Zwei Tage nachdem eine Passagierin spurlos verschwunden ist, herrscht an Bord des Kreuzfahrtschiffes "Costa Atlantica" wieder normale Betriebsamkeit. Einmal noch hatte der Pott wie üblich in solchen Fällen beigedreht und sich an der Suche nach der 40-jährigen Deutschen aus Bad Honnef beteiligt, die irgendwann in der Nacht zu Dienstag zwischen Marmaris und Santorin in der Ägäis über Bord gegangen sein musste.

Dann aber machte das 300-Meter-Schiff unverrichteter Dinge kehrt - in Richtung Katakolon auf dem Peloponnes, um die normale Route mit über 2000 Gästen an Bord wieder aufzunehmen. Das Schicksal der 40-Jährigen ist kein Einzelfall. Auf Kreuzfahrten gehen jährlich weltweit rund 14 Menschen über Bord. Das erscheint vergleichsweise wenig bei weit über 15 Millionen Kreuzfahrt-Touristen. Doch die Aufklärungsquote ist desillusionierend, denn fast immer bleiben die mysteriösen Vorkommnisse im Dunkeln.

Branche will Vorfälle geheim halten

Wenig Hoffnung besteht auch im aktuellen Fall. Sollte die Frau aus dem rheinischen Bad Honnef tatsächlich über Bord gegangen sein, ist es "zweifelhaft, dass sie gefunden wird", sagt Ross Klein. Der Professor für Sozialarbeit an der Memorial University in St. John's im kanadischen Neufundland erforscht seit zehn Jahren die Kreuzfahrtindustrie.

Er hat einschlägige Bücher über das soziale Leben an Bord verfasst und ist erste Adresse beim Thema Vermisste auf hoher See. Auf seiner Website www.cruisejunkie.com sind Schicksale aus zwölf Jahren zusammengetragen. Es ist weltweit die einzige umfassende Statistik, wie er sagt.


Eine weitere Übersicht im Internet, auch über sexuelle Übergriffe an Bord, verschafft die Selbsthilfeorganisation International Cruise Victims. Mitbegründet wurde sie von Kendall Carver aus Phoenix (Arizona), dessen Tochter Merrian seit einer Fahrt der "Mercury" im August 2004 verschollen ist. Nur noch ihr Gepäck wurde gefunden. Dass Vorkommnisse wie diese öffentlich werden, liegt jedoch nicht im Interesse der nach wie vor boomenden Kreuzfahrt-Branche. Die Angst vor Imageverlust ist nicht unbegründet.

Ehemann meldete Frau als vermisst

Im Fall der 40-jährigen Deutschen ist das ähnlich. Selbst am Tag drei nach ihrem Verschwinden heißt es bei der PR-Agentur, die in Deutschland die Öffentlichkeitsarbeit der betroffenen Reederei Costa Crociere übernimmt, lapidar: "Eine Frau wird vermisst. Das ist der Stand."

Auch nach der umgehenden Schiffsdurchsuchung sei sie "leider bislang nicht wieder aufgetaucht". Wurden Spuren an Bord gesichert? "Das, was vorzunehmen ist, wird natürlich auch vorgenommen", bemüht sich PR-Mann Steffen um eine unverfängliche Antwort.

Gleichermaßen wenig ist "aus ermittlungstaktischen Gründen" bei der auch für Bad Honnef zuständigen Bonner Polizei zu erfahren, die am Mittwoch zusätzlich zu den griechischen Behörden mit den Ermittlungen betraut wurde. Bestätigt wurde nur, dass der Ehemann die 40-Jährige gegen zwei Uhr nachts dem Kapitän der "Costa Atlantica" als vermisst gemeldet hat.

Blutspuren wurden nicht gesichert

Im mysteriösesten Fall der vergangenen Jahre, dem des George Allen Smith, spülte die Crew der "Brilliance of the Sea" Blutspuren weg. Wie auch Professor Klein die Begebenheiten in der Nacht zum 5. Juli 2005 vor gut zwei Jahren dokumentiert, war der US-Amerikaner in der alkoholschwangeren Hochzeitsnacht gar nicht erst im Bett seiner Frischvermählten gelandet.

Stattdessen wurde er zuletzt volltrunken gesehen, gestützt durch einige Trinkgenossen, und danach nie wieder. Ob das Blut auf dem Sims vor der Kabine des Paares von ihm stammte, wurde nicht festgestellt. Die Ermittlungsbehörden ließen die Spuren nicht sichern.

Verbrechen sind jedoch in der Regel unwahrscheinlich. Oft sei Vollrausch oder Selbstmordabsicht im Spiel. Im Zusammenhang mit der Frau aus Bad Honnef wurde ein krimineller Hintergrund zunächst ausgeschlossen. Die Untersuchungen solcher Fälle gestalten sich als äußerst beschwerlich, da der Unglücks- oder Tatort oft auf hoher See und selten genau bekannt ist.

Irisches Mädchen springt in den Tod


Sicherheitsbehörden können erst dann aktiv werden, wenn das Schiff vor Anker geht, und das kann Tage dauern. Nicht umsonst würden die Ozeanriesen für Verbrecher "weniger Risiko als viele andere" Plätze bergen, schätzt Klein. Hinzu komme eine "dominante Männerkultur" unter den Crew-Mitgliedern, die die Gefahr sexueller Übergriffe erhöhe.

Um Gefahren für mögliche Opfer zu mindern, wurde nach dem Vorbild von "Sky-Marshals" im Flugbetrieb schon der Einsatz von "Cruise-Marshals" erwogen. Auch die Reduzierung des Alkoholangebots wurde diskutiert. Das ist aber nicht im Interesse der Reedereien, die beträchtlichen Profit aus dem Verkauf schlagen.

Ob Alkohol in der Ägäis in der Nacht zu Dienstag im Spiel war, ist bislang nicht bekannt. Der PR-Mann der "Costa Atlantica" sagt mit "reinem Gewissen": "Das ist wirklich sehr, sehr, sehr einzigartig" in der Geschichte der Reederei. Die Statistik von Professor Klein spricht eine andere Sprache: Für den 5. Januar 2006 vermeldet sie den Sprung einer "extrem betrunkenen" 15-Jährigen von Bord der "Costa Magica". Das irische Mädchen wurde nie gefunden.