Für die Leipziger Polizei ist das Jahr 2008 vor allem mit dem Fall Michelle verbunden. Das achtjährige Mädchen war am 18. August nicht von den Ferienspielen im Hort nach Hause gekommen. Wenige Tage später entdeckte ein Passant ihre Leiche in einem Teich. Bis heute sucht eine Sonderkommission der Leipziger Polizei nach dem Mörder des Mädchens, Tausende Hinweise wurden ausgewertet, Hunderte Anwohner und mögliche Zeugen befragt. Aber es gibt bis heute keine Hinweise auf den Täter. Es ist nicht einmal geklärt, wo genau das Mädchen umgebracht wurde.

Am 21. August zögerte die Polizei lange, bevor sie offiziell erklärte, dass die Tote in dem Teich tatsächlich das vermisste Mädchen ist. Über Stunden wurde das Areal weiträumig gesperrt, Spezialisten in weißen Overalls untersuchten jeden Quadratmeter nach Spuren, die auf den Hergang und den Täter schließen lassen könnten.

Noch am selben Tag wurde die grausame Tat aber auch politisch instrumentalisiert: Am Abend demonstrierten Neonazis in der Nähe des Fundorts und forderten die Todesstrafe für Kinderschänder. Erst im Februar 2007 war in Leipzig der neunjährige Mitja von einem vorbestraften Sexualstraftäter in dessen Wohnung gelockt, missbraucht und ermordet worden. Der Täter wurde anhand eines Videofilms aus einer Straßenbahn schnell ermittelt und nach tagelanger Suche schließlich auch gefasst.

Bei Michelle war das anders. In den Monaten nach dem Fund der Leiche folgte in erster Linie eine akribische Ermittlungsarbeit: Die Polizei sicherte mehr als 4500 Spuren, befragte 785 Zeugen, durchsuchte rund 1500 Kleingärten in der Umgebung. Mitten in die ersten Ermittlungen hinein platzte dann die Veröffentlichung des bis dato geheimen Obduktionsberichts durch Boulevardmedien. Danach soll die Achtjährige vor ihrem Tod sexuell missbraucht worden sein. Die Polizei reagierte aufgebracht, dass Täterwissen auf diese Weise an die Öffentlichkeit gelangte, die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Geheimnisverrats in den Reihen der Polizei und Rechtsmedizin.

Hoffnung schöpfte die Sonderkommission, als sich im Herbst eine Zeugin meldete, die einen auffälligen Mann zwischen 40 und 50 Jahren in der Nähe von Michelles Schule gesehen haben will. Am 4. November veröffentlichte die Polizei das Bild, brachte es auch in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY...ungelöst“. Zahlreiche Hinweise gingen nach der Sendung bei der Polizei in Leipzig ein, doch das Ergebnis nach Wochen erneuter akribischer Ermittlung ist ernüchternd: Vom Täter fehlt weiterhin jede Spur.

Einen Hoffnungsschimmer gab es dann Mitte November. Fährtenhunde fanden eine Spur Michelles im Keller des Humboldt-Gymnasiums unweit ihres Zuhauses. In den folgenden Tagen wurden drei Kellerräume der Schule durchsucht, zunächst knapp 600 Spuren gesichert. Die Zahl der Spuren erhöhte sich später auf mehr als 900. Da jedoch der Keller von den Mädchen und Jungen auch zum Feiern und als Proberaum für Bands genutzt wird, war die Auswertung der Spuren überaus schwierig. Mitte Dezember erklärte die Polizei, man sei auch nach der vorläufigen Auswertung keinen Schritt weiter.

(DDP)