Saisonstart

Union geht mit neu entdeckter Leidenschaft in eine neue Ära

Trainer Norbert Düwel soll mehr Leistung aus dem Team herausholen als sein Vorgänger Uwe Neuhaus. In Karlsruhe wartet zum Beginn der Zweiten Liga die erste Bewährungsprobe auf die Berliner.

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Links neben dem Stadion steht der Wald, wenn man von der Geschäftsstelle aus schaut. Wer zur S-Bahn will, geht da durch. Die Tribünenseite der Fußball-Arena, die an den Wald grenzt, ist sogar nach ihm benannt. Dieses Stück Wuhlheide-Grün gehört einfach zum 1. FC Union.

Doch die Beziehung hat etwas von ihrer Nähe eingebüßt. Deshalb tut Dirk Zingler der Wald leid. „Der fühlt sich vereinsamt, da war gar keiner“, sagt der Präsident. Es sieht so aus, als hätten die Schneisen zwischen den Bäumen ausgedient als Rennstrecke. Über Jahre liefen die Profis des Berliner Zweitligisten hier mehrmals in der Woche zu Trainingszwecken entlang, manchmal fuhren sie mit dem Fahrrad. Doch im Konzept des neuen Trainers der Berliner, Norbert Düwel, sind solche Einheiten nicht vorgesehen. Im Wald herrscht nun Ruhe.

Bei Union weniger, es passiert ganz viel. „Wir haben in den letzten Wochen gesehen, dass bei uns einiges anders läuft“, stellt Zingler fest. Genauso sollte es sein. „Das sind alles Entwicklungen, die wir beobachten, die uns sehr gut gefallen. Ob es zum Erfolg führt, kann man nicht sagen, aber es sind Schritte, die wir uns gewünscht haben aufgrund des Wechsels auf dem Cheftrainerposten.“ Sieben Jahre lang war unter dem alten Coach Uwe Neuhaus alles mehr oder minder im gleichen Fahrwasser gelaufen. Im Frühjahr verfestigte sich beim Klub die Meinung, da nicht mehr herauszukommen und Potenzial zu verschenken. Deshalb erfolgte eine Reaktion.

In der Vorbereitung nicht verloren

In der Vorbereitung auf die neue Saison ließen sich deren Folgen erst einmal gut an, kein Spiel wurde verloren, der amtierende Europa-League-Sieger FC Sevilla sogar bezwungen. „Aber Vorbereitungsspiele sind Vorbereitungsspiele, alles schön und gut“, sagt Düwel. Die Ergebnisse werden erst ab diesem Sonntag mit dem Start beim Karlsruher SC interessant (15.30 Uhr, Sky). Bislang war der Weg das Ziel, und mit dem Verlauf des Weges sind erst einmal alle zufrieden.

Der frische Wind weht noch ordentlich in Köpenick. Das war erwartbar. Düwel trägt bei den Berlinern erstmals die ganze Verantwortung. „Natürlich ist es etwas anderes, jetzt als Cheftrainer dazustehen“, sagt der Coach, der sich ein Jahr lang intensiv darauf vorbereitet hat, in der Zweiten Liga als Trainer erst unter- und dann anzukommen. Davor assistierte er drei Jahre bei Hannover 96 in der Bundesliga. In verschiedenen Positionen durfte er zudem Ottmar Hitzfeld, Jose Mourinho, Louis van Gaal und Alex Ferguson über die Schulter schauen. Von jedem, sagt er, konnte er etwas mitnehmen. Düwel, 46, verfasst sogar Fußballbücher. Sein Fachwissen will er nun auf den Platz bringen, mit viel Engagement.

Kein Tabellenplatz als Saisonziel

Das passt so schön. Union will einen „emotionalen und mentalen Neustart“, wie Zingler immer sagt. Um Platzierungen schert er sich dabei zunächst nicht. Klar, besser als Platz neun zuletzt darf es ruhig sein. „Aber wir werden keinen Tabellenplatz als Saisonziel ausgeben“, so der Präsident. Vor allem will er Veränderungen sehen. Unter Neuhaus schien ja alles festgefahren, es fand keine Entwicklung mehr statt. Es wurde nur buchhalterisch verwaltet.

