Olympia 2012

Wie die Briten die Liebe zum Gold entdeckten

Die Briten haben fast alle modernen Sportarten erfunden, nur gewonnen haben sie fast nie. Die diesjährigen Spiele sollen das ändern.

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Das Leistungszentrum der britischen Radfahrer ist so sagenumwoben wie Respekt einflößend. Im Manchester Velodrome werden gewissermaßen Olympiasieger von der Stange produziert. Unter der Leitung von Mastermind Dave Brailsford arbeiten die Sportler mit den besten Trainern, der modernsten Betreuung, dem meisten Geld, permanent überwacht von einem System, das sich „medal tracker“ nennt: Medaillen-Finder. Achtmal Gold räumten die britischen Pedaleure 2008 bereits in Peking ab. Bei den Heimspielen in London, die am Freitagabend offiziell eröffnet wurden, will man sich nicht verschlechtern.

„Drei Stufen krasser“, nennt die deutsche Rad-Olympionikin Charlotte Becker die opulenten britischen Arbeitsbedingungen; wohl bewusst ist sie sich der Tatsache, ihrerseits aus einem Land zu kommen, das ihre Spitzenathleten vergleichsweise spendabel ausstaffiert. Die Eliteeinheit um Dave Brailsford, der auch das Sky-Team des ersten britischen Tour-de-France-Siegers Bradley Wiggins schmeißt, mag dabei kein repräsentatives Beispiel für andere Disziplinen sein – aber deren Vorbild ist es allemal.

Knallharte Leistungskriterien

Die Gastgeber haben in den vergangenen Jahren auch in anderen Sportarten veritable Kaderschmieden auf die Beine gestellt. Insgesamt rund 500 Millionen Pfund (640 Millionen Euro) wurden für ein glorreiches Abschneiden vor eigenem Publikum investiert. Der Löwenanteil, zuletzt 111 Millionen Pfund jährlich, wurde überwiesen durch die Regierungsagentur UK Sport.

Bei deren Rhetorik können einem dafür schon mal die Ohren schlackern. Auf dem Weg zu einer 542 Athleten starken Delegation – offizieller Beiname: „Our Greatest Team“ – wurden Programme wie „Mission 2012“ und Prinzipien wie „No Compromise“ auferlegt: keine Zugeständnisse an Sportler, die bestimmte Leistungsvorgaben nicht erreichten. Sie verloren Fördergelder oder wurden trotz jahrelanger Fokussierung für das nationale Ziel doch nicht nominiert. Gnadenlose Selektion, nur der Starke überlebt. „Für Underperformance gibt es keine Entschuldigung“, sagt UK-Sport-Chefin Liz Nicholl.

Natürlich machen die Briten mit Eliteförderung und Rundum-Versorgung eigentlich nichts anderes als das, was fast überall auf der Welt längst Usus ist oder ebenfalls angestrebt wird. Und natürlich wird das heutzutage eben alles im Projektleiter-Sprech formuliert. „Das Vereinigte Königreich soll eine weltweit führende Sportnation werden“, heißt es im Aktionsplan von UK Sport. An dieser Stelle drängt sich dann aber doch mal eine Frage auf: Ist es das nicht sowieso?

Die Liebe zum Sport

„Alle Welt bewundert uns dafür, dass die Engländer den Sport lieben, nicht, weil sie darin so überragend wären“, sagte einmal der 100-Meter-Olympiasieger von 1924 sowie spätere Journalist und Funktionär Harold Abrahams. Die Briten haben fast alle modernen Sportarten erfunden, sogar Tischtennis, wie Londons Bürgermeister Boris Johnson vor vier Jahren in einer legendär-launigen Rede den Chinesen vorhielt („Ping Pong is coming home!“).

Fußball an der Anfield Road, Tennis in Wimbledon, Golf bei den Open – es gibt viele Orte, die dieses Heimatgefühl bis heute transportieren und sich immer noch besonders anfühlen, wegen ihrer Geschichte, aber auch wegen der Sachkenntnis des Publikums. Im „Mutterland des Sports“ zu spielen, erfüllt viele Olympiateilnehmer so mit einer fast kindlichen Vorfreude. Wen wundert's, wo selbst die Bogenschützen an so mythischer Stätte wie dem 1814 eröffneten Cricket-Stadion Lord's auftreten.

Derart gewaltig ist das sportliche Erbe des Königreichs, dass es die Briten in gewisser Weise immer besonders gelassen im Umgang mit Erfolg oder Misserfolg erscheinen ließ – man hatte ja etwas Größeres, das einem keiner nehmen konnte. Da wirkt geradezu befremdlich, wenn der „Guardian“ nun schreibt, es bestehe „weithin Einigkeit, dass die Leistungen der britischen Athleten entscheiden, ob es große oder nur gute Spiele werden“. Auch der missionarische Ehrgeiz von UK Sport irritiert wohl deshalb mehr, als er das bei Belgien oder Brasilien tun würde – er passt nicht so recht zum Bild des entspannten Briten.

