Um zu sehen, dass der 1. FC Union kein Fußballverein wie jeder andere ist, dazu braucht man heute Abend nur die Fans auf den Rängen der neuen Alten Försterei zu beobachten. Man wird in Gesichter blicken, die mit einem Leuchten in den Augen staunen werden, wie kleine Kinder zu Weihnachten.

Und man wird gestandene Männer weinen sehen, spätestens kurz vor 20.30 Uhr, wenn Nina Hagens Klubhymne "Eisern Union" das Einweihungsspiel gegen Bundesligist Hertha BSC ankündigt. Wer keines der 19 000 Tickets ergattern konnte, kann im RBB-Fernsehen live mitverfolgen, wie der Berliner Zweitligist sein Stadion, seinen Fußball-Tempel, eröffnen wird.

Werkeln bis zum Anpfiff

Praktisch bis zum Anpfiff durch den Berliner Schiedsrichter Manuel Gräfe wird gewerkelt am neuen Schmuckkästchen, verputzt, geschraubt und aufgeräumt. Erst gestern wurden gegen 14 Uhr die letzten Bahnen des Rollrasens verlegt für den Start in den wohl heißesten Sommer, den man bei Union jemals erlebt hat. "Es ist ein Hammer. Diesen Fans muss man ewig dankbar sein", sagte Unions Sportdirektor Christian Beeck. Um mit einem Augenzwinkern hinzuzufügen: "Wir arbeiten bis 20.29 Uhr, um 20.30 Uhr wird gespielt."

Um zu verstehen, warum Union kein Verein wie jeder andere ist, braucht man sich nur die vergangenen 401 Tage ins Gedächtnis zu rufen, in denen "wir etwas Einmaliges geschaffen haben", sagte Klubchef Dirk Zingler. Wir - damit meint er jene Menschen, die den Begriff Union-Familie vor- und ausleben. Seit dem ersten Bautag am 2. Juni 2008. Jeder war willkommen, jeder wurde gebraucht, ob als Maler oder Schweißer, ob zum Flexen oder Graben, ob zum Anpacken oder für die Verpflegung der Stadionbauer.

Am Ende ist die Familie, die aus dem maroden Köpenicker Stadion Berlins einziges, für den Profibereich brauchbares Fußballstadion errichtete, auf über 2000 Personen angewachsen. Rechtsanwälte, Ärzte und Kaufleute arbeiteten neben Arbeitern, Schülern und Arbeitslosen. Aus Berlin, aus Köln, aus Leipzig. Und aus Leidenschaft. Warum? Weil es ihr Verein ist, ihr Stadion, ihr Wohnzimmer, in dem in 215 000 Arbeitsstunden insgesamt 4000 Kubikmeter Beton gegossen und 700 Tonnen Stahl verbaut worden sind. Hinzu kommen 8000 Quadratmeter Dachfläche und 28 Kilometer Schläuche für die Rasenheizung.

Selbst an den Sonntagen wurde zuletzt gearbeitet, nahezu jede Sekunde sollte genutzt werden, um für den heutigen großen Tag fertig zu sein. "Man muss schon ganz schön verrückt sein, sich am Sonntag um 7 Uhr hier einzufinden", sagt Mirko Bellmann stellvertretend für alle Stadionbauer. Verrückt, ein Begriff, der in Zusammenhang mit dem 1. FC Union absolut positiv zu deuten ist. Man ist eben gern verrückt in Köpenick. Fragt man nach den Befindlichkeiten der Stadionbauer, so erhält man als Antwort: Stolz, dabei sein zu können.

Bluten für Union

Das war schon immer so. Bei der Aktion Bluten für Union, mit der der treue Anhang mittels Blutspenden die vom DFB geforderte Bürgschaft in Höhe von 1,46 Millionen Euro für die Regionalliga-Lizenz 2004/05 aufbrachte. Oder bei der Räumungsaktion am 5. Februar 2001, als Hunderte sich in der Alten Försterei einfanden, um den Platz von Schneemassen zu befreien, damit das DFB-Pokalhalbfinale gegen Borussia Mönchengladbach einen Tag später auch ja stattfinden kann. Die Mannschaft, gerade auf dem Weg zum ersten Aufstieg in die Zweite Liga, bedankte sich seinerzeit mit einem Elfmeterkrimi, an dessen Ende der Einzug ins Finale gegen Schalke 04 und damit sogar der Sprung in den Uefa-Pokal stand.

Am 23. Februar 1997 hatten sich gar 3000 Fans auf der Rettet-Union-Demo aufgemacht, um mit ihrem Marsch durchs Brandenburger Tor auf die bevorstehende Insolvenz ihres Klubs aufmerksam zu machen. Und rund 20 Jahre zuvor hatten schon einmal Hunderte von Union-Fans zur Schaufel gegriffen. Auch Spieler und Klubfunktionäre packten Ende der 70er Jahre mit an. Es galt, die Stehplatzränge rundherum mit Erde aufzuschütten und mit Betonreihen zu versehen. Jene Betonreihen, die vergangenen Sommer schließlich ausgedient hatten.

Denkmal für die Stadionbauer

Sogar ein Denkmal hat man den Stadionbauern von heute errichtet, hinter der Kurve auf der Wuhleseite, gekrönt von einem riesigen roten Bauhelm, bestehend aus alten Stahlträgern und neuen Tafeln, auf denen der Name eines jeden Helfers eingraviert wurde. Helfer, die unentgeltlich arbeiteten und teilweise sogar ihren Jahresurlaub für Union opferten - und dem Klub Arbeitskosten in Höhe von 2,5 Millionen Euro gespart haben. Insgesamt beträgt der Wert des Stadions nun sieben Millionen Euro. Nicht nur Union-Boss Dirk Zingler weiß: "Das Stadion ist für die Entwicklung des Vereins in den nächsten 20 bis 30 Jahren von fundamentaler Bedeutung. Die Dimension dessen, was wir hier geschaffen haben, können wir noch gar nicht ermessen."

Oder vielleicht doch? Es war die Mannschaft, die sich nach vollbrachtem Aufstieg am 16. Mai, vor dem letzten Auswärts-Heimspiel der Vorsaison im Jahn-Sportpark gegen Erfurt, mit einem Transparent bei ihren Fans bedankte. Bei den Männern und Frauen, die trotz Anpfiffs am Nachmittag noch eine Halbtagesschicht auf der Baustelle abgerissen hatten, wie vor jedem Heimspiel. Auf dem Transparent stand geschrieben: "Danke für alles! Wir sehen uns zu Hause..." Heute ist es soweit.