Olympische Spiele

Bürgerentscheid über Olympia-Bewerbung erst 2016 nötig

Der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Alfons Hörmann, hat Berlin und Hamburg aufgefordert, noch mehr um die Zustimmung ihrer Bürger für eine Olympia-Bewerbung zu kämpfen.

Foto: Matthias Balk / dpa

Das erste Jahr als Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) hielt für Alfons Hörmann, 54, viele Herausforderungen parat. Die größte wartet aber im März auf den Unternehmer aus dem Allgäu: Wenn er mit der Stadtauswahl der Olympiabewerbung für 2024 die entscheidende Richtung gibt.

Berliner Morgenpost: Herr Hörmann, gerade wurden die Sportler des Jahres gekürt. Wer hätte denn Ihre Stimme bekommen?

Alfons Hörmann: Diese Wahl überlasse ich den Sportjournalisten gern, weil man da als Präsident besser neutral bleibt. Wir haben schließlich viele großartige Athleten in unseren Reihen, auf die wir allesamt stolz sind.

Bei den Winterspielen in Sotschi gewann der Gastgeber die Nationenwertung. Nun aber überschatten gerade Berichte über systematischen Dopingbetrug in Russland dieses Ergebnis. Sogar die Glaubwürdigkeit des Sports insgesamt scheint gefährdet, oder wie nehmen Sie das wahr?

Sollten diese Anschuldigen zutreffen, dann wäre es schlichtweg schockierend und inakzeptabel. Und natürlich freuen wir uns nicht, wenn in einem anderen Land jemand erwischt wird. Denn so ein Fall wirft immer auch grundsätzliche Fragezeichen auf, die viele Bürger dann auf den deutschen Sport übertragen – nach meinem Eindruck zu Unrecht.

Was können Sie zur Aufarbeitung dieses Falls beitragen?

Wir in Deutschland können bei uns dranbleiben und den Kampf gegen Doping weiter konsequent und vorbildlich umsetzen und dann – was viel schwieriger ist – auf internationaler Ebene versuchen, Einfluss zu nehmen, damit die Dinge weltweit nach ähnlichen hohen Standards angegangen werden. Bei der Aufarbeitung durch die zuständigen Gremien muss im Fall Russland natürlich auch das Prinzip Null-Toleranz gelten, weil unter solchen Nachrichten der gesamte Sport in der Welt leidet.

Die Enthüllungen über Russlands Dopingpraxis lieferte eine ARD-Dokumentation. Hat Sie eigentlich schon jemand aus den internationalen Verbänden um Hilfe gebeten, um an das entsprechende Beweismaterial aus Deutschland zu kommen?

Nein, bislang nicht, aber diese Frage müsste ja an die ARD gestellt werden.

Die Weltantidopingagentur Wada, der Leichtathletik-Weltverband IAAF und auch das IOC versprachen Aufklärung, nur ist das Vertrauen in hauseigene Ethikkommissionen bei einigen Beobachtern begrenzt. Was glauben Sie: Ist der Sport zur Selbstreinigung überhaupt noch in der Lage?

Der Sport ist schneller und konsequenter als jede staatliche Institution, wenn die Verantwortlichen der Verbände sauber arbeiten. Nehmen wir unser – wenn auch sehr ärgerliches – Beispiel Evi Sachenbacher-Stehle. In Sotschi kam am Abend die Nachricht von ihrem positiven Test, kurze Zeit später saßen wir mit ihr am Tisch, eine Stunde danach hat sie das Olympische Dorf und am Tag nach der IOC-Anhörung Sotschi verlassen. Noch während sie im Flugzeug saß, wurden in Deutschland und Österreich ihre Wohnungen und der Bundesstützpunkt in Ruhpolding durch die Behörden durchsucht. Nach Rückkehr wurde Michael Vesper als Chef de Mission von der Staatsanwaltschaft befragt, die Nahrungsergänzungsmittel den Behörden übergeben. Noch klarer kann man das nicht umsetzen. Es liegt an den Menschen, wie konsequent sie handeln. Und wenn es nicht so konsequent läuft, müssen Wada und IOC dafür sorgen, dass da etwas passiert.

Also zweifeln Sie nicht, dass im Fall Russland 2015 die Aufklärung erfolgt?

Der öffentliche und mediale Druck wird dafür sorgen, dass die Zuständigen ihrer Verantwortung gerecht werden, anders als mit größtmöglicher Konsequenz kann man Verbände nicht führen.

Seine Führungsrolle hat das IOC gerade mit einer 40-pünktigen Reformagenda neu definiert. Wie schätzen Sie diese ein?

Viele dieser Entscheidungen haben weitreichendere Folgen, als mancher im ersten Moment wahrnimmt. Nehmen wir die neue Definition des Programms, da werden sich einige Sportverbande auf Veränderungen einstellen müssen.

