Hart aber fair

Frank Plasberg und die zweite Runde im Gender-Streit

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Felix Müller
Rechtfertigte die Löschung - und das Zurückrudern: WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn

Rechtfertigte die Löschung - und das Zurückrudern: WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn

Foto: KJohann1@wmg.loc / ARD

Zum zweiten Mal diskutierten bei Frank Plasberg dieselben Gäste über Gender-Mainstreaming. Neu waren nur Attacken auf Sophia Thomalla.

Auch wenn er im Sommerloch stattfand: Es hatte gehörigen Tumult gegeben vor dieser Sendung. PR-Strategen hätten ihn sich bestimmt herbeigewünscht, um die zeitgleich mit einem Spiel der deutschen Nationalmannschaft stattfindende Sendung vor dem Quotentod zu retten. Moderator Frank Plasberg und WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn hätten auf die Aufmerksamkeit sicher lieber verzichtet.

Denn es war von Zensur die Rede, von beschämendender Eiertänzerei, von journalistischen Offenbarungseiden. Im März hatten sich in der Talkshow von Frank Plasberg fünf Menschen getroffen, um über Geschlechterrollen und Diskriminierung zu diskutieren: Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter, Netzfeministin Anne Wizorek, Buchautorin Birgit Kelle, FDP-Vize Wolfgang Kubicki und Schauspielerin Sophia Thomalla.

Launig hatte Plasberg die Sendung mit dem Hinweis eröffnet, es gebe in Deutschland 190 Gender-Professuren, 180 davon in weiblicher Hand. Lehrstühle also, die sich mit dem Geschlecht als sozialem Konstrukt auseinandersetzen und mit der Frage, inwiefern es Diskriminierungen hervorbringt. Die lebhafte Diskussion spaltete sich schnell in zwei Lager: In diejenigen, die das sogenannte „Gender-Mainstreaming“ für ausgemachten Blödsinn halten (Kubicki, Thomalla, Kelle) und diejenigen, die es verteidigen (Wizorek, Hofreiter).

„Sie sehen gender-mäßig aus“

Dabei gab es allerlei Erstaunliches zu beobachten - etwa einen anscheinend gänzlich voreingenommenen Moderator oder einen bemerkenswert unsachlichen Wolfgang Kubicki, der Hofreiter schon im ersten Satz wegen seier langen Haare verhöhnte („Sie sehen ja schon so gender-mäßig aus). Im Großen und Ganzen verblasste die Sendung trotz ihres Unterhaltungswerts bald in der Erinnerung. Die Positionen zur Debatte sind ja bekannt: Man kann Sprachregelungen („Studierendenwerk“ statt „Studentenwerk“ zum Beispiel) lächerlich finden oder notwendig, man kann männliche und weibliche Rollenmodelle als biologisch vorherbestimmt beschreiben oder diese Determinierung in der Hoffnung auf bessere Verhältnisse bestreiten. Wir haben das alle oft gehört. Um ehrlich zu sein: oft genug.

Frauenverbände und Gleichstellungsbeauftragte protestierten so lang und ausdauernd gegen die Sendung, bis sie schließlich vom WDR aus der Mediathek gelöscht wurde (witz- und sinnloserweise übrigens, weil sie längst auf Youtube stand und dort nun um so häufiger angesehen wurde). Das wiederum führte zu den genannten Vorwürfen, woraufhin Schönenborn die Sendung wieder einstellen ließ - was dann, auch das irritierend, von vielen wiederum ins Lächerliche gezogen wurde. Denn verdient das öffentliche Eingeständnis eines Fehlers nicht zuerst einmal Respekt?

„Relativ normaler Vorgang“

Jetzt also wurde sie im Geiste der Aufarbeitung noch einmal geführt. Zwei weitere Gäste sorgten für Enge am Pult: Sybille Mattfeldt-Kloth, stellvertretende Vorsitzende des Landesfrauenrats Niedersachsen und als solche Beschwerdeführerin - und eben Schönenborn. Einen „relativ normalen Vorgang“ nannte er das Löschen der Sendung nach der Kritik. Schließlich habe der öffentlich-rechtliche Sender sein in der Mediathek vorgehaltenes Programm, anders als etwa ein Zeitungsarchiv, ständig auf journalistische Standards zu überprüfen. Ebenso sei es legitim, solche Entscheidungen zu revidieren.

Erstaunlicher da schon eine der Initiatorinnen der Beschwerde, Sybille Mattfeldt-Kloth. Ihre Kritik, in der Sendung sei der Gleichberechtigungsgrundsatz verletzt worden, schien schon dadurch in Frage gestellt, dass Frauen in der fraglichen Folge in der Mehrheit gewesen waren. Dubioser wurde es noch, als sie die Anwesenheit von Sophia Thomalla in Frage stellte - als sei gendertheoretische Beschlagenheit oder frauenpolitisches Engagement eine Eintrittskarte in die Meinungsfreiheit zu diesem Thema. Doch sie nahm es souverän - und mit Humor.

Die Quote - eine Zwangsbeglückung?

Der Rest der Sendung hakte die Themen ab, die in der letzten Sendung ein wenig zu kurz gekommen waren. Die Notwendigkeit von Genderprofessuren blieb jedoch ebenso umstritten wie die Frage nach einer Frauenquote, die Sophia Thomalla eine „Zwangsbeglückung“ nannte.

Über die Diagnose war dabei relativ leicht Konsens zu erzielen: Dass es eine Gerechtigkeitslücke in der gesellschaftlichen Behandlung von Männern und Frauen gibt. Unterbezahlung in Pflegeberufen, die gesellschaftliche Vernachlässigung erziehender Mütter, das Pro und Contra des Betreuungsgeldes, die Abwesenheit von Frauen in Führungspositionen - es ging um die großen Fragen diesmal und nicht um Ampelmännchen und Sprachregelungen. Aber es blieb kursorisch. „Wir haben einen großen Bogen geschlagen“, sagte Plasberg am Ende. Es wirkte eher wie ein Blick aus dem Fenster eines dahinrasenden Autos: Die Themen flogen so verwischt und unklar vorbei wie Bäume und Landschaften.