Bundesliga

Unions Bülter erlebt sein Sommermärchen

Union-Profi Marius Bülter gelang in einem Jahr der Aufstieg aus Liga vier in die Bundesliga - auf einem eher ungewöhnlichen Weg.

Unions Marius Bülter (r.) dreht zum Jubeln ab, Dortmunds Julian Weigl ist bedient.

Unions Marius Bülter (r.) dreht zum Jubeln ab, Dortmunds Julian Weigl ist bedient.

Foto: Paul Zinken / dpa

Berlin. Dreierwalde, eine 3000-Seelen-Gemeinde am äußersten Rande des Tecklenburger Landes. Ein Ort, wie ihn der Autor J.R.R. Tolkien eigens für eines seiner Meisterwerke, für seine Fantasy-Welt erdacht haben könnte. Als Ausgangspunkt eines Märchens.

Für Marius Bülter ist Dreierwalde nahe Rheine im Kreis Steinfurt pure Realität, als er sich mit seinen Freunden zum Fußballspielen trifft. „Jeder hat da Fußball gespielt“, sagt der Blondschopf, als er sich an jenen Jungen um die Jahrtausendwende erinnert, der den Traum vieler Kinder hat, die gegen den Ball treten: Bundesliga-Profi werden.

„Als kleiner Junge hat das glaube ich jeder gesagt“, gibt Bülter, inzwischen 26 Jahre alt, entspannt zu. Längst ist er Profi geworden, Bundesliga-Profi. „Bei mir ist der Traum jetzt wahr geworden.“ Dank einer Geschichte, die im heutigen Profigeschäft alles andere als alltäglich ist.

„Das ist noch schwer zu realisieren“

Bülter stürmt seit Saisonbeginn für den 1. FC Union. Am Sonnabend sicherte er mit seinen ersten beiden Toren im Oberhaus Unions allerersten Heimsieg als Erstligist. Gegen Champions-League-Teilnehmer und Meisterschaftskandidat Borussia Dortmund.

„Das ist alles irgendwie noch schwer zu realisieren“, gibt Bülter zu. Er sei schon zu Union gekommen „mit dem Ziel zu spielen. Und ich habe es mir auch zugetraut, sonst hätte ich es nicht gemacht. Dass es so schnell gelang, hat mich aber schon überrascht.“

Das liegt an der Vergangenheit des Jungen aus Dreierwalde. Bis vor gut einem Jahr kickte er noch in der Oberliga beim SV Rödinghausen. Fußball, ja – aber wirklich Profi? Der große Traum verblasste bei all den durchgestylten Werdegängen nationaler Fußballtalente mehr und mehr zu einer schwachen Erinnerung.

Bülter schloss ein Maschinenbau-Studium ab

Fußball-Internate kannte Bülter nur aus den Medien, von innen hat er nie eines gesehen. Stattdessen schloss er in Osnabrück ein Maschinenbau-Studium ab, für das „ich schon etwas länger gebraucht habe“, immerhin zehn Semester.

„Ich wusste, dass es damit gute Jobchancen gibt“, erzählt der Blondschopf. Der VfL Osnabrück hatte ihn längst nach einem Probetraining wieder weggeschickt, Bülter wurde für nicht gut genug befunden – nach nur einem Tag.

Wirklich aufgeben wollte er jedoch nicht. Bülter nahm sich einen Personaltrainer, verringerte sein Körpergewicht um zehn Kilogramm. „Ich hatte früher öfter Verletzungen durch Entzündungen, konnte dadurch nicht trainieren“, berichtet er.

Bülter stellte seine Ernährung um

Auch wusste er gar nicht, „was ich wann essen soll“, um sich für eine mögliche Fußball-Karriere fitzumachen. „Das waren Kleinigkeiten, die er mir gesagt hat. Was zum Beispiel die Spielvorbereitung angeht, sich nicht erst am Tag vor dem Spiel entsprechend zu ernähren, sondern zwei, drei Tage vorher.“

Es war der Moment, in der seine Laufbahn auf dem grünen Rasen Fahrt aufnahm – und immer rasanter wurde. Im Sommer vergangenen Jahres wechselte Bülter zum Zweitliga-Aufsteiger 1. FC Magdeburg, einfach nur froh, „jetzt in der Zweiten Liga zu spielen“. Die Bundesliga? Immer noch ganz weit weg.

Eine Saison mit 32 Einsätzen und vier Toren genügte, um andere Ve reine auf sich aufmerksam zu machen. Union zum Beispiel, das den Offensivmann per Leihvertrag inklusive Kaufoption verpflichtete. Magdeburg stieg wieder in die Drittklassigkeit ab, für Bülter ging es mit den Köpenickern weiter nach oben.

Mit Subotic kam für Bülter die Erkenntnis

„Da gehört sicher auch eine Portion Glück dazu“, sagt Bülter. Bescheiden gibt er sich, die große Zurückhaltung, die ihn noch bei seiner Ankunft umgab, hat er jedoch inzwischen abgelegt.

Es war Anfang Juli, als Bülter zum obligatorischen Medizincheck in die Charité unterwegs war. Neben ihm im Kleintransporter saß niemand Geringeres als BVB-Ikone Neven Subotic, wie Bülter gerade von Union verpflichtet.

Natürlich habe sich Bülter dem zweimaligen deutschen Meister erst vorstellen müssen, verriet er seinerzeit, als er – fast staunend – seinen neuen Teamkollegen kennenlernte. Es war das erste Indiz dafür, dass Bülter tatsächlich in der Bundesliga gelandet ist.

Trainer Fischer lobt das Kraftpaket

Den Beweis, es auch in Liga eins zu schaffen, hat er spätestens mit seinen beiden Toren gegen Dortmund am Sonnabend erbracht. Es ist der bisherige Höhepunkt für den wuchtigen Offensivmann, den Kämpfer auf der linken Seite mit dem Zug zum gegnerischen Tor.

Trainer Urs Fischer bescheinigte ihm eine „sehr gute Leistung, nicht nur wegen der Tore. Er hat auch sehr gut nach hinten gearbeitet, den Raum sehr gut zugestellt.“

Aufstieg, Stammplatz, Tore, viel Lob – wie soll man da nicht die Bodenhaftung verlieren, wo doch sogar schon die „Gazetta dello Sport“ in Italien titelt: „Die Geschichte des Ingenieurs Bülter – in 18 Monaten vom Amateur zum Henker der Borussia.“

Bülter will auf dem Boden bleiben

Fischer mach sich keine Sorgen: „Bülter ist da relativ klar im Kopf, er hat eine Linie. Und so lange es läuft, soll er dranbleiben.“ Bülter selbst bestätigt die Einschätzung seines Trainers: „Ich will jetzt nicht rumspinnen und versuche es einfach auszublenden, dass mein Name jetzt so in der Öffentlichkeit steht.“

Eines würde er den hoffnungsvollen Talenten, die von der Bundesliga träumen, noch mit auf den Weg geben: „Man muss immer Spaß an der Sache haben. Wenn man keinen Bock hat aufs Fußballspielen, dann wird es wahrscheinlich auch nichts.“

Der kleine Junge aus Dreierwalde hat offenbar gut zugehört.

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