Einige Experten rechnen deswegen mit einem Verteilungskampf unter den Sportarten. Der langjährige Funktionär Helmut Digel sieht für die Leichtathletik sogar den Status als Kernsportart in Gefahr.

Für bestimmte Disziplinen der Leichtathletik wird es womöglich eng, ja. Bei der Frage, wo knapst man am ehesten etwas weg, landet man schnell bei den Verbänden mit vielen Entscheidungen wie Leichtathletik, Schwimmen, Radsport, Turnen oder Kanu. Die wachen Beobachter im Sport haben deswegen mit der Diskussion längst begonnen.

Es gab aber noch wichtigere Punkte, oder?

Die Vereinfachung des Bewerbungsverfahrens um die Austragung der Spiele ist ein großer Schritt, ebenso die Offenlegung der Verträge mit den Ausrichterstädten. Da stelle ich mir die Frage, wo bleibt in anderen Bereichen diese Transparenz, die man vielleicht ja auch zu Recht vom Sport fordert. Welches börsennotierte Unternehmen veröffentlicht die großen Abnehmerverträge mit seinen Kunden? Ich will nicht kritisieren, wie weit das alles geht, sondern in Relation zu anderen Bereichen des Lebens wie Wirtschaft, Kultur oder Kirche deutlich machen, dass diese Transparenz des IOC durchaus beispielhaft für andere Organisationen sein kann.

Gibt die IOC-Agenda der beschlossenen Olympiabewerbung mit Berlin oder Hamburg den vom DOSB erhofften Schwung?

Wir konnten ja schon vorab erkennen, dass der Prozess in die richtige Richtung geht, was dazu führte, dass wir bereits zwei Tage vor Monaco den Mut hatten, die grundsätzliche Entscheidung für die Bewerbung zu treffen. Das hat uns international viel Wohlwollen eingebracht, das war in Monte Carlo zu spüren.

Aber viele Punkte sind doch vage und müssen erst mit Leben gefüllt werden, um sie wirklich bewerten zu können!

Die Agenda steht und fällt mit ihrer Umsetzung, das ist wie bei anderen Konzepten auch. Die Unterstellung der Skeptiker, das sei alles nur ein Feigenblatt, kann nur widerlegt werden, indem man jeden einzelnen Punkt mit Leben füllt.

Der DOSB will dies tun, indem er sich bewirbt und demnächst zwischen Berlin oder Hamburg als Bewerber entscheidet. Welche Stadt profitiert mehr von der Agenda?

Da wurde ja kein Kaninchen aus dem Hut gezaubert, wir haben schon in den letzten Monaten Erkenntnisse aus den jeweiligen IOC-Arbeitsgruppen in die Konzepte beider Städte einfließen lassen. Mit der im März ausgewählten Stadt werden wir aber natürlich beraten, welche Vorstellungen mit der Agenda noch einmal optimiert werden können.

Berlin setzt sehr auf vorhandene Sportstätten, Hamburg auf mehr Neubauten. Der DOSB muss entscheiden, welches Angebot besser zur neuen IOC-Agenda passt.

Ja, aber das werden wir erst im März tun. Bis dahin gibt es noch viel voranzutreiben. Übrigens baut auch Hamburg zum großen Teil auf Vorhandenes.

Nun wird Ihnen in einigen Medien längst ein Hang zu Hamburg unterstellt!

Fakt ist: Ich persönlich habe nicht den einen Favoriten. Für mich ist der entscheidende Punkt: In welcher Stadt entwickelt sich die Stimmung in den nächsten Monaten wohin? Wir brauchen die Begeisterung der Bevölkerung, sonst scheitert das Projekt, bevor wir an den Start gehen. Ich bin überzeugt, und das unterscheidet mich von manchem Hamburger und manchem Berliner insbesondere, dass wir mit beiden Städten international Erfolg haben können. Und ich bin willens und in der Lage, mich mit glühendstem Eifer für die eine oder andere Stadt einzusetzen. Wir brauchen den richtigen Kandidaten, deswegen nehmen wir uns die nötige Zeit. Und befragen noch einmal im Detail die Bürger.

Selbst mancher Sportfunktionär hält ein deutsches Städteduell, das schon bei früheren, gescheiterten Bewerbungen Verlierer hinterließ, für irrational.

Wenn einer schon den deutschen Wettbewerb nicht aushält, steht er international schnell vor unlösbaren Aufgaben. Und für beide Städte steht die Diskussion über die Stadtentwicklung, über Infrastruktur und die weltweite Positionierung doch ohnehin auf der Tagesordnung. Gedanken über Olympia können dabei nur helfen, selbst wenn die Spiele am Ende nicht kommen sollten. Zeit und Geld sind hier mehr als gut investiert.

Ein Problem ist der Zeitdruck....

...im Gegenteil. Viel Zeit bringt nur viel Unsicherheit.

