London 2012

Ariane Friedrich springt haarscharf am Finale vorbei

Die deutsche Hochspringerin scheitert knapp in der Qualifikation. Ihre Kritikerin Nasse-Meyfarth nennt Friedrich einen Netzbeschmutzer.

Foto: Getty

Wenn Kummer ein Gesicht hätte, er würde wohl aussehen wie Ariane Friedrich an diesem sonnigen Donnerstagmorgen im Londoner Olympiastadion. Die Augen gerötet, verirrte sich ihr leerer Blick im Irgendwo. Es war kein schlechter Wettkampf gewesen, diese Qualifikation für das Hochsprungfinale, keineswegs. Aber gereicht hat es eben auch nicht. „Was soll ich sagen?“, sprach also Ariane Friedrich. „Ich bin Saisonbestleistung gesprungen und trotzdem nicht glücklich.“ Eben weil die Geschichte dieses Morgens eine so vertrackte war. Von ihrer eigenen Vorgeschichte ganz zu schweigen.

13 Frauen hatten wie die Deutsche am vermeintlichen Ende des Wettkampfs 1,93 Meter geschafft, nur eine 1,96 Meter. Auch wenn ursprünglich nur zwölf Finalistinnen gesucht worden waren: Die Sache schien für Friedrich geritzt, die Kampfrichter an den Matten signalisierten Einverständnis. Es wäre ja nicht das erste Mal gewesen, dass ein Endkampf mit mehr als zwölf Athletinnen stattgefunden hätte. Doch dann gab es offenbar eine Direktive von höherer Stelle.

„Das war blöd. Ich hab schon gedacht, ich bin im Finale. Wir haben ja alle gedacht, dass wir mit 14 im Finale sind“, sagte Friedrich. „Dann hieß es aber: Alle, die die 1,93 Meter erst im dritten Versuch geschafft haben, müssen noch mal die 1,96 Meter probieren.“ Sie gehörte dazu – und scheiterte knapp. „Der letzte Sprung war drüber, aber ich war ein bisschen zu nah dran und bin mit der Hacke drangekommen.“ Die Latte fiel und mit ihr auch Ariane Friedrichs mühsam erarbeitetes Selbstvertrauen in sich zusammen wie ein Kartenhaus.

Comeback nach Verletzung

Der 28-Jährigen muss schwanen: Jetzt gehen mancherorts die Diskussionen wieder los über ihre Leistungsfähigkeit nach dem Achillessehnenriss Ende 2010 und ihre Nominierung für London ohne A-Norm. Sie sagte: „Man hat ja gesehen, dass ich 1,96 Meter springen kann. Warum soll das also nicht das Richtige sein? Ich sage ja nicht nur, ich bin in guter Form, nein: Ich bin in guter Form. Das Traurige ist, dass ich das heute nicht so zeigen konnte. Alle haben gesehen, dass ich drüber war.“ Es klang fast flehentlich. Was hatte sie nicht gerackert. Zunächst für ihr Comeback nach der wohl übelsten Verletzung, die einer Hochspringerin widerfahren kann. Dann dafür, wieder annähernd auf alte Flughöhen Richtung zwei Meter zu kommen. Und zum Schluss dafür, aller Welt zu beweisen, dass sie das Vertrauen in ihre nicht unumstrittene Olympianominierung rechtfertigen könnte.

„Ich denke, wer bei Olympischen Spielen die beste Leistung des Jahres erzielt, war zu Recht am Start“, sagte ihr Trainer und Mentor Günter Eisinger. „So knapp am Finale vorbeizuschrammen, das ist aller Ehren wert. Wer sich mit der Problematik im Vorfeld auseinander gesetzt hat, der weiß das einzuschätzen.“ Man kann den letzten Satz durchaus als einen versteckten Seitenhieb verstehen.

Zu Friedrichs prominentester Kritikerin hatte sich vor den Spielen Ulrike Nasse-Meyfarth (56) aufgeschwungen („Ich habe kein Verständnis“). Die Doppel-Olympiasiegerin fand: „Nach ihrem dritten Platz bei der EM in Barcelona im Sommer 2010 hat Ariane Friedrich bis heute keine Leistung gebracht.“ Dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), der die Nominierung durchwinkte, dem Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) und Friedrich selbst könne man „nur wünschen, dass weniger schrill colorierte Haare als vielmehr Leistungen die Olympia-Wildcard rechtfertigen und Farbe in den Hochsprung der Frauen bringen“.

Nicht einziger Härtefall

Donnerstagmorgen, kurz nach ihrem Ausscheiden in der Qualifikation, schaute Ariane Friedrich darob noch eine Spur trauriger. „Es ist traurig, wenn man so einen Nestbeschmutzer hat. Ich habe bislang nie Probleme mit ihr gehabt. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Ich habe in meinen Augen für den deutschen Hochsprung auch schon viel geleistet. Ich möchte mich aber nicht auf das Niveau herablassen, zurückzuschießen. Das ist es nicht wert.“

Friedrich ist nicht die einzige Nominierte im DLV, die über eine sogenannte Härtefallregelung in den Kader der Nationalmannschaft gerutscht war. Auch der Kugelstoßer Ralf Bartels (34) und der Speerwurf-Weltmeister Matthias de Zordo (24) hatten nach viel Verletzungspech davon trotz fehlender A-Normen profitiert. Beide schieden jedoch wie die Hochspringerin im Vorkampf aus. Bartels fehlten 25 Zentimeter zum Finale, de Zordo gefühlt „mehrere Meter“ – er hatte darum sämtliche Versuche durch bewusstes Übertreten der Linie ungültig gemacht. „Ich wollte einfach nicht sehen, dass ich mit 77 oder 75 Meter auf der Liste stehe“, begründete der Speerwerfer. Eines enttäuschte ihn neben seinen chronischen Ellenbogenschmerzen zusätzlich: „Dass ich das Vertrauen des DOSB nicht noch einmal bestätigen konnte. Der DOSB ist für mich durch meine Nominierung in Vorlage getreten. Es ist schon ein bisschen bitter, dass ich nichts zurückzahlen konnte.“

Vom DLV erhielten Friedrich, Bartels und de Zordo am Donnerstag dennoch Rückendeckung. Der Verband findet, die Einzelfallanträge zu Recht gestellt zu haben. Sportdirektor Thomas Kurschilgen sagte: „Wenn ich mir den Wettkampf etwa von Ariane Friedrich anschaue, bin ich überzeugt, dass ihr Weg mittelfristig wieder dort hinführen wird, wo sie gewesen ist: in die absoluten Weltspitze.“

Ob die Frankfurter Polizistin sich allerdings gleich in den nächsten Wochen zu maximaler Aufholarbeit aufraffen kann, war ihr am Tag der Enttäuschung selber noch unklar. „Ich hab's bis jetzt noch vor. Aber ich muss das heute erst mal sacken lassen“, sagte Friedrich.