Historisch gesehen nahm man es im Königreich mit der olympischen Medaillenhatz lange nicht sonderlich ernst. Zwar zeigte sich der französische Begründer der neuzeitlichen Spiele, Baron de Coubertin, als glühender Verehrer englischer Sportideale wie Fairplay oder Amateurgedanke, aber seine Liebe wurde nur selten erwidert. Mit der kitschigen Überhöhung des Sports durch Ringe, Flamme und Feiern konnten die Briten schon instinktiv nicht viel anfangen. Wiewohl immer am Start, begleiteten sie Coubertins Baby mit Desinteresse und einem generösen Snobismus. In etwa so, wie sie heutzutage stampfige Popmusik vom Kontinent als „Eurotrash“ bezeichnen: kann ja nicht jeder so viel Tradition, Ahnung und Geschmack haben.

Sport um des Sportes willen

Im Königreich maß man zwar dem Sport einerseits große Bedeutung als Schule für Körper und Charakter bei. Andererseits durfte man das nackte Ergebnis nicht zu ernst nehmen. Der ideale (und idealisierte) englische Athlet betrieb Sport um des Sportes willen. Er war ein begabter, leidenschaftlicher Dilettant, der im besten Falle nach dem Gentleman-Prinzip der „effortless superiority“ – der unangestrengten Überlegenheit – obsiegte. Und ansonsten seinem Bezwinger fair die Hand schüttelte.

Bei Olympia war mit diesem radikalen Amateur-Ansatz bald nicht mehr viel zu holen. Noch bevor die faschistischen und kommunistischen Diktaturen den „Staatsamateur“ erfanden, wiesen schon die US-Amerikaner den Weg in Sachen systematischer Auslese und Vorbereitung. Die daraus folgenden, anfangs ungewohnten Niederlagen machten Olympia bei den Briten verständlicherweise auch nicht gerade populärer.

1948 fanden die Spiele zum zweiten und bis heute letzten Mal in London statt. Olympia galt trotz nur dreier Goldmedaillen als großer Erfolg – weil es drei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs überhaupt stattfand und der Welt die ungebrochene Kraft und Moral der Nation zeigte. Seitdem hat Großbritannien seine Berührungsängste sukzessive abgebaut. So wie es sich ohne großes Aufhebens von seinem riesigen Empire verabschiedete und als Mittelmacht in die Staatenwelt einordnete, arrangierte es sich auch im Sport mit sinkendem Einfluss und Erfolg. Seinen Traditionen blieb es allerdings trotzdem lange treu. Bis zuletzt wurde der Amateurgedanke stärker verteidigt als anderswo. Und die Regierung hielt sich zwar nicht mehr so komplett zurück wie 1920, als ein Beamter des Außenministeriums schrieb, „Olympische Spiele sind eine internationale Farce, mit der wir nicht in Verbindung gebracht werden wollen“. Aber ihr Sponsoring fiel noch bis 1996 sehr moderat aus.

Dabei sein ist längst nicht mehr alles

Damals kamen die Briten mit nur einer Goldmedaille aus Atlanta zurück. UK Sport wurde ins Leben gerufen. Auch in Großbritannien gilt jetzt: Dabei sein ist bei Weitem nicht alles. In Peking schafften die Athleten Ihrer Majestät mit 19 Goldmedaillen und 47 Plaketten insgesamt ihr bestes Resultat seit den ersten Heimspielen 1908. London 2012 soll nun der ultimative Schritt sein, um, so UK Sport, „unser Sportsystem und die Sportstrukturen zu transformieren“.

Die Maßnahmen auf dem Weg zu unbegrenztem Erfolg gehen manchen dann allerdings doch zu weit, jedenfalls, wenn es so läuft wie bei den Ringern. Dort wurden aus Osteuropa angeheuerte Sparrings-Partner – teilweise, so der Vorwurf, über Scheinehen – für die britische Staatsbürgerschaft angemeldet. Im Kader verdrängten sie diejenigen, die sie trainieren sollten. Nach viel Polemik wird letztlich aber nur ein Startplatz besetzt. Von den Favoriten für die ursprünglich drei Posten, allesamt gebürtige Ukrainer, erhielt eine Ringerin den britischen Pass nicht, ein anderer wurde wegen Dopings gesperrt. Eine Blamage. Da ist es nur gut, dass Ringen schließlich aus der Antike kommt – und nicht nach Hause.