Wer sie noch nicht gesehen hat, der kann heute einen Blick darauf werfen. Erstmals läuft die Mannschaft des 1. FC Union am Abend mit den neuen Trikots auf. Insgesamt ist es schon die vierte Edition in dieser Saison. Das ist rekordverdächtig. Die jetzige mit dem Namen des neuen Hauptsponsors, der am Dienstag präsentiert worden ist, soll nun für die nächsten drei Jahre die letzte sein.
Die Trikotpremiere macht die Partie in gewisser Weise zu einer besonderen. Sportlich sieht es auf den ersten Blick weniger danach aus. Als ungeschlagener Tabellenführer der Zweiten Fußball-Bundesliga tritt Union am Freitag gegen den sieglosen Vorletzten Rot Weiss Ahlen an. Für die Berliner besitzt das Spiel dennoch einigen Wert. Sie müssen versuchen, wieder zu sich selbst zu finden.
Nicht etwa, dass Union sich mit riesigen Problemen plagen würde. Aber zuletzt funktionierte nicht mehr alles so reibungslos wie in den ersten vier Partien vor der Länderspielpause. Da hatte Union lediglich einen Gegentreffer hinnehmen müssen. Zuletzt gab es in zwei Matches insgesamt fünf Gegentore. "Was mich ärgert, ist das Abwehrverhalten", sagte Trainer Uwe Neuhaus nach dem 1:1 in Koblenz.
Wie in Koblenz arbeitete die Defensive auch beim 5:4 gegen Paderborn nur mangelhaft. Diesbezüglich hat die Pause den Berlinern nicht wirklich gut getan. Ordnung und Abstimmung waren nicht mehr so wie zuvor. Zweikämpfe wurden zu oft verloren, Räume nicht zugestellt, der Körper zu wenig eingesetzt, man war zögerlich.
Allein als Fehlverhalten der Verteidiger betrachtet der Trainer das nicht. "Es ist ein mannschaftliches Problem", sagt Neuhaus. Größerer Schaden ist dadurch noch nicht entstanden. Bei einem Team, dessen größter Trumpf in den vergangenen Monaten immer die Defensive war, wird die jüngste Entwicklung dennoch von der Konkurrenz interessiert zur Kenntnis genommen.
Während gegen Paderborn die euphorisierende Offensive Auslöser der dunklen Momente in der Defensive war, ließ sich Union gegen Koblenz von der Unerbittlichkeit des Überlebenskampfes in der Zweiten Liga überrumpeln. "Wir müssen uns darauf einstellen, dass es viele Spiele nach diesem Strickmuster gibt. Das ist ein Lernprozess", sagt Neuhaus. Die zweite Lektion steht gleich heute an. Ahlen hat zwar nach dem 2:3 nach Verlängerung gegen Greuther Fürth im Pokal nicht unbedingt Selbstvertrauen gewonnen. Sie werden sich trotzdem "zerreißen", um im ersten Ligaspiel unter dem neuen Trainer Andreas Zimmermann den ersten Saisonsieg verbuchen zu können.
Die Belastung des Pokals könnte den Berlinern helfen, das zu vermeiden. "Wir müssen das Tempo von Anfang an hoch halten und den Gegner zu viel Laufarbeit zwingen, dann könnten sich die 120 Pokalminuten in der letzten Viertelstunde zu unseren Gunsten bemerkbar machen", sagt Neuhaus. Er möchte, dass seine Spieler viele Wege gehen, "auch mal umsonst", und so verhindern, dass die Ahlener überhaupt ins Spiel kommen. Wenn die Mannschaft es schafft, ihre Ordnung zu halten und wieder über 90 Minuten an die Leistungsgrenze zu gehen, ließe sich wohl nicht nur das Spiel gegen Ahlen, sondern auch wieder Sicherheit in der Abwehr gewinnen. Mit Blick auf die nächste, wohl sehr schwere Partie in Duisburg ein wichtiger Faktor für die Köpenicker.
Erstes Ziel greifbar nah
Wichtig sind die beiden Spiele nicht nur wegen der kurzfristigen Auswirkungen auf die Tabelle. Natürlich möchte Union die Spitzenposition verteidigen. Langfristig haben die Berliner allerdings ein anderes Ziel im Auge. Sie sind schließlich ein Aufsteiger und kein Aufstiegskandidant. "Im Moment brauchen wir jeden Punkt, um die 40-Punkte-Grenze zu erreichen", sagt Innenverteidiger Christian Stuff. Allein auf die imaginäre Zahl, die den Klassenerhalt verheißt, sind sie fixiert in Köpenick. Der Blick auf das Tableau zeigt, dass Union die Hälfte der nötigen Punktzahl mit den nächsten beiden Partien erreichen kann. Und das schon am achten Spieltag. Das könnte bei Union durchaus für eine gewisse Erleichterung sorgen.
Angesichts des furiosen Starts der Berliner erscheint das Szenario nicht abwegig. Zumal die Mannschaft zuletzt auch Rückschläge gut verarbeiten konnte. Selbstvertrauen ist reichlich vorhanden. "Wenn wir nach vorn Fußball spielen, ist es schwer, gegen uns zu bestehen", sagt Torsten Mattuschka. Für den Mittelfeldspieler ist es heute übrigens keine Trikotpremiere. Gemeinsam mit Marco Gebhardt fungierte er bei der Präsentation des neuen Hauptsponsors als Model.
Ahlen unter neuem Trainer
Seit Sonntag ist Andreas Zimmermann Trainer bei Rot Weiss Ahlen. In der Saison 1995/96 absolvierte der Abwehrspezialist insgesamt 29 Partien in der Liga und eine im Paul-Rusch-Pokal für den 1. FC Union. Für Zimmermann also eine Rückkehr an alte Wirkungsstätten. Bisher war der neue Trainer für den Nachwuchs und die U23 bei Ahlen verantwortlich. "Zimmermann ist keine Interimslösung, er ist die Lösung", so Präsident Heinz-Jürgen Gosda zu der Entscheidung.
Beerbt hat Zimmermann, der seine Laufbahn bei Norden-Nordwest Berlin begann und 45 Partien für Hertha BSC in der Zweiten Liga absolvierte, Stefan Emmerling. Der wurde nach dem 1:4 gegen Fortuna Düsseldorf gemeinsam mit dem sportlichen Leiter Stefan Grädler entlassen. Unter Emmerling und Grädler hatte Ahlen nur einen Punkt geholt. "Die Mannschaft hat das Potenzial, die schlechten Leistungen sind in erster Linie eine Kopfsache", so Gosda.


