Es gab Tage während der Vorbereitung, da konnte man Santi Kolk ansehen, wie schwer ihm noch alles fällt. Wenn er mit hängendem Kopf vom Platz schlich, oder wenn ihm eine Aktion misslang – nur äußerst selten konnte sich der niederländische Zugang des 1. FC Union ein Lächeln abringen.
Jetzt, nicht einmal drei Wochen nach Trainingsauftakt, hat sich die Stimmung gewandelt. Kolk lacht viel, er scherzt mit den Kollegen, und wenn ihm mal der Ball verspringt, schmälert das seine Lust am Fußball nicht. Kolk, so scheint es, ist endlich angekommen bei den Eisernen, spätestens seit seinem Tor zum 3:3 gegen La Coruna. Mit der guten Laune ist bei dem 28-Jährigen wohl auch der Glaube daran eingekehrt, dass er sich im System von Trainer Uwe Neuhaus zu einem echten Führungsspieler entwickeln kann.
Am heutigen Sonnabend Test gegen FC Middlesbrough
Dafür allerdings muss er am heutigen Sonnabend im Test gegen den englischen Zweitligisten FC Middlesbrough (14.30, live bei Sport1) zeigen, wie er seine Rolle als Spielgestalter zu interpretieren gedenkt. Denn dabei, und das ist dem Trainer nicht entgangen, gab es zuletzt erhebliche Unterschiede. „Seine Leistungen sind schwankend“, sagt Uwe Neuhaus, der ihn zwar nicht auf die Funktion eines klassischen „Zehners“ beschränken möchte. Das Spiel gestalten soll Kolk natürlich trotzdem.
„Ich spiele überall da, wo die Mannschaft mich braucht“, sagt Kolk und betont, dass er sich nicht auf eine Position festlegen lässt. Genau das sah man auch in den ersten Testspielen.
In seiner ersten Partie für Union beim Köpenicker SC (4:1) spielte er so offensiv, dass man ihn für einen dritten Stürmer hätte halten können. Oft stand Kolk so nah am Tor wie kein anderer, und die Zuschauer bekamen einen Eindruck, wie er es in Arnheim in 87 Spielen auf 23 Tore gebracht hatte.
Ganz anders trat Kolk im Test gegen La Coruna auf. Konsequent hielt er sich hinter den Spitzen, nahm, wenn nötig, Tempo aus dem Spiel und versuchte, seine Vorderleute in Szene zu setzen – genau die Dinge also, die Trainer Neuhaus immer wieder von ihm einfordert. Kolk sprach viel auf dem Platz, dirigierte seine Kollegen hin und her, forderte die Bälle – und beschwerte sich auch mal lautstark, wenn jemand nicht abspielt, was ihm gegen die Spanier allerdings das ein oder andere Mal auch selbst passierte.
Bei Union gibt es offenbar ein Duo mit Zukunft
Im dritten Vorbereitungsspiel gegen den VfL WolfsburgII (2:2) schließlich versuchte er es wieder vor dem Tor. „Seine Bewegungen in die Tiefe sind gefährlich, leider haben seine Mitspieler das nicht gesehen gegen Wolfsburg“, sagt Neuhaus. Und gegen Middlesbrough? Der Trainer wird, wie schon gegen La Coruna, sowohl auf Kolk als auch den zweiten Offensivstrategen Torsten Mattuschka setzen – offenbar ein Duo mit Zukunft.
Kein Wunder, dass es dem Trainer da die Sorgenfalten ins Gesicht trieb, als Kolk gleich in der ersten Vorbereitungswoche zwei Tage nur eingeschränkt trainieren konnte. Eine Muskelverhärtung war die Konsequenz aus der Tatsache, dass er das frühe Konditionstrainingslager der Eisernen versäumt hatte – der Vertrag war noch nicht unterschrieben – und so praktisch von Null auf Hundert durchstarten musste. Neuhaus kümmerte sich in den ersten Tagen intensiv um seinen werdenden Star, der zugibt, ein solches Konditionstraining aus Holland, zuletzt spielte er für Vitesse Arnheim, nicht gewohnt zu sein. Neuhaus sagt: „Wenn er morgens Hanteln oder so sieht, gehen bei ihm die Schranken runter. Aber das muss er akzeptieren“.
Die Trainingseindrücke der vergangenen Tage legen den Schluss nahe, dass er das getan hat. Auch dem Trainer ist das nicht entgangen. Kolk habe angedeutet, wozu er in der Lage ist, betonte der stets zurückhaltende Neuhaus am Freitag. Sein Schützling sollte das als ein großes Lob auffassen.





