Christian Reif zum Beispiel. Ein Kerl wie ein Baum. Fast zwei Meter groß, blond, Zahnpastalächeln. Starker Typ, starke Worte. Einer wie er verkörpert einiges von dem, was die deutsche Leichtathletik-Nationalmannschaft momentan ausmacht. „Ich habe meine Ziele für Olympia früh bekannt gegeben. Ich strebe nach wie vor eine Medaille an“, sagt also der Weitspringer aus Speyer. „Klar, das ist sehr ambitioniert. Die Konkurrenz liegt eng beieinander, und es kann schief gehen. Aber alles andere wäre zu tief gestapelt. Keiner springt im Moment so viel weiter, als dass ich es mir nicht zutraue.“

Zutrauen – darum geht es den deutschen Leichtathleten von Freitag an, wenn die ersten von 77 Nominierten in die Wettkämpfe eingreifen. So wie in der Qualifikation am Morgen Reif und sein Hamburger Weitsprungkollege Sebastian Bayer, 2010 der eine, 2012 der andere Europameister. Bayer sagt: „Natürlich ist der Traum von einer Medaille da.“

Bilanz der Vorjahre verbessern

Konkrete Prognosen umschiffen sie zwar im Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV). Eines aber ist klar: So miserabel wie bei den vergangenen beiden Olympischen Spielen soll die Bilanz nicht noch einmal ausfallen. In Athen 2004 gab es nur Silber im Kugelstoßen und Speerwerfen der Frauen, in Peking 2008 nur Bronze im Speerwerfen der Frauen. Für den DLV eine desaströse Entwicklung. Nicht zuletzt, weil er ob seiner Breite an Disziplinen der am höchsten alimentierte Fachverband im deutschen Leistungssport ist. Spitzenergebnisse müssen wieder her, schon allein, um die Vorgaben aus der sogenannten Zielvereinbarung mit dem Bundesinnenministerium zu erfüllen. Die deutschen Leichtathleten sollen in London demzufolge acht Medaillen gewinnen, davon zwei aus Gold. Gelingt das nicht, besteht die Gefahr, dass dem DLV im nächsten Olympiazyklus das Fördergeld gekürzt wird. Schon aus Erhaltungstrieb heraus besteht also ein großes Eigeninteresse an Spitzenresultaten.

Längst jedoch glauben sie im Verband daran, die Wende geschafft zu haben. Nicht nur das Abschneiden der Mannschaft bei den vergangenen beiden Weltmeisterschaften mit zwei (2009) und drei Titelgewinnen (2011) lässt hoffen. Eine Art Aufbruchstimmung hat die Mannschaft erfasst. Befeuert wird sie noch durch bemerkenswerte Resultate in den letzten Vorbereitungswettkämpfen, wie der deutsche Rekord der 4x100-Meter-Männerstaffel vorigen Sonntag in Weinheim (38,02 Sekunden). Nur die USA und Jamaikas Staffel waren dieses Jahr noch schneller als das deutsche Quartett.

„Wir wollen besser sein als in Peking und in Athen zusammen“, sagt Thomas Kurschilgen, der Sportdirektor im DLV. „Ich möchte mich sogar so weit aus dem Fenster lehnen zu sagen: Wir werden mindestens einen deutschen Olympiasieger sehen in der Leichtathletik.“ Das Ziel für das Team in London lautet, die Top Sechs der Nationenwertung zu erreichen. Vermessen scheint das nicht.

Der psychologische Effekt eines frühzeitigen Medaillengewinns ist dabei nicht zu unterschätzen. Davon sind sie im DLV-Lager überzeugt. Sportdirektor Kurschilgen sagt: „Wir haben Athleten mit Medaillenchancen. Und wenn sie die nutzen, hat das unbestritten erhebliche Signalwirkung für die ganze Mannschaft. Das gibt ihr einen Schub.“

Da fügt es sich wunderbar, dass am Freitagabend gleich der erste Leistungsträger zum Finale antritt (21.30 Uhr, ZDF) – sofern Kugelstoßriese David Storl, 1,99 Meter groß und 125 Kilogramm schwer, am Vormittag die Qualifikation dafür gelingt. Zweifel hegt daran allerdings niemand, Storl ist zwar Olympiadebütant, aber eben Welt- und Europameister. Dass der plötzliche Tod seiner Großmutter vorige Woche ihn nachhaltig verunsichern wird, befürchten sie nicht.

„Im letzten Training am Sonntagabend in Kienbaum war David so gut wie noch nie“, verriet Bundestrainer Sven Lang. Storl selbst sagt: „Ich bin jemand, der sich an der Bestleistung orientiert. Es wäre schön, wenn die 22 Meter fallen würden. Ich konzentriere mich voll auf mich. Das ist schwer genug. Aber: Ich will um den Sieg kämpfen.“ Genau wie die Weitspringer Reif und Bayer dann am Samstagabend (20.55 Uhr, ZDF).

Freude über ambitionierte Ziele

Selbstbewusstsein zeigen ohne arrogant zu wirken – so behagt es nicht nur dem Sportdirektor der Leichtathleten. „Mich freut es sehr, dass beide ambitionierte Ziele hegen“, sagt Thomas Kurschilgen. „Verstecken kann bei Olympischen Spielen nicht unser Ziel sein.“

Dass sie alle vier Jahre besonders beachtet werden, daran muss die Leichtathleten niemand extra erinnern. Eine Forsa-Umfrage zeigt, wie sehr. Demnach antworteten 75 Prozent der 1002 Befragten auf die offen gestellte Frage, welche Sportarten sie sich während der Spiele voraussichtlich im Fernsehen anschauen werden: Leichtathletik. Erst weit dahinter im Beliebtheitsranking folgt auf dem zweiten Platz Schwimmen (25 Prozent).

Auf diese Aussichten hat Kurschilgen die deutsche Leichtathletikmannschaft eingestimmt. Er sagt: „Es gibt da eine schöne englische Formulierung, die ich jedem einzelnen mit auf den Weg gegeben habe: „Find your greatness. Wenn das gelingt, werden wir auch hier erfolgreich sein.“ Wie Erfolg dann letztlich definiert wird, liege am Resultat jedes einzelnen Starters. Denn „wenn Leistung von vornherein immer nur auf Gold, Silber und Bronze definiert wird, ist das schlichtweg nicht angemessen“. Das klingt dann doch ein bisschen vorsichtiger.