Wohl nirgendwo sonst in Deutschland wird das Bild eines Fußball-Vereins dermaßen von seinen Fans geprägt wie beim 1. FC Union. Spendenaktionen, Stadionsanierung, bedingungslose Unterstützung der Mannschaft – alles Aktivitäten, die den Anhang über die Stadtgrenzen Berlins hinaus bekannt gemacht haben. Durch die Mitgliederversammlung, laut Satzung das höchste Gremium des Vereins, eine eigene Fan- und Mitgliederabteilung sowie einen Sitz im Aufsichtsrat (Joachim Müller) sind die Fans fest verankert im Köpenicker Klub. Es kommt nicht von ungefähr, wenn Klubchef Dirk Zingler sagt: „Fans führen den Verein.“ Er selbst zählt zu den größten Anhängern des Fußball-Zweitligisten.
Jetzt nimmt Union seine Anhänger jedoch in die Pflicht. „Entweder die Gruppe sorgt selbst für Ordnung, oder der Verein tut es. Wenn die ganze Gruppe dem Verein schadet, werden wir die Gruppe bekämpfen“, stellte Zingler unmissverständlich klar. Das Signal zur Selbstreinigung kommt keine Sekunde zu früh. Die Prügeleien mit Fans des BFC Dynamo vor dem Sportforum Hohenschönhausen und der „peinliche und dämliche“ Auftritt, so Zingler, während des Bundesligaspiels von Hertha BSC gegen Bochum waren letzte Belege dafür, dass Union zwar noch kein Fan-Problem, jedoch ein Problem mit einem Teil seiner Fans hat.
Jene negative öffentliche Wahrnehmung des Klubs im Bundesgebiet, die Auswärtsfahrten der Köpenicker immer noch oft mit einem Aufmarsch von gewaltbereiten Chaoten aus der Hauptstadt gleichsetzt, hat in den vergangenen zwei Monaten kräftig Nahrung erhalten. „Wer als Unioner öffentlich in Erscheinung tritt, sollte wissen, dass er mit seinem Verhalten die Wahrnehmung des Vereins beeinflusst“, nimmt Zingler die Fans, ja die stets beschworene große Union-Familie in die Verantwortung. Aktionen, die nicht mit den Werten des Klubs vereinbar sind, solle man entgegentreten. Und zwar energisch.
Die Ausschreitungen in Bielefeld oder die Prügelei in Porta Westfalica als Verfehlungen Einzelner abzutun, wäre blauäugig und fahrlässig zugleich. Negativbeispiele wie Dynamo Dresden oder auch Hansa Rostock zeigen, was passieren kann, wenn man sich der Situation zu spät stellt und ihr entgegenwirkt. Aber: „Wir können als Verein das Verhalten des Einzelnen in seiner Freizeit nicht kontrollieren oder beeinflussen. Die Verantwortung dafür liegt bei der betreffenden Person selbst, nicht beim Verein“, sagt Union-Präsident Zingler.
Union ist angesagt, der Klub zählt mehr als 6100 Mitglieder. Vor allem im Segment der unter 30-Jährigen, das momentan einen Anteil von rund 30 Prozent ausmacht, ist die Tendenz steigend. Und damit auch die Gefahr, sich schwarze Schafe ins Boot zu holen. Zingler: „Auch der Fan oder Sympathisant des 1. FC Union ist ein Teil der Gesellschaft, mit allen Problemen und Verwerfungen.“ Dass an den Aktionen zuletzt meist jüngere Unioner beteiligt gewesen sind, dürfte kein Zufall sein. Die Problematik liegt auf der Hand: Wie soll es dem Verein gelingen, einem potenziellen Randalierer seine Grenzen zu zeigen, wenn schon die eigene Familie bei ihm kein Gehör findet?
Erstmals macht sich ein Schamgefühl im harten Kern der Union-Anhängerschaft breit. Bleibt zu hoffen, dass sich dieses am 24. Februar ab 18.30 Uhr nicht noch vergrößert. An diesem Termin hat die Deutsche Fußball-Liga das ausgefallene Spiel der Unioner bei Hansa Rostock neu angesetzt. Ein Risikospiel.



