Tischtennis

Mit Bronze wird Timo Boll zum Feierbiest

Sein Comeback kam zum richtigen Zeitpunkt: Nach der verpatzten Einzelkonkurrenz freut sich Timo Boll über die Teammedaille.

Foto: Getty

Am Ende regelte es der Meister dann doch wieder selbst. Ein schwieriges Olympiaturnier lag hinter Timo Boll – „viele Gefühlswelten“, wie er selbst sagte, „die viel Kraft gekostet haben“. Der fünfmalige Tischtennis-Europameister hatte ernsthaft an sich gezweifelt nach der traumatischen Einzelniederlage im Achtelfinale gegen den Rumänen Adrian Crisan und weiteren Schwächen im Team-Achtelfinale gegen Schweden. Im Stile eines Champions musste er sich aus dem Sumpf ziehen, und es gelang ihm, noch gerade rechtzeitig für seine Mannschaft. Die führte er durch zwei Einzelsiege zu einem 3:1 gegen Hongkong – und damit zu Bronze.

Die deutsche Equipe feierte es ausgelassen. Bolls Teamkollegen Dimitri Owtscharow und Bastian Steger sowie Bundestrainer Jörg Roßkopf hoben ihn wie einen Torero auf ihre Schultern und sprangen im Kreis herum, während im Excel Center passenderweise das Lied „Jump Around“ gespielt wurde. Sie hatten Boll wieder aufgebaut, sie hatten sich als wahres Team gezeigt. „Glücklich und stolz auf die Mannschaft“, zeigte sich Owtscharow, der bereits im Einzel den dritten Platz belegt hatte.

Rangordnung unverändert

Dieser überraschende Erfolg schien die Rangordnung im deutschen Tischtennis durcheinanderzuwirbeln, aber gestern war alles wie gehabt. Während Owtscharow schon auf dem Weg zum Hallenausgang mit den zahlreichen deutschen Fans für Fotos posierte, wurde Boll immer noch von den internationalen Medien belagert.

Boll hatte Deutschland zunächst durch einen klaren Erfolg gegen Chu Yan Leung in Front gebracht. Nach Owtscharows Erfolg gegen Peng Tang und der entsprechenden 2:0-Führung wurde er für das Doppel geschont – eine bereits in der Vergangenheit bei diesem Spielstand mehrfach erprobte Taktik. Der Vorsprung betrug nur noch 2:1, als er wieder an die Platte ging, und die Kalkulation ging auf, weil er gegen Tianyi Jiang mehrfach hohe Rückstände noch in Satzgewinne umwandeln konnte. „Timo war heute eine wichtige Person und mental sehr stark“, lobte Roßkopf. Sein Star selbst war vor allem erleichtert: „Schön, dass ich's doch noch nicht verlernt habe.“

Bolls wohl getimtes Comeback bescherte dem deutschen Tischtennis eine historische Gesamtausbeute. Zwei Olympia-Medaillen gab es noch nie, sie untermauerten die inzwischen schon gewohnte Rolle als Europas Nummer eins – alle anderen zehn Plaketten gingen nach Asien. Haften bleibt außerdem der weniger greifbare Wert des starken Halbfinales gegen China, als die Silbermedaillengewinner von 2008 nach Bolls Erfolg zum 1:1 gegen Olympiasieger Jike Zhang der Tischtennis-Übermacht so gefährlich wurden wie noch nie auf derart großer Bühne. Ein Umstand, der den ambitionierten Roßkopf besonders zufrieden machte: „Wir haben gezeigt, dass wir auch die Chinesen angreifen können, dass wir daran glauben. Das müssen die Spieler weiter lernen.“

In Rio de Janeiro 2016 soll es für die Chinesen noch schwerer werden. Aber so weit dachten Boll und Co. jetzt noch nicht. „Die Medaille im Mannschaftswettbewerb ist eine große Entschädigung, eine große Genugtuung“, sagte Boll. „Jetzt gehen wir aber feiern. Alkohol war eineinhalb Jahre lang tabu für mich. Ein, zwei Bierchen reichen schon, um in Feierlaune zu kommen.“