Nenad Bjelica wollte seine Nervosität vor der Premiere als Cheftrainer von Union Berlin nicht verbergen. Man kann den Kroaten durchaus verstehen. Erster Auftritt in der Bundesliga, noch dazu in einem Heimspiel am Sonnabend (15.30 Uhr, Sky) gegen Borussia Mönchengladbach, und natürlich mit der großen Hoffnung des Umfeldes im Nacken, dass beim Tabellenletzten der Bundesliga nun endlich alles besser wird.
„Man spürt vor jedem Spiel etwas Nervosität, ob als Spieler oder auch als Trainer. Das ist normal. Wir wollen gewinnen, uns gut präsentieren und zusammen mit unseren Fans endlich aus diesem Tief herauskommen“, sagte Bjelica am Freitag. Worte, die sehr abgeklärt klingen und ein gewisses Selbstverständnis transportieren. Wie groß die Aufgabe ist, die Mannschaft vor allem aus dem mentalen Tief zu führen, ist Bjelica jedoch ebenso bewusst.
„Wenn ein neuer Trainer kommt, ist es immer ein bisschen eine andere Atmosphäre“, erzählt Bjelica. Und sie ist im Vergleich zu seinem Vorgänger signifikant anders. Wo Fischer vor allem seine Assistenten die Übungen leiten ließ und er selbst als akribischer Beobachter höchstens eingriff, tritt Bjelica selbst in Aktion. Mit Worten, mit Gesten, die Trillerpfeife immer zur Hand und klaren Ansagen, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. Quasi eine Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche.
Bjelica muss Union Berlin neues Leben einhauchen
Ein neuer Umgang, der der Mannschaft neues Leben einzuhauchen scheint, glaubt man den Worten des Coaches: „Jeder fängt bei Null an, sieht für sich mehr Möglichkeiten zu spielen. Wir haben sehr viel auf dem Platz gearbeitet, viel miteinander gesprochen, um von den Spielern die Informationen zu kriegen, warum die letzten Monate so gelaufen sind.“ In der Bundesliga gab es in den vergangenen zehn Spielen ein maues Pünktchen (1:1 gegen Augsburg).
Mittelfeldspieler Rani Khedira hatte unter der Woche die Probleme öffentlich angesprochen. Die „hundertprozentige Überzeugung“ habe gefehlt, jeder hatte „seine eigene Idee auf dem Feld“, auch dass man sich vielleicht für zu gut befunden habe, sei ein Grund gewesen, sagte Unions Vize-Kapitän: „Wenn du denkst, dass du als Champions-League-Spieler einen Schritt weniger machen musst, dann bist du verloren in der Bundesliga.“
Ein Umstand, der ohne Zweifel auch mit den Verpflichtungen im Sommer zu tun hatte. Spieler wie David Fofana oder Brenden Aaronson und natürlich die Nationalspieler Robin Gosens und Leonardo Bonucci waren in Köpenick nicht angetreten, um gegen den Abstieg zu spielen. Zugleich sollte in der Königsklasse die Qualität jedes Einzelnen dazu beitragen, eine reelle Chance aufs Überwintern in Europa aufrechtzuerhalten.
Union Berlin ist nur als gesamtes Team erfolgreich
Doch die vergangenen Union-Jahrgänge haben vor allem deshalb so außergewöhnlich gut funktioniert, weil die Elf auf dem Platz wusste, dass es jeden braucht, um defensive Stabilität zu bewahren. Die vergangenen Wochen haben gezeigt, was passiert, wenn sich nur acht oder neun Spieler dazu aufgerufen fühlen. Jener fehlende Teamgeist ist es, den Bjelica so schnell wie möglich wieder wachrufen muss, damit nicht nur das Spiel gegen Mönchengladbach, sondern auch die so wichtigen Duelle beim VfL Bochum (16. Dezember) und gegen den 1. FC Köln (20. Dezember) gewonnen werden können.
Dafür braucht es natürlich eigene Treffer. Doch Druck auf die Stürmer will der Coach nicht aufbauen. Es gelte, positiv zu bleiben. „Der Umgang ist mit allen Spielern gleich, ob Stürmer, Mittelfeld- oder Abwehrspieler. Jeder kann uns zum Sieg führen. Wichtig ist, dass die Mannschaft funktioniert, dann wird schon jemand ein Tor machen. Wir machen keinen Druck auf die Stürmer.“ Der immer noch angeschlagene Sheraldo Becker wird jedoch gegen die Gladbacher fehlen, ebenso Innenverteidiger Danilho Doekhi.
Noch am Freitagnachmittag gab es eine Trainingseinheit. Am Sonnabend geht es in ein Tageshotel ohne die sportliche Aktivierung für das Spiel, dafür aber mit letzten Gesprächen. „Dann geht es zum Spiel“, verdeutlichte Bjelica.
Bleibt die Frage, ob der 52-Jährige in seiner ersten vollen Trainingswoche bei Union schon eine Lösung für das Problem hat finden können. „Wir können jetzt sagen, dass wir eine Lösung gefunden haben“, antwortete der Coach, „aber sehen werden wir es erst im Spiel.“ Sage noch jemand, Bjelica wäre vor seiner Bundesliga-Premiere mit Union Berlin nicht nervös.



