Unbestätigten, aber nicht ganz wilden Gerüchten zufolge soll die Ehe der Pop-Königin Madonna in einer höllischen Krise stecken. Madame und ihr englischer Ehemann Guy Ritchie hätten einander bei einem gemeinsamen Abendessen mit Freunden in London nur noch angefaucht.
Monsieur verbringt angeblich Stunden mit ausgeschaltetem Handy im Pub und kehrt nur höchst ungern nach Hause zurück. Auch ein Seitensprung – selbstverständlich der Dame – soll schon stattgefunden haben, was von dieser jedoch energisch dementiert wird. Angeblich hat Madam Madonna eine heiße Affäre mit dem Baseball-Star der New York Yankees. Alex Rodriguez wurde mehrfach vor Madonnas Haus in New York gesehen. Rodriguez Ehefrau Cynthia ist davon überzeugt, die Sängerin habe ihrem Mann den Kopf verdreht. Und zwar nicht mit ihrem Körper sondern auch mit ihrer Religion.
Was tut nun ein bekanntes Paar in einem solchen Falle, dessen bessere Hälfte italo-amerikanischer Abstammung ist (und sich zudem nach der christlichen Gottesmutter nennt), während seine andere Hälfte ungefähr so jüdisch ist wie Pork-and-Kidney-Pie? Es sucht Hilfe bei einem Rabbiner. Wo denn auch sonst!
Allerdings sind Madonna und Guy Ritchie nicht bei irgendeinem Rabbi zu Gast, sondern bei Yehuda Berg, der das Kabbalah-Zentrum in Los Angeles leitet, das sein Vater Philip Berg gegründet und zu einem florierenden Wirtschaftsunternehmen ausgebaut hat – mit Filialen in Buenes Aires, Haifa, Jerusalem, London und Moskau. Die Kabbalah ist, um es kurz und ein wenig missverständlich zu sagen, die jüdische Gnosis.
Das wichtigste kabbalistische Werk, der „Sohar“, wird Schimon Bar Jochai zugeschrieben, einem Rabbiner, der rund um die Zeit der Zerstörung des Zweiten Tempels (70 n. Chr.) in Israel lebte und zu den Autoren des Talmud gehörte. Eigentlich, so meinen viele orthodoxe Juden, seien die kabbalistischen Geheimlehren schon Abraham, Isaak und Jakob sowie Moses am Berg Sinai offenbart worden.
Tatsächlich entstand der „Sohar“– dieses hebräische Wort bedeutet „Glanz“ – im 13. Jahrhundert in Spanien, und sein wichtigster Autor hieß Moses de Leon.
Göttlicher Lichtfunken
Doch ihre heutige Gestalt erhielt die Kabbalah vor allem durch jene kosmologischen Spekulationen, die sich an den Namen Isaac Luria (1534-1572) knüpfen, einen Mystiker, der im israelischen Safed lebte. Gemäß der lurianischen Kabbalah war die Schöpfung der Welt durch den „Zimzum“ gekennzeichnet, eine „Zusammenziehung“ Gottes, die zu einer Lichtexplosion und einem gewaltsamen Zerbrechen von sechs Schalen (sefirot) führte, aus denen die Welt gemacht ist. Die Aufgabe der Menschen ist es seither, die göttlichen Lichtfunken aufzusammeln, die damals verstreut wurden.
Der deutsch-jüdische Gelehrte Gershon Scholem sah in der lurianischen Kabbalah einen Versuch, eines der größten jüdischen Traumen seit der Zerstörung des Tempels zu verarbeiten: die Vertreibung aus Spanien im Jahre 1492. Das katastrophale Zerbrechen der Schalen hatten die Juden am eigenen Leib erlebt, als die Christen sie aus der iberischen Halbinsel hinauswarfen. Seither waren sie buchstäblich damit beschäftigt, Funken des Göttlichen und Gewesenen zu bewahren.
