Flugzeugabsturz von Madrid

Das Grauen nach der Katastrophe

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Ute Müller

Foto: REUTERS

Unter den 153 Toten des Spanair-Absturzes vom Mittwoch sind nach Angaben der spanischen Behörden fünf Deutsche. Das Auswärtige Amt in Deutschland war bislang von vier Deutschen an Bord der verunglückten Maschine ausgegangen. Experten rätseln am Tag nach dem Absturz weiter über die Ursache.

"Wie soll ich mich fühlen? Gestern hatte ich noch eine Tochter, heute ist sie tot. Gerade mal sieben Jahre ist sie alt geworden.“ Die Stimme versagt dem Mann, der den Pavillon Nummer sechs im provisorisch eingerichteten Leichenschauhaus auf dem Madrider Messegelände Ifema verlässt. Seine Tochter ist eines der 22 Kinder, die beim Unglücksflug JK5022 an Bord waren. Betreten senken die Reporter die Mikrofone.


„Mein Neffe aus Orlando starb in der Unglücksmaschine, genau heute hätte er seinen 23.Geburtstag gefeiert“, sagt ein älterer Herr mit Tränen in den Augen. „Wir müssen jetzt stark sein, das Grauen hat jetzt erst angefangen“, sagt eine Mittvierzigerin.

Auch vier Deutsche befinden sich höchstwahrscheinlich unter den Opfern. Das bestätigte gestern das Auswärtige Amt. Die vierköpfige Familie M. aus dem bayerischen Pullach hatte für den Flug eingecheckt. Die Eltern von Familienvater Gerd M., die mit der Familie zusammen in Pullach wohnen, wollten in der kommenden Woche hinterherfliegen. Gestern kümmerte sich ein Kriseninterventionsteam vor Ort um sie. Spurensicherer nahmen Zahnbürsten aus dem Haus mit, die zum DNA-Abgleich nach Madrid gebracht werden. Nach Angaben des Roten Kreuzes wird sich die Identifizierung der Opfer über mehrere Tage hinziehen.


Nur 19 Menschen haben die Katastrophe überlebt, damit sind fast alle der 162 Passagiere und zehn Flugbegleiter an Bord verbrannt, sie hatten keine Chance. Und von den Überlebenden ist die Mehrzahl in überaus kritischem Zustand. Am Donnerstag gegen Mittag machten die Rettungskräfte am Unfallort einen weiteren makabren Fund. Sie entdecken die sterblichen Überreste eines Babys, es war eines der beiden Vermissten, die bislang noch nicht gefunden worden waren.


Zeugen für den schwersten Unfall in der jüngeren spanischen Luftfahrtgeschichte gibt es dagegen nur wenige. Ligia Palomino (41), Ärztin, ist eine davon. Mit ihrem Mann José und ihrer Schwägerin Gema wollten sie eine Woche auf Gran Canaria verbringen, um dort ihren 42. Geburtstag zu feiern.


„Als das Flugzeug startete, wackelte es ganz stark, dann hörten wir einen ohrenbetäubenden Knall.“ Ligia wurde kurze Zeit bewusstlos. „Als ich wieder zu mir kam, sah ich überall nur Leichenteile.“ Eine unerträgliche Hitze schlug der Unfallärztin, die normalerweise beim spanischen Notfalldienst Samur arbeitet, entgegen. Sofort wollte sie helfen, rappelte sich auf.


Doch sie schaffte es nicht. Die gebürtige Kolumbianerin hatte sich die rechte Hüfte gebrochen. „Als meine Kollegen vom Notdienst mich aus dem Inferno herausholten, schauten wir uns kurz in die Augen, dann weinten wir alle.“ Auch ihr Mann José hat mit diversen Knochenbrüchen überlebt und liegt im Madrider Krankenhaus La Paz, doch Schwägerin Gema ist bislang noch nicht gefunden worden, und Ligia befürchtet das Schlimmste. Die Tatsache, dass Ligia im Mittelteil des Flugzeugs saß und beim Aufprall mitsamt ihrem Sitz herausgeschleudert wurde, rettete ihr das Leben.

Die grauenvollen Szenen, die sich in der Spanair-Maschine abgespielt haben müssen, lassen sich nur erahnen. Die Unterarmknochen des Spanair-Piloten, der nur tot aus dem Wrack geborgen werden konnte, waren gebrochen, wohl wegen eines verzweifelten letzten Bremsversuchs.