Davon ist Düwel weit entfernt. Das muss er sein, er weiß ja, was die Chefetage möchte. „Ich bin geholt worden, um Dinge zu ändern und auf den Weg zu bringen“, sagt er. Üblich bei solchen Unterfangen ist auch, dass der Kader ordentlich durchgemischt wird. Doch die Berliner sehen hier eine andere Angriffsfläche. „Für einen Neustart brauche ich nicht unbedingt neue Gesichter“, sagt Zingler, dessen Klub bislang in Rechtsverteidiger Christopher Trimmel, 27/Rapid Wien, Innenverteidiger Toni Leistner, 23/Dynamo Dresden, sowie den beiden früheren Augsburgern Bajram Nebihi, 25/Angriff, und Mohamed Amsif, 25/ Torwart, nur vier Zugänge präsentierte. Von denen dürfte in Karlsruhe nur Trimmel in der Startelf stehen.

Neue Strukturen im Kader

Vorderstes Anliegen sei es laut Zingler, zu „überprüfen, ob im bestehenden Kader noch Reserven sind. Letztlich geht es darum, dass der Trainerstab versucht, durch eine andere Ansprache und eine neue Mentalität Leistungsreserven aufzudecken.“ Erst mal oblag es dem Neuen also, sich ein genaues Bild zu machen von dem, was ihm zur Verfügung steht. „Es war eine Situation, in der alles hinterfragt werden muss, wo neue Strukturen gebildet werden müssen“, so Düwel. Die Schlüsse, die er zog, überraschten teilweise. Sie erscheinen allerdings logisch. Die Impulse von innen müssen spürbar sein. Mit der Entscheidung, Damir Kreilach das Kapitänsamt von Klublegende Torsten Mattuschka zu übertragen, setzte Düwel ein Signal, ein deutliches. Niemand soll sich mehr hinter Mattuschka verstecken können. Die Verantwortung wird breiter verteilt, jeder soll mehr beitragen.

Auch Baris Özbek, der eigentlich von Neuhaus aussortiert worden war. Düwel übergab ihm die Regisseursstelle von Mattuschka, der wiederum weiter vorn spielen soll. Ebenso das Spielsystem ließ der neue Trainer nicht unangetastet, in einer neuen 3-5-2-Formation mit Dreierkette und Doppelsechs geht sein Team vorerst auf den Platz. Nach seinem Gefühl seien die Spieler in diesem taktischen Gefüge am besten aufgehoben. Ebenso ist Düwel daran interessiert, junge Spieler einzubauen.

Der neue Mann macht vieles anders

Neben diesen groß angelegten Umbauprojekten finden sich in der täglichen Arbeit des Trainers manche Sachen, die sich für die Köpenicker noch auszahlen können. „Düwel trainert anders, das ist kein Geheimis, sondern offensichtlich“, sagt Zingler. Düwel lobt unheimlich viel, gibt seinen Spielern reichlich Feedback – und lässt sie auch laufen, wenn die Trainingsleistungen schlecht sind. Darüber hinaus sieht man ihn sehr oft in Einzelgesprächen. Überhaupt ist der Trainer jedem bei Union gegenüber aufgeschlossen, das kommt an bei allen Mitarbeitern. In der ganzen Organisation habe sich kommunikativ vieles verändert, so Zingler.

Besonders die Spieler sprechen darauf an. Vorgänger Neuhaus hatte es ja nicht so mit der Kommunikation, das sorgte oft für Unmut. Die neue Nähe fällt daher auf fruchtbaren Boden, sie motiviert, im umfassenderen Training Düwels, inklusive taktischen Sonderschichten, mitzuziehen. „Es wurde sehr intensiv trainiert in den letzten Wochen. Es kann nicht verkehrt gewesen sein, mehr zu arbeiten“, sagt der Präsident: „Ich spüre die neue Leistungsbereitschaft. Ich spüre die neue Mentalität beim Training.“ Union hat die Leidenschaft neu entdeckt.

Präsident Zingler hat Geduld

Die wollen die Köpenicker nun mit in die Saison nehmen. Und in den nächsten Wochen möglichst ihre Abläufe optimieren, die erste zarten Ansätze festigen und erweitern. „Darauf sind wir gespannt und hoffen, dass die Veränderungen mittelfristig zum Erfolg führen“, erzählt Zingler. Von der Bundesliga, die die Köpenicker irgendwann anstreben, ist erst einmal keine Rede mehr. Davon zu sprechen, wird wieder interessant, wenn sich beide Seiten besser kennengelernt haben. „Ich habe gewisse Vorstellungen. Die Spieler müssen sich auch an meine Philosophie und Art gewöhnen. Das wird eine Zeit lang dauern“, sagt Trainer Norbert Düwel. Kein Problem für den Präsidenten: „Ich habe Geduld.“