber auch den Mechaniker befragt, der die Unglücksmaschine zum Start freigegeben hatte. Er war damit betraut, ein Problem mit einem Temperatur-Messgerät zu überprüfen, das zum Abbruch des ersten Startversuchs geführt hatte. keywordsDie Tageszeitung „El País“ berichtete, der Techniker habe versichert, dass es sich um eine kleinere Störung gehandelt habe. Sie habe nichts mit dem Absturz zu tun gehabt. Das mechanische Problem sei keinesfalls die Ursache für das Unglück. Das Unternehmen erklärte zuvor, der Mechaniker habe das Messgerät ausgeschaltet. Dies sei ein übliches Vorgehen, da das Gerät nicht unbedingt benötigt werde.

( afp/ap/phj )