Wegen eines defekten Temperaturanzeigers des Flugzeugs hatte er einen ersten Startversuch abgebrochen und war zur Ausgangsposition zurückgekehrt. Die Passagiere blieben an Bord, nach einer Stunde war der Defekt angeblich behoben, das Bodenpersonal gab grünes Licht.


Dann startete das Flugzeug neu, und um 14.45 Uhr hob es zu seinem letzten, tödlichen Exkurs ab. Nur etwa 60 Meter stieg das Flugzeug in die Luft, dann fing der linke Motor Feuer und verwandelte die Maschine binnen Sekunden in eine Feuerkugel, die abstürzte und zerbrach.


Die brennende Maschine fiel auf der rechten Seite der Unglückspiste neben dem neuen hochmodernen Terminal T4 in ein ausgetrocknetes Bachbett, wo ein paar vertrocknete Büsche den lodernden Flammen noch mehr Nahrung gaben. Der Aufprall war so stark, dass die Flugzeug- und Leichenteile in einem Umkreis von 200 Metern zerstreut wurden. Überall in Madrid war eine gigantische Rauchsäule zu sehen. „Hier sah nichts mehr aus wie ein Flugzeug“, so ein Guardia-Civil-Beamter, „es war wie in der Hölle, während die Leichen noch brannten.“

Spurensuche nach der Ursache

Unklar ist noch immer, wie es zur Explosion in der Luft gekommen ist. „Im Grunde sind die Maschinen des Typs MD-82 sehr robust und können auch ohne Probleme weiterfliegen, selbst wenn ein Motor ausfällt“, so Fernando Cruz, für Sicherheitsfragen zuständiger Direktor bei der spanischen Pilotenschule Colegio Oficial de Pilotos. 16 Stunden pro Jahr üben die Piloten für solche Fälle, so Cruz.


„Es müssen noch weitere Defekte, etwa bei der Hydraulik, aufgetreten sein, ansonsten kann ich mir das nicht erklären.“ Die Auswertung der Daten des Flugschreibers durch die Beamten einer Untersuchungskommission dauerte gestern noch an. Und 40 Forensiker arbeiten mit Hochdruck an der Identifizierung der 153 Leichen, die provisorisch im Madrider Messegelände Ifema aufgebahrt sind.


Wie nach den Terroranschlägen im März 2004 betreuen nun Psychologen die Angehörigen, die sich inzwischen auf dem Messegelände eingefunden haben.


Die spanische Königsfamilie spendete den Hinterbliebenen Trost, Premierminister Zapatero und das gesamte Kabinett brachen ihren Urlaub ab, Zapatero besuchte die Verletzten in den Krankenhäusern. Im fernen Peking zollte die spanische Olympiadelegation den Opfern der Katastrophe und ihren Angehörigen mit einer Schweigeminute Respekt. Einen Antrag, die Athleten mit Trauerbändern die Wettkämpfe antreten zu lassen, lehnte das IOC jedoch ab. Die spanischen Goldmedaillengewinner im Segeln, Fernando Echavarri und Anton Paz, trugen auf dem Siegerpodest dennoch schwarze Armbänder.

Quälende Ungewissheit

Noch immer ist nicht nachzuvollziehen, weshalb die Angehörigen acht quälende Stunden auf genauere Informationen warten mussten. Erst um 23 Uhr veröffentlichte Spanair die Passagierliste.


„Und die Hotline, die angeblich Infos liefern sollte, war ein Witz“, empört sich eine Frau. „Wir wurden von einem automatischen Anrufbeantworter gefragt, ob wir einen Flug reservieren wollten.“ Für die Familie von Ligia Palomino besteht kein Zweifel. Hier liegt ein Fall von Nachlässigkeit vor.


„Es ist unverständlich, warum uns Spanair nach dem ersten missglückten Startversuch keine neue Maschine bereitgestellt hat.“ Ein Pilot, der im Moment des Unfalls mit seiner Iberia-Maschine landete, sah die riesige Feuerkugel. Fotos veröffentlichte nur die spanische Nachrichtenagentur Efe. Das Unglücksgelände, ein riesiges Stück verkohlte Erde, ist weiträumig abgeriegelt.


Und dann sind da noch Hector und seine Frau. Sie können ihr Glück immer noch nicht fassen. Weil sie drei Minuten zu spät zur Rampe kamen, hatte der Pilot die Türen schon schließen lassen, die beiden blieben am Boden. Hector sagt: „Ab heute ist der 20.August mein Geburtstag.“

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