„Abseits“, das Magazin für die Braunschweiger Fanszene, stimmt auf seiner Homepage mit einer recht martialischen Darstellung auf das letzte Zweitligaspiel des Jahres ein. Zu sehen ist ein Löwe, Wappentier von Eintracht Braunschweig, der genüsslich die Gliedmaßen von Ritter Keule, seines Zeichens Maskottchen des 1. FC Union, verspeist. Ganz so barbarisch dürfte es am Montagabend auf dem Rasen des Stadions an der Hamburger Straße nicht zugehen, wenn der Tabellenzweite aus Braunschweig den Sechsten aus Berlin empfängt (20.15 Uhr, Sport1). Der Fußballfan darf sich dennoch auf ein rassiges Fußballspiel freuen.

Der Showdown in Braunschweig ist vor allem für Berlin von höchstem Interesse. Gelingt es den Braunschweigern, sich den Spitzenplatz wieder von Hertha BSC zurückzuholen? Oder verhilft Union dem Lokalrivalen zur inoffiziellen Wintermeisterschaft – und verkürzt mit einem Sieg seinerseits den Rückstand zum Relegationsplatz auf zwei Zähler? Fakt ist: Braunschweig ist für Union ein gutes Pflaster. Die letzten drei Auftritte dort hat Union gewonnen.

In der vergangenen Saison gab es ein 2:1, 2008/09 in Liga drei ein 2:0 und schließlich das fast schon legendäre 5:3 in der Regionalliga 2006/07, als Union zur Pause noch 0:2 zurücklag. „Wir wissen wirklich, wie man dort gewinnt“, sagte Uwe Neuhaus, bei allen drei Erfolgen Trainer der Unioner.

Union-Kapitän Mattuschka fällt wegen Gelbsperre aus

Eine vierte Heimniederlage gegen die Berliner will die Eintracht nun unter allen Umständen verhindern. „Wir wollen endlich einen Sieg einfahren. Ich erwarte ein sehr emotionales und intensives Spiel“, fasste Marc Arnold, Braunschweigs sportlicher Leiter, die Sehnsucht der Niedersachsen zusammen. Dem hielt Neuhaus entgegen: „Wir fahren nicht dorthin, um Punkte abzuschenken. Und nach dem 0:1 im Hinspiel haben wir noch eine Rechnung offen.“

Im Vorfeld der Partie wurden beide Seiten jedoch nicht müde, vor allem den Gegner auf den Favoritenschild zu heben. „Was Braunschweig in der Hinrunde gezeigt hat, ist eine absolute Sensation. Mit Kumbela und Kruppke haben sie zwei Spieler, die von Anfang an in der Saison getroffen haben“, sagte Neuhaus: „Wenn sie gut ins neue Jahr kommen, dann spielen sie in der nächsten Saison als Erstligist.“ Von solchen Lobhudeleien will man bei den Niedersachsen nichts wissen. Stattdessen kürte Eintracht-Coach Torsten Lieberknecht Union selbst zum Aufstiegskandidaten.

„Die Mannschaft hat ihren Rhythmus gefunden. Auch die Effektivität vor dem Tor hat zugenommen“, ergänzte Marc Arnold. Zugleich sieht er im Fehlen von Union-Kapitän Torsten Mattuschka (Gelbsperre) zwar „grundsätzlich eine Schwächung für Union. Aber es gibt ja auch Spieler, die in der Hinterhand sind und auf einen Einsatz brennen. Die sich erst recht ins Zeug legen wollen, um dem Trainer zu zeigen, dass es ungerechtfertigt war, sie draußen zu lassen.“

Silvio ist solch ein Kandidat. Der Brasilianer nennt als Mittel zum Erfolg in Braunschweig ein frühes Tor: „Da müssen wir eiskalt sein. Und wir müssen versuchen, die Braunschweiger hinten permanent zu beschäftigen.“ In jedem Fall ist Konzentration über die kompletten 90 Minuten gefordert, um der Eintracht zum Jahresabschluss die erste Heimniederlage beizubringen. „Einige Teams haben forsch begonnen und sind dann ausgekontert worden. Andere haben es mit massiver Defensive versucht, und wurden dann durch die Geduld der Braunschweiger doch geknackt“, erklärte Neuhaus die Schwierigkeit dieses Unternehmens.

Simon Terodde hat seine Torgefahr wiedergefunden

So setzt der Union-Trainer nicht zuletzt darauf, dass die Niedersachsen seit Wochen am oberen Limit agieren. „Ich glaube nicht, dass sie noch 30 Prozent zulegen können“, sagte Neuhaus, wohl wissend, „dass wir das auch nicht können“. Doch mit einer ähnlich starken Leistung wie im letzten Heimspiel des Jahres gegen Aufstiegskandidat 1. FC Kaiserslautern (2:0) kann auch die beste Defensive der Liga – Braunschweig kassierte bislang nur zwölf Gegentore – ausgehebelt werden.

Mittelfeldspieler Markus Karl ist optimistisch: „Wir waren mit Braunschweig immer auf Augenhöhe. Ich glaube, sie haben sich in diesem Jahr zu Saisonbeginn einfach etwas früher gefunden als wir.“ Rechtzeitig vor dem Showdown in Braunschweig hat Unions Angriff, allen voran Simon Terodde (sieben Saisontreffer), seine Torgefahr jedoch wieder gefunden.

Die letzte Heimniederlage der Braunschweiger datiert übrigens vom 4. November 2011. Gegner damals: der 1. FC Union. Es folgten elf Siege und sieben Unentschieden für die Eintracht. Sollten die Köpenicker Kicker diese Serie am Montagabend beenden – es wäre ein Zuckerl, das wohl allen Berliner Fußballfans sehr gut schmecken dürfte.