Die Fans des 1. FC Union haben seit jeher ein feines Gespür für die Situation. So war es auch gestern, als erstmals in dieser Saison ein „Nie mehr Dritte Liga“ durch den Jahn-Sportpark hallte. Wenige Minuten waren nach dem 1:0 (0:0) gegen Carl Zeiss Jena erst vergangen, die Niederlagen von Fortuna Düsseldorf (0:2 in Erfurt) und Kickers Emden (0:1 gegen die Stuttgarter Kickers) gerade verkündet, da war ihnen offenbar klar: Union ist auf dem Weg in die Zweite Liga nicht mehr aufzuhalten.
Der 17. Saisonsieg vor 8560 Zuschauern war einer mit Ansage. „Marco Gebhardt hat vor dem Spiel zu mir gesagt, dass es heute einen Elfmeter geben wird“, erzählte Torsten Mattuschka, „da habe ich ihm geantwortet: Dann mache ich ihn rein.“ Gesagt, getan: 78. Minute, ein strammer Schuss ins linke Eck – Union hat zwölf Punkte Vorsprung auf Relegationsplatz drei.
Den ersten Aufreger gab es gegen Jena schon nach wenigen Minuten. Obwohl auch dieses Ostderby von der Polizei als Spiel mit erhöhtem Sicherheitsrisiko eingestuft worden war, kletterten einige Unverbesserliche aus dem Block der rund 1000 mitgereisten Jena-Fans über den Zaun. Die Ordnungskräfte hatten einige Mühe, die Ausreißer wieder einzufangen, dennoch hatten sie die Situation nach wenigen Minuten unter Kontrolle. Klar, dass es für diese Unbeherrschtheit auf Seiten der Thüringer Pfiffe vom Union-Anhang gab. Erst als im Gästeblock ein Transparent mit der Aufschrift „Die Tradition hat gesiegt. Für immer Alte Försterei“ gezeigt wurde, gab es Applaus von den Berliner Anhängern.
Dogan und Biran vergeben aus drei Metern
Wie aufregend die ersten 45 Minuten zwischen dem Spitzenreiter und dem Abstiegskandidaten gewesen sind, war an der Reaktion von Trainer Uwe Neuhaus abzulesen. Sonst meist ruhig auf der Bank sitzend, die Arme vor der Brust verschränkt, stand Neuhaus gestern Nachmittag immer wieder auf, rief Anweisungen hinein, gestikulierte. Kaum zu glauben, aber das Spiel auf ein Tor, das Union ablieferte, wollte sich so gar nicht dem herrlichen Fußballwetter anpassen. Das Bemühen war den Hausherren nicht abzusprechen, es fehlte einzig an Präzision und Konzentration.
So war Bembens verunglückte Flanke ebenso sichere Beute von Carl-Zeiss-Torwart Carsten Nulle (16.) wie Karim Benyaminas Schuss aus zwölf Metern (22.) oder Shergo Birans Kopfball (34.). Es wird jedoch wohl für immer ein Rätsel bleiben, wie Hüzeyfe Dogan (40.) und erneut Biran (63.) den Ball aus drei Metern (!) nicht im Tor unterbringen konnten. Nein, es war gestern lange Zeit nicht der Tag der Unioner. Dabei präsentierten sich die Jenaer, deren Defensive von den eigenen Fans nach zuvor fünf Niederlagen in Serie und 1:15 Toren schon als Vierer-Fehlerkette verspottet wird, so hilflos wie noch keine andere Mannschaft im Jahn-Sportpark.
Dann ein Hoffnungsschimmer. Mit Dogan schaffte es doch einmal ein Unioner in den gegnerischen Strafraum – aber dann legte der Mittelfeldspieler den Ball quer auf den zu spät kommenden Biran, statt selbst den Abschluss zu suchen (77.). Selbst beim Spiel entscheidenden Strafstoß gab es zunächst Zweifel, ob der eingewechselte Kenan Sahin von Rene Eckardt auch im Strafraum gefoult worden war. Der Stürmer selbst gab Aufschluss: „Die Linie gehört mit zum Spiel – ein klarer Elfmeter.“ Der Rest war eine vorgezogene Aufstiegsfeier.


