Veränderungen, speziell im Fußball und dort vor allem bei so genannten Traditionsvereinen, bergen immer Zündstoff. Fans und Mitglieder nehmen allzu oft jede Verschiebung des Status quo höchst skeptisch auf oder lehnen diese sogar ab. Vereinsführungen sehen sich dadurch vor jenem Spagat, den Klub wachsen lassen zu müssen, damit er mit den Entwicklungen im modernen Fußball Schritt halten kann – ohne jedoch jene Menschen zu verprellen, die den Verein erst dahin gebracht haben, wo er jetzt steht.
Das ist beim 1. FC Union nicht anders. Bundesliga? Erweiterung der Alten Försterei auf 37.000 Plätze? Natürlich wird manchem da schwindelig angesichts der so gern als Tradition umschriebenen Jahre zuvor. Jahre, die meist durch schwierige Phasen gekennzeichnet waren. Die Mehrheit jedoch – und das ist bei einem Klub bemerkenswert, dessen Mitglieder Veränderungen vor allem im kommerziellen Bereich lange kategorisch abgelehnt haben – unterstützt den Weg, den Unions Obere, allen voran Präsident Dirk Zingler, vorgesehen haben.
Es geht um Vertrauen, welches nicht nur in Köpenick das Fundament ist für die Symbiose zwischen Mitgliedern und Verein, zwischen Fans und Mannschaft. Kaum ein Entwicklungsschritt in den vergangenen Jahren wurde an den Personen, die Union mit Leben füllen, vorbei getan. Viel wichtiger: Keine Maßnahme hat je die Herkunft des Klubs in Frage gestellt. „Heimat hat eine große Bedeutung für uns“, wird Zingler nie müde zu betonen.
Heimat gilt bei Union als höchstes Gut
Der Bau-Unternehmer sieht dies als höchstes Gut an, gerade in Zeiten, in denen „man sieht, wie schwer es für manch andere Vereine ist, Heimat zu definieren“. Darmstadt 98, 1860 München oder auch Hertha BSC kommen einem in den Sinn, Traditionsklubs auf der Suche nach dem Standort für eine zukünftige Spielstätte. Deswegen ist es für ihn auch von Bedeutung, dass der Trainingsplatz der Profis, die am Sonntag den Test beim Friedrichshagener SV 16:0 (8:0) gewannen, hinter der Alten Försterei bleibt, auf Kosten eines Parkplatzes: „Es ist wichtig für die DNA des Vereins, dass die Lizenzspielermannschaft am Stadion bleibt.“ Das schafft Identifikation mit dem Arbeitgeber. Und seinen Anhängern.
Zinglers Maxime seit seinem Amtsantritt im Jahr 2004 lässt sich wie folgt umschreiben: Wer den Menschen eine Heimat gibt, muss ihnen auch die Möglichkeit geben, diese mitzugestalten. Der Köpenicker Klub hat dies stets getan und dabei immer profitiert, in seiner Entwicklung wie in seinem Verhältnis zu seinen Sympathisanten. Ob bei der Sanierung der Stehplatzränge durch Fans oder die Stadionaktie, die den Bau der Haupttribüne mitfinanziert hat. Union für alle, alle für Union.
Fans entscheiden bei Gestaltung der Alten Försterei mit
Aktuellstes Beispiel: die Vergrößerung der Alten Försterei. Zingler und Dirk Thieme, der Vorstandsvorsitzende der Stadion AG, wussten die Anwesenden zu beeindrucken. Mit der Art der Präsentation (vier Videowände vor der Haupttribüne), aber auch mit der Solidität der Pläne. Statt fremder Investoren soll es Hypothekendarlehen geben. Sicherheit geht vor Schnelligkeit, nichts soll den Verein gefährden. Die Fans sehen ihr Vertrauen in die Klubführung erneut bestätigt.
Zumal es Zingler und Co. auch hier verstanden, die Anhänger bei der Entwicklung mit an den Tisch zu holen, derweil andere Vereine in der Hauptstadt ihre Mitglieder unpersönlich per E-Mail über ihr Stadionvorhaben informieren. Der Entschluss, den Fanblock auf der Waldseite nun doch zu teilen, wurde in Zusammenarbeit mit der Fan- und Mitgliederabteilung des Klubs gefällt. „Die Fanszene hat sich für einen Oberrang und gegen eine durchgängige Tribüne entschieden“, erklärte Zingler. Und wieder: Mitgestaltung statt vollendete Tatsachen.
“Der Verein handelt als wirtschaftliches Unternehmen“
Kritik, die kommen musste, wurde derart entkräftet, dass sich jeder angesprochen fühlte. Sind 37.000 Plätze nicht zu viel? Zingler: „Ich bin gegen eine geschlossene Gesellschaft, in die man nicht mal mehr seine Kinder oder Freunde mitbringen kann.“ Wer will schon in die traurigen Augen seines Sohnes oder seiner Tochter schauen, wenn man erklären muss, dass es wieder keine Karten gibt.
Und warum fällt der Zwei-Spiele-Rabatt bei Dauerkarten weg, wenn Union durch mehr Zuschauer bald mehr Einnahmen generieren kann? „Der Verein handelt als wirtschaftliches Unternehmen und immer zum Wohle des Vereins“, sagte Zingler: „Bei einem Produkt, das mir aus den Händen gerissen wird, ist es wirtschaftlich Schwachsinn, Rabatte zu geben.“ Nachvollziehbar auch für jeden Kleinstunternehmer.
Und, so Zingler weiter: „Wenn du infrastrukturell nicht Schritt hältst, ist das ein großes Problem.“ Das begreift jeder, der mitverfolgt, wie überfordert Berlin zuweilen ist, die Entwicklung der Infrastruktur dem Wachstum der Stadt anzupassen. „Das Land Berlin hat großes Interesse daran, dass das Stadionprojekt umgesetzt wird“, sagte Zingler. Die Fans werden Union dabei unterstützen.


