Spiele beim Spitzenreiter der Zweiten Liga haben für den 1. FC Union seit Jahren einen bitteren Beigeschmack. Zu oft traten die Köpenicker hoffnungsvoll an, um dann während der 90 Minuten festzustellen, dass die Unterschiede zwischen einem ambitionierten Zweitligisten und einem echten Spitzenteam doch größer sind. Mit Blick auf die Partie am Sonntag beim FC Ingolstadt (13.30 Uhr, Sky) darf festgehalten werden: Selten waren zwei Kontrahenten unterschiedlicher. Union fordert Ingolstadt zum Duell der Gegensätze.
Das wird allein schon mit Blick auf die sportliche Situation deutlich. Während die Ingolstädter sich Aufstiegsträumen hingeben dürfen, bangt man bei Union um den Klassenerhalt. „Ingolstadt hat viel Power, auch finanzielle Power“, überrascht es Unions Trainer Norbert Düwel nicht, dass die Bayern fester denn je an die Tür zur Bundesliga klopfen: „Sie sind auch ein wenig in ihrer Philosophie umgeschwenkt, haben ältere Spieler freigegeben und jüngere, hungrige Spieler nachgeholt.“
Ein Konzept, das in Ingolstadt – anders als bei Union – bislang aufgeht. Mit sechs Gegentoren nach zwölf Saisonspielen hat der FCI die beste Defensive der Liga. Dem gegenüber steht Union mit bereits 18 Gegentoren. Offensiv wiederum stellt Union vor dem Spieltag mit elf Toren den drittschlechtesten Angriff, Ingolstadt hat schon 18 Treffer erzielen können. Zahlen, die belegen, warum der Klub noch ungeschlagen ist.
Düwel verteidigt die Strafe gegen Özbek und Nemec
Als Baumeister dieses Aufstiegskandidaten gilt Trainer Ralph Hasenhüttl. Der Österreicher hat die Schanzer – Ingolstadt war im 16. Jahrhundert eine bayerische Landesfestung (Schanz) – vor gut einem Jahr auf einem Abstiegsplatz übernommen und die Mannschaft seitdem Schritt für Schritt fußballerisch auf Vordermann gebracht. „In dieser Saison ging es darum, das Offensivspiel zu stärken“, ließ Hasenhüttl wissen. Das gelang bislang mit Erfolg. Entsprechend groß ist das Ansehen Hasenhüttls beim FC.
Ein Ansehen, von dem Düwel bei Union nur träumen kann. Zumal – anders als beim Gegner – die Atmosphäre innerhalb der Mannschaft nicht in dem Maße positiv ist wie in Ingolstadt. Immer wieder sorgen Nebenkriegsschauplätze für Unruhe. Zuletzt die Verbannung von Baris Özbek und Adam Nemec ins Regionalliga-Team samt Vertragsstrafen und Ankündigungen der Spieler, per Anwalt dagegen vorzugehen.
„Grundsätzlich hat jeder Arbeitnehmer bestimmte Pflichten. Fußballspieler haben ziemlich wenige, aber denen sollten sie dann auch nachkommen“, verteidigte Düwel am Freitag noch einmal die Maßnahme. Dass die Spieler, selbst wenn nicht im Kader stehend, dem Spiel gegen Fürth (0:1) ferngeblieben waren, „ist nicht zu akzeptieren“, erklärte Düwel. Wohl wissend, dass beide seinem Team in der momentanen Situation „gut getan hätten“. Einen Konzentrationsverlust in der Vorbereitung auf das Duell in Ingolstadt befürchtet der Coach jedenfalls nicht: „Das ist kein Thema, die Spieler wissen um das Vergehen und wie damit umzugehen ist.“
Tradition gegen Werksklub
Auch beim Blick hinter die sportlichen Kulissen wird deutlich, wie unterschiedlich beide Klubs sind. Union definiert sich vor allem über seine Tradition sowie seine Fans und Mitglieder, Mitbestimmung wird groß geschrieben an der Alten Försterei. Der im Januar 1966 gegründete Klub blickt auf fast fünf Jahrzehnte zurück. Das schafft Identifikation beim Anhang, der die Mannschaft auch auswärts immer zahlreich unterstützt.
Auf eine solche Unterstützung hofft man auch in Ingolstadt – aber vor heimischer Kulisse. Nicht einmal 7500 Zuschauer kommen im Schnitt zu den Heimspielen, das Stadion ist kaum zur Hälfte ausgelastet. Zum Vergleich: Die Alte Försterei ist mit 19.380 Fans im Schnitt zu fast 90 Prozent ausgelastet. Vielen ist in Ingolstadt ein Dorn im Auge, dass mit Audi ein milliardenschweres Unternehmen hinter dem Klub steht. Die Fußballabteilung ist längst in eine GmbH ausgegliedert, an der der Autobauer 19,94 Prozent der Anteile hält und deren Aufsichtsrat ebenfalls von ihm kontrolliert wird.
Mit der Tradition hapert es auch. Erst 2004 entstand der FCI durch die Ausgliederung der Fußballabteilungen der Ingolstädter Vereine MTV und ESV. Doch der Klub ist mit dem Angriff auf die Bundesliga gerade dabei, Geschichte zu schreiben. Union hofft auf ein eigenes Kapitel – als erste Mannschaft, die die Ingolstädter in dieser Saison hat schlagen können.





