Bundesliga

Union und der Boykott zur falschen Zeit

Unions Profis kämpfen gegen das Schweigen der Fans zum Bundesliga-Start am Sonntag gegen RB Leipzig. Allen voran Torwart Gikiewicz.

Beim ersten Aufeinandertreffen 2014 protestierten die Union-Fans mit schwarzen Plastik-Ponchos gegen RB Leipzig.

Beim ersten Aufeinandertreffen 2014 protestierten die Union-Fans mit schwarzen Plastik-Ponchos gegen RB Leipzig.

Foto: imago sportfotodienst / imago/Matthias Koch

Berlin. Der Sieg in der ersten DFB-Pokalrunde? Abgehakt. Beim 1. FC Union schaut man nach dem 6:0 bei Germania Halberstadt nach vorn, auf jenes Spiel, auf das der Verein und auch die Mehrzahl der Fans jahrelang gewartet haben. Auf das erste Spiel des Köpenicker Klubs in der Fußball-Bundesliga.

Ein großer Tag für jeden Verein, einer, der in den Chroniken einen festen Platz haben wird. Doch Union wäre nicht Union, wenn nicht auch dieser Tag ein wenig anders verlaufen würde als vielleicht angenommen.

Das hat etwas mit dem ersten Gegner am Sonntag (18 Uhr, Sky) zu tun: RB Leipzig. Oder vielmehr mit dem Gebaren eines Teils der Union-Fans mit dem Kontrahenten. Das stößt nicht bei allen auf Gegenliebe.

Aufruf vom Union-Fanclub „Wuhlesyndikat“

Denn statt großer Euphorie soll 15 Minuten lang Stille die Szenerie in der Alten Försterei bestimmen. So hat es der Fanclub „Wuhlesyndikat“ zumindest angedacht und vor wenigen Tagen zu einem Stimmungsboykott aufgerufen.

RB Leipzig sei „ein Konstrukt, das mit unserer Vorstellung von Fußball absolut nichts gemein hat“, heißt es in einer Erklärung auf der Internetseite des Fanclubs. Und: „Es gilt, den Protest weiter konsequent ins Stadion zu tragen und zu zeigen, dass wir mit der Idee vom Fußball in Leipzig nicht einverstanden sind.“

Dass die Mehrheit der aktiven Fanszene des Landes, darunter natürlich auch die des 1. FC Union, mit dem Geschäftsmodell nicht einverstanden ist, mit dem in Leipzig der Fußball gefördert wird, ist allgemein bekannt. Weil Dinge wie Mitbestimmung oder Teilhabe aufgrund des Engagements des österreichischen Getränkeherstellers Red Bull kaum möglich sind.

Verein und Mannschaft wurden informiert

Das Verhältnis der Union-Fans zu RB Leipzig ist ohnehin eher keines. 2011 musste sogar ein bereits vereinbartes Testspiel nach Fan-Protesten kurzerhand wieder abgesagt werden.

Insofern muss die Frage erlaubt sein, ob es nicht mehr Sinn macht, die eigene Mannschaft bei ihrem Bundesliga-Debüt – erst recht gegen einen Champions-League-Teilnehmer – von der ersten Sekunde an zu unterstützen, anstatt sich durch den Boykott vor allem mit dem Gegner zu beschäftigen.

Sowohl der Verein als auch die Mannschaft wurden über das Vorhaben der Fans und auch die Hintergründe des Boykotts informiert. Doch zumindest von Seiten der Profis stößt die Aktion nicht unbedingt auf Begeisterung.

Union-Torwart Gikiewicz appelliert an die Fans

Torwart Rafal Gikiewicz wandte sich sogar öffentlich an die Fans. Per Instagram verwies er auf den historischen Moment, für den alle „sehr hart gearbeitet“ hätten, „wir alle, auch ihr!“ Nun sieht der Pole den besonderen Moment jedoch dahinschwinden.

„Euer geplanter Boykott in den ersten 15 Minuten ist nicht gut für uns Spieler. Ihr könnt gerne eine Choreo oder sonst etwas machen. Wir Spieler, zusammen mit euch Fans, müssen unseren Gegnern zeigen, dass das unser Platz ist, unser Haus! Sie müssen spüren: Welcome to Hell“, schrieb er unter ein Foto, das ihn vor der leeren Tribüne auf der Waldseite zeigt – dem Block der Union-Fans.

Auch Linksverteidiger Christopher Lenz kann sich nur schwer mit dem angekündigten Boykott anfreunden: „Das ist ein Fan-Ding, aber natürlich sind wir eigentlich dafür, dass die Fans uns anfeuern. Egal in welchem Spiel in der vergangenen Saison, vor allem aber gegen Magdeburg, Hamburg und Köln, da hat man gemerkt: Wenn wir die Fans im Rücken haben, ist für uns auch alles gefühlt einen Tick leichter.“

Boykott beeinflusst auch die Trainingsarbeit

Als Kapitän der Mannschaft hatte Christopher Trimmel Kontakt zur Fanszene. „Wir wissen nicht zu 100 Prozent, wie die Fans so denken, deshalb akzeptieren wir das und konzentrieren uns auf die sportlichen Dinge“, sagte der Österreicher zwar.

Doch auch er sieht darin eine nicht zu unterschätzende Problematik. „Sicher hat man sich das insgesamt anders vorgestellt. Man hat sich vielleicht auch einen anderen Gegner gewünscht“, sagte Trimmel. Seine Sicht der Dinge: „Der Gegner ist in Wahrheit egal. Jeder Gegner ist schwer, wir freuen uns auch auf jeden.“ Dass jedoch in den „ersten 15 Minuten in unserem Stadion keine Stimmung ist, ist aus Spielersicht natürlich ungewohnt“.

Trainer Urs Fischer machte deutlich, dass die Fan-Aktion auch die Vorbereitung auf die Partie beeinflussen werde. „Ich glaube schon, dass man das ansprechen muss. Das ist ein komisches Gefühl. Normalerweise ist das Stadion ein Tollhaus. Aber die Fans sind entschlossen. Gut, dass es nur 15 Minuten sind“, erklärte der Schweizer.

Fehlende Wertschätzung für die Mannschaft

Fakt ist: Ein 15 Minuten langes Schweigen ist alles andere als eine Wertschätzung für jene Mannschaft, die sich seit mehr als sechs Wochen auf diese Debütsaison, dieses Premierenspiel vorbereitet hat. Daran ändert auch die Versicherung nichts, dass das Schweigen nicht gegen die eigene Mannschaft gerichtet sei. Dieser Boykott kommt zum falschen Zeitpunkt.

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