Innerhalb des Judentums war die Kabbalah immer umstritten. Chassidische Sekten – die sich seit dem 18. Jahrhundert gegen den Rationalismus der litauischen Talmudgelehrten abgrenzten – konnten kabbalistische Elemente für ihre ekstatische Gottesverehrung gut brauchen. Doch wer es mit dem Monotheismus theologisch genau nahm, hatte mit der jüdischen Gnosis zwangsläufig seine Probleme: Schließlich bevölkerten die Kabbalisten das Universum mit Heerscharen von Dämonen und Geistwesen, manche der Praktiken, die sie lehrten, waren ungefilterte Magie, und außerdem glaubten sie an Seelenwanderung. Der streitbare israelische Religionsphilosoph Jeschajahu Leibowitz (1903-1994), der frommer Jude und Rationalist zugleich war, konnte in der Kabbalah nie etwas anderes erblicken als, nebbich, heidnischen Unfug.
Kabbalah liegt voll auf der New-Age-Schiene
Doch all dies kann getrost vergessen, wer sich mit der Eheberatung von Madonna und Guy Ritchie beschäftigt. Warum? Weil jenes stromlinienförmige theologische Produkt, das Philip Berg für den globalen Markt schuf, mit der lurianischen Kabbalah allenfalls den Namen gemein hat. Von dem tiefen religiösen Ernst, der diese Glaubensrichtung prägte, ist hier nichts mehr zu spüren. Was auch immer man der mittelalterlichen Kabbalah vorwerfen mag – sie faselte niemals von Astrologie, Telepathie, Wahrsagerei und Außerirdischen.
Das Genie von Philip Berg besteht im Wesentlichen darin, dass er die jüdische Geheimlehre zu einer Variante des New-Age-Glaubens plattgewalzt hat. Durch diesen kleinen Kunstgriff wird sie dann für alle, Juden wie Nichtjuden, ungeheuer anziehend. Wie man hört, bekennen sich außer Madonna auch Mick Jagger, Demie Moore und Fergie, die Herzogin von York, zur Kabbalah á la Berg.
Übrigens handelt es sich bei diesem Religionsmagnaten um eine reichlich obskure Gestalt. Eigentlich heißt er Feivel Gruberger und stammt aus einer orthodoxen Familie in Brooklyn. Er habe, so behauptet er, an der „Jeschiwa Kol Jehuda“– einer Talmudschule in Jerusalem– seine „smicha“ (Rabbinerordination) erhalten; an der „Jeschiwa Kol Jehuda“ will man davon indessen nichts wissen. Philip Berg nennt angeblich einen Doktortitel sein eigen– allerdings ist nicht ganz klar, in welcher Disziplin: vergleichende Religionsgeschichte oder Jurisprudenz? Vorweisen möchte Philip Berg seine Doktorurkunde jedenfalls lieber nicht.
Micha Odenheimer, ein Journalist der israelischen Tageszeitung „Ha'aretz“, zitiert Äußerungen von Berg, die vertrackt nah am Antisemitismus liegen: Der „Sohar“, so erklärt der selbsternannte Kabbalist in christlichem Jargon, sei der „heilige Gral“. (Tatsächlich handelt es sich beim heiligen Gral um den Becher, aus dem Jesus beim letzten Abendmahl getrunken haben soll.) Da die Juden den „heiligen Gral“ unterdrückt und verleugnet hätten, sei der Judenhass entstanden: „Der hauptsächliche Faktor, der zum Antisemitismus beiträgt, liegt bei der Verleugnung der Früchte des Heiligen Grals seitens der Juden.“ In klares Deutsch übersetzt: selber schuld, Jungs!
Studiert man den Blog von Yehuda Berg, dem Sohn von Philip, staunt man vor allem über die bombastische Banalität der Einträge. „Manchmal brauchen es Leute einfach, durch ihren Schmerz hindurchzugehen“, liest man da. „Ein wesentlicher Teil des Prozesses, Licht aufzudecken, ist, dem Schmerz ins Gesicht zu sehen und durch ihn hindurchzugehen, so schwierig das auch sein mag.“ Und so weiter. Na gut, wenn es hilft, Madonnas Ehe zu kitten, wollen wir natürlich nichts gesagt haben.