Aber auch Wissen. Mit mehr Zeit könnte man viel konkretere Pläne und Kostenrechnungen für die letztlich alles entscheidende Bürgerbefragung vorlegen, was die Wahrscheinlichkeit der Zustimmung erhöht.

Es gibt keinen Zeitdruck, der wird immer nur von außen herbeigeredet. Für die Bürgerbefragung in der Bewerberstadt haben wir alle Zeit der Welt, es gibt da keine Vorgabe über einen Zeitpunkt. Man kann 2015 alle Facetten so herausarbeiten, dass man den Bürgern lückenlos aufzeigen kann, worum es geht. Und wenn die von uns ausgewählte Stadt sagt, sie möchte den Bürgerentscheid erst 2016 machen, dann wird es an uns nicht scheitern, das wäre vollkommen okay, zumal ja in beiden Städten ohnehin erst die rechtlichen Voraussetzungen dafür geschaffen werden müssen.

Dennoch lässt der DOSB bereits im Februar eine repräsentative Umfrage über die Grundsatzstimmung Olympia in Berlin und Hamburg durchführen, obwohl wenig konkrete Pläne bekannt sind, und messen dieser hohe Bedeutung bei ihrer Städteauswahl bei. Das ist schon ein Widerspruch.

Das müssen wir aber jetzt so in Kauf nehmen, irgendwann musst du dich halt mal entscheiden, und beide Städte haben klar gesagt: Der DOSB soll sich festlegen, bevor wir in die detaillierte Ausarbeitung eines Konzeptes gehen.

Der Umfrage zum jetzigen Stand eine solch große Bedeutung beizumessen, sei geradezu lächerlich, meinte zuletzt Klaus Böger, der Präsident des Landessportbundes Berlin.

In Berlin wird vieles infrage gestellt. Ich würde jedem raten, die Energie solcher Diskussionen lieber in die Überzeugung der Bürger zu investieren.

Aus Sicht des Sports könnte man argumentieren, dass er bei einer Wahl Hamburgs ja am meisten gewinnen kann, nämlich ein drittes großes olympisches Sportzentrum neben Berlin und München.

Sicher wären die neue Sportstätten in Hamburg nicht nur ein Gewinn für die Großregion, sondern auch für den nationalen Sport. Die Stärkung der vorhandenen Sportstruktur Berlins wäre aber eben auch schön, es würde sich über Olympia hinaus noch mehr im deutschen Sport in Berlin abspielen. Was da die bessere Strategie ist, lässt sich trefflich diskutieren.

Neben Rom bewirbt sich die USA mit einer ihrer Metropolen, auch Paris, Istanbul und Doha planen Bewerbungen. Wie groß ist Ihre Angst, dass sich bei der IOC-Städtewahl trotz Reformagenda das alte Muster durchsetzt und die Chance auf billigere, nachhaltigere Spiele nicht genutzt wird?

Vor und nach der Agenda gab und gibt es keine Bewerbungen für Sommerspiele, bei der man der einzige gute Bewerber ist. Da muss man mit härtestem Wettbewerb rechnen, das haben Deutschland und andere Länder ja längst lernen dürfen. Wir sollten nicht zu viel nach rechts und links schauen, sondern uns auf unsere eigene Strategie konzentrieren.

Der deutsche IOC-Präsident Thomas Bach hat viele Stimmen bei seiner Wahl und für seine Reform bekommen. Ist es nicht eher ein Nachteil, nun als deutscher Bewerber anzutreten, denn das könnte einigen im IOC langsam zu viel werden?

Das sind alles nur Spekulationen, die nichts bringen. Wir sollten uns lieber auf unser Konzept konzentrieren, um mit Qualität zu überzeugen. Und dann wird die Stunde der Wahrheit kommen.

Für Olympia ist auch die Unterstützung der Bundesregierung wichtig. Spüren Sie dort den Stellenwert des Sports richtig bemessen?

Minister de Maiziere hat uns das unlängst bestätigt. 28 Millionen Mitgliedschaften sind schon ein Pfund, mit dem wir wuchern können. 22 Milliarden Euro volkswirtschaftlicher Nutzen stehen nur zehn Milliarden Ausgaben gegenüber. Das sind bei aller Demut viele Argumente, die für uns sprechen.

Die ehemalige Leichtathletin und heutige Politikerin Sylvia Schenk meint, wenn sich Bürger stets gegen Spielaustragungen aussprechen, stimmten sie letztlich auch gegen die Entsendung von deutschen Athleten zu Spielen in anderen Ländern.

Das geht mir eindeutig zu weit. Aber dass die Zukunft des Sports in diesem Land mit Olympia besser zu gestalten wäre als ohne, ist unbestritten. Denken wir nur an die Auswirkungen von 1972. Rund um München entstanden damals Sporthilfe, Olympiastützpunkte und Glücksspirale - das alles sind Strukturen, von denen der deutsche Sport bis heute profitiert.