London 2012

Deutsche Schwimmer erstmals seit 80 Jahren ohne Medaille

Die Hoffnung auf eine deutsche Medaille blieb auch am letzten Tag der Schwimmwettkämpfe unerfüllt. Britta Steffen erreichte nur Platz 4.

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Auftritt Britta Steffen, Doppelolympiasiegerin von 2008, nur Zwölfte über 100 Meter Freistil in London. Es war der achte und letzte Finalabend der Schwimmwettbewerbe bei diesen Olympischen Spielen. Steffen wirkte cool, fokussiert. Ihre Teamkollegen auf der Tribüne konnten es an diesem Abend fast mit den Amerikanern aufnehmen. Laute „Britta, Britta“-Rufe im Wechsel mit Kampfschreien schallten aus dem Block der Deutschen. Die vergangenen sieben Wettkampftage waren für das Team mehr qual- als freudvoll und vor allem medaillenlos gewesen. Das sollte mit Steffens 50 Meter Freistil jetzt ein Ende haben.

Und fast hätte es geklappt. Die Berlinerin schlug in 24,46 Sekunden als Vierte an und verpasste Bronze nur um sieben Hundertstelsekunden. Danach hievte sie sich aus dem Becken, ging ein paar Bahnen weiter und reichte der neuen Olympiasiegerin Ranomi Kromowidjojo (Niederlande) die Hand. „Ich hätte mir gewünscht, noch eine Medaille für unsere Mannschaft zu gewinnen. Ich würde lügen, wenn mich das nicht stören würde“, sagte die 28-Jährige. „Das Quäntchen Glück war uns in dieser Woche nicht hold.“ Die Männerstaffel über 4x100 Meter Freistil schwamm danach auf Platz sechs.

Halbwegs versöhnlicher Abschluss

Die Hoffnung auf die erste deutsche Medaille blieb auch am letzten Tag unerfüllt. Platz vier von Steffen war aber immerhin ein halbwegs versöhnlicher Abschluss ansonsten enttäuschender Olympischer Spiele. „Wir sind zu einem Schwimmentwicklungsland mutiert“, hatte Roland Matthes (60), viermaliger Olympiasieger, in der vergangenen Woche gesagt. Das klingt zwar krass, aber zu den besten Nationen klafft im Gesamtbild eine große Lücke. Die deutschen Schwimmer kommen erstmals seit den Spielen 1932 in Los Angeles ohne eine Medaille von ihrer Olympia-Reise wieder. Zudem schwamm kaum einer der Athleten in London Bestzeiten.

Diese Spiele sind nicht das Drama von Britta Steffen, sondern das des deutschen Schwimmsports. Denn für den Verband sind es nicht nur medaillenlose Spiele, sondern auch die vierten enttäuschenden hintereinander – 2008 in Peking hatte nur Steffens Doppelsieg etwas Glanz auf das ansonsten schwache Abschneiden gelegt. Die Zeiten, in denen deutsche Schwimmer Dauergäste in olympischen Endläufen waren und mehr als eine handvoll Medaillenchancen hatten, sind längst vorbei. Während es 1992 und 1996 noch elf Medaillen zu feiern gab, waren es danach maximal fünf. Immerhin: Während die Endlaufteilnahmen von 1992 bis 2008 von 31 auf magere vier gesunken waren, holten die Deutschen in London acht heraus. Ein schwacher Trost, zumal es keine einzige Frauenstaffel in ein Finale schaffte. Und ohne Britta Steffen hätten die deutschen Männer gar alle Finalplätze alleine erkämpft.

Sicherlich, die Spiele in London sind nicht so gelaufen, wie Steffen es sich erhofft hatte. Dass aber das Glück einer Schwimmnation zu einem großen Teil von einer 28 Jahre alten Berlinerin abhängt, die schon alles erreicht hat, ist alarmierend. Steffen hatte vorher immer wieder betont, wie gelassen sie in ihre vierten Spiele gehen würde. „Der Erfolg gibt mir Freiheit. Olympiasiegerin bin ich ewig“, hatte sie gesagt. Der Ehrgeiz aber war ihr gewiss nicht abhanden gekommen.

Vielleicht hatte Steffen schon geahnt, dass es über die 100 Meter nichts werden würde. Zumindest hatte sich die Berlinerin darauf vorbereitet. Die neue Gelassenheit, von der sie vor den Spielen geredet hatte, behielt sie auch in London bei. Bloßes Gerede war das nicht gewesen. Zuweilen war es manchem gar ein bisschen zu viel Lockerheit, zu viel Frohsinn trotz schlechterer Zeiten als noch im Mai. Das Halbfinal-Aus sei „kein Weltuntergang, durch mich ist auch nicht der Weltfrieden gefährdet“, sagte sie. „Ich freue mich einfach darüber, wie wahnsinnig schnell die anderen sind.“ Das sorgte für Verwirrung, Diskussion und Kritik unter anderem von Franziska van Almsick.

Lichtblick Steffen Deibler

Ein anderer wiegelte ab. „Als Sportler kann ich solche Sätze nicht nachvollziehen“, sagte Mark Warnecke, Olympia-Dritter von 1996. „Aber jeder hat seinen eigenen Weg.“ Und Steffen hat eben ihren. Spekulationen, ob und wie lange sie ihre Karriere fortsetzen würde, gab ihre Aussage dennoch neuen Raum. Nach dem 50-Meter-Finale sagte sie: „Jetzt gehe ich in meinen nicht so richtig verdienten Urlaub. Ich will jetzt erst einmal in die Pause gehen und mir alles gut überlegen.“ Die Leidenschaft für den Schwimmsport habe sie immer noch. „Was jetzt kommt, werden wir sehen.“

Was aber bleibt dem Schwimmsport, wenn Steffen aufhören sollte? „Es gibt Ergebnisse, die für die Zukunft ein bisschen Hoffnung schnuppern lassen“, sagte Lutz Buschkow, Leistungssportdirektor des Deutschen Schwimmverbandes (DSV). Viele Ergebnisse waren dies jedoch nicht. Am meisten Spaß brachte ohne Zweifel Steffen Deibler. Der 25-Jährige schaffte, was keinem anderen gelang: Er schwamm zweimal Bestzeit. Dann bot er auch noch im Finale über 100 Meter Schmetterling Michael Phelps Paroli. Am Ende blieb ihm Platz vier. „Ich bin sauzufrieden, ich bin sauschnell geschwommen, das macht mich sehr glücklich“, sagte er. So euphorisch war im Aquatics Center kein anderer Deutscher.

Taktische Fehler schon im Vorlauf

Das glanzlose Abschneiden hat vielfältige Gründe. Es begann mit taktischen Fehlern in den Vorläufen von Paul Biedermann und der Frauenstaffel. Andere Leistungen waren mit Taktikfehlern nicht zu erklären. „Wir haben keine schlechten Schwimmer, wir haben auch einige gute Talente“, sagte Warnecke. „Wir haben es aber zum wiederholten Male nicht geschafft, sie richtig vorzubereiten.“ Die Liste der Gründe ließe sich fortführen, in jedem Fall steht fest: Viermal hintereinander hat der DSV jetzt die Chance nicht nutzen können, aus olympischen Tiefschlägen die richtigen Schlüsse zu ziehen. Dass nach London Konsequenzen folgen müssen, bezweifelt niemand. Die Diskussion, wie diese aussehen sollen, ist längst im Gange.

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