Gelästert wird ausgiebig über die Zustände in Sotschi. Vieles, was für die Spiele errichtet wurde, ist nur halb fertig. Manches nicht mal das. Bei all dem Twittern der Pannen geht leicht unter, dass einige Dinge durchaus gelungen sind. Mit einer derartigen Bibliothek im olympischen Dorf hätte etwa Jenny Wolf nicht gerechnet. Klein, jedoch gut sortiert, so das Urteil der fachkundigen Eisschnellläuferin.

Klassiker in russischer und englischer Sprache finden sich, aber auch Franz Kafka zum Beispiel oder Stefan Zweig. Seichtere Gemüter werden mit J.K. Rowling gut bedient, Stephen King ist ebenso vertreten. Dass sich die Bibliothek genau wie Kraftraum und Mensa unter einem Zelt befindet und die Sportler ständig Zugluft umgibt, na gut. Das geht auch besser.

An abwechslungsreichem Lesestoff wird es der Berlinerin, die Literatur studiert hat, also nicht fehlen am Schwarzen Meer. Dort hatte sie sich in vergangenen Tagen etwas rar gemacht, was auf eine mental sehr intensive Vorbereitung ihres Wettkampfes schließen lässt. Einen Tag vor ihren beiden Läufen über 500 Meter zeigte sie sich allerdings ziemlich locker. Allerdings genauso kampfeslustig. „Ich will gewinnen. Wie immer“, sagte die Berlinerin. Wobei es schon eine ordentliche Überraschung wäre, könnte die 35-Jährige in ihren letzten Rennen auf der ganz großen Bühne noch einmal triumphieren.

Sie weiß das. Doch vorher will sich Wolf natürlich auch nicht geschlagen geben. „Ich schaue immer nach vorn. Aber diesmal wäre es wirklich eine Sensation“, sagt die Sprinterin. Anderseits treibt sie die Aussicht an, ihre Karriere, deren Ende nach der Saison besiegelt ist, mit etwas ganz Speziellem vollenden zu können. Ihr fehlt nicht viel, sie gehört zu den größten Sprinterinnen aller Zeiten. Doch in ein oder zwei entscheidenden Momenten stahlen ihr andere die Show. Mit Gold in Sotschi könnte sie das korrigieren.

61 Siege im Weltcup

Unter den schnellen Frauen ist die Wolf die Dauerläuferin. Vor Olympia verzichtete sie erstmals auf einen Wettkampf, davor ließ sie fast 15 Jahre lang kein Rennen aus. „Das ist ein bisschen das Geheimnis meine Erfolges. Ich laufe einfach, lerne daraus und werde besser“, sagt sie. Keine aktuelle Starterin gewann so viele Weltcuprennen, 61 Mal stand sie ganz oben auf dem Podest. Wolf verkörpert konstante Qualität.

Das hat ihr selbst immer sehr gefallen. Es gab Jahre, da stand Wolf am Start und wusste, dass sie im Ziel die Beste sein würde. Wenn ihr der Abstand zur Konkurrenz dabei zu gering war, haderte sie schon mal damit, die Gegnerinnen nicht genügend zu dominieren. Fünf WM-Titel erlief sie, viermal wurde sie dabei hintereinander über 500 Meter Weltmeisterin.

Bis heute ist das einmalig. „Da bin ich sehr stolz drauf. Ich fand es früher schon beeindruckend, wenn jemand drei Jahre hintereinander gewonnen hat“, so die Berlinerin. Wolf sammelte in dieser Zeit Bahnrekorde. „Das war damals total cool. Ich bin immer unter 38 Sekunden gelaufen, das war Wahnsinn“, sagt sie. Ihr Mann schrieb Zeiten und Namen der Bahnen daheim an den Schrank, der steht heute noch in der Wohnung. Wolf schaut ihn auch gern noch an. Doch mit Rekorden hat sie nicht mehr viel am Hut.

Nur Silber in Vancouver

Eigentlich hatten sie viele auf der Rechnung, als es darum ging, als erste Frau auf der Welt unter 37 Sekunden zu bleiben. Wolf machte sich lange an dieser Marke zu schaffen, die Chance, sie zu knacken, ergab sich auch. „Aber ich habe sie nicht genutzt“, erzählt die Berlinerin, die genau bei 37,00 Sekunden landete. Stattdessen unterbot die Chinesin Jing Yu 2012 erstmals die magische Grenze und kam in 36,94 Sekunden ins Ziel.

Groß verarbeiten musste Wolf das nicht. „Da spricht später sowieso keiner mehr drüber“, sagt sie. Es hatte sich außerdem angedeutet. Bei den Spielen zwei Jahre zuvor erlebte sie schon einmal, wie es ist, wenn sich die Dinge in eine andere Richtung entwickeln als erwartet. In Vancouver trat die Berlinerin als große Favoritin an, sie war die dominierende Athletin der Vorjahre. Doch olympisches Gold holte sich die Südkoreanerin Sang-Hwa Lee.

Um über Platz zwei hinweg zu kommen, brauchte Wolf gut zwei Jahre. Es war ein schwieriger Prozess, an dessen Ende der Entschluss zur vorher nicht beabsichtigten Teilnahme in Sotschi stand. Hier trifft Wolf nun wieder auf Lee. Ein bisschen erinnert die Situation an Vancouver, lediglich unter umgekehrten Vorzeichen. Lee ist seit Jahren unangefochten, zu Saisonbeginn stellte sie in Salt Lake City in 36,36 Sekunden einen schier unfassbaren Weltrekord auf. „Ganz so wie bei mir damals ist es jetzt nicht, ich habe nicht so dominiert wie sie“, erzählt Wolf. Soll heißen: Sie sieht sich nicht in genau der selben Position, in der sich Lee vor vier Jahren befand.

Entspannter als früher

Auch die alte Rivalin Beixing Wang aus China glänzte in der Olympia-Vorbereitung mit Fabelzeiten, von denen Wolf zuletzt nur träumen konnte. Dennoch gibt es etwas, dass die Berlinerin, die vor gut einem Jahr zuletzt ein Weltcuprennen gewann, aussichtsreich in die Rennen gehen lässt: Sie kann ohne den ganz großen Druck laufen. „Das fühlt sich jetzt entspannter an, ich bin nicht die Favoritin und eigentlich froh, dass ich es noch einmal so weit geschafft habe“, sagt Wolf.

Auftrieb gibt der Athletin, die neben dem Literaturstudium auch noch einen Abschluss in Wirtschaftsingenieurwesen gemacht hat, ebenso, dass sie in dieser Saison wieder sehr konstant unterwegs war. Vier Mal belegte sie zweite Plätze. Die Vorbereitung stimmte, die Qualität ihrer Trainingseinheiten sei nie besser gewesen als im vergangenen Jahr. Jenny Wolf hat also Grund genug, kämpferisch in ihren letzten großen Wettkampf zu gehen.