Die Wege sind verschlungen. Es ist verdammt heiß. Fünf Kilometer mit dem Auto sind in dieser Gegend wie 50 in Deutschland, und 27 Grad sind bei dieser Luftfeuchtigkeit gefühlte 40. Eine der vielen Straßen hinaus aus der Großstadt Kingston endet nach einer kurzen Rechtsbiegung auf einmal im Paradies. Acht Fischerhütten, perlweißer Sandstrand, ein Filmpanorama. Nur: Hier kommt eigentlich nie ein Filmteam hin. Wir sind in der Heimat des schnellsten Mannes der Welt.
Am 31. Mai lief der Jamaikaner Usain Bolt in New York die 100 Meter in 9,72 Sekunden. Weltrekord über die prestigeträchtigste Laufstrecke. Wer hier die Nummer eins ist, der darf sich schnellster Mensch der Welt nennen. Ein Titel, der eigentlich keiner ist, der aber enormen Wert hat. Zwei Hundertstel Sekunden langsamer, das war der alte Rekord, gehalten von Asafa Powell, ebenfalls Jamaikaner. Powell ist ein Modellathlet aus Kingston – 1,88 Meter bei 87 Kilogramm, 25 Jahre alt, Gold-Favorit für Peking. Das war, bevor Bolt ihm den Rekord nahm. Er ist erst 21, misst stolze 1,96 Meter, ist nicht ganz so muskulös, eher ein gazellenhafter Typ, nur 86 Kilo schwer, und ein bisschen flippiger als Powell ist er auch.
Im letzten Test vor den Olympischen Spielen demonstrierten beide beim Grand Prix in London ihre Ausnahmestellung. Dabei gingen sie sich klug aus dem Weg: Bolt siegte über 200 Meter in 19,76, Powell über 100 Meter in 9,97 Sekunden. Leichtfüßig sind sie in die Goldspuren der Amerikaner getreten. Carl Lewis, Maurice Greene, Justin Gatlin, zuletzt Tyson Gay. Jetzt laufen Jamaikaner auch auf den kurzen Strecken der Konkurrenz davon, und das ist kein Zufall
Leichtathletik ist die führende Sportart auf der Karibik-Insel. Weit vor Fußball übrigens. „Laufen kostet nichts“, das sei der Grund, sagt der Präsident des jamaikanischen Leichtathletik-Verbandes, Howard Aris. „Du benötigst kein Geld, um zu unserer Sportart zu gelangen, nicht einmal einen Ball“, die 300 Sonnentage im Jahr tun ihr Übriges. Wer auf Jamaika Rum, Reggae und Marihuana widersteht, der kann es zu etwas bringen. Wie Usain Bolt.
Am Strand spielen ein paar Jungs Fußball, Bolt geht hinüber und kickt einfach mit. Hier, in seinem Heimatdorf, ist er einer von ihnen, nicht der Leichtathletikstar. Nachdem er ein Tor vorgelegt hat, lässt er die Jungs allein weiterspielen und holt sich an einer Holzbude einen Spieß mit gegrilltem Fisch. Zwei Hütten weiter dröhnt die Musik von „Elephant Man“, einem heimischen Popstar mit gelb-orangefarbenen Haaren, aus überdimensionalen Lautsprechern. „Ja, das ist meine Musik. Jamaikanische Musik. Die macht gute Laune“, sagt Bolt und mischt sich unter die anderen, die ihre Körper geschmeidig zu den Rhythmen der Musik auf einer provisorischen Tanzfläche aus Sand bewegen. Bolt zuckt und groovt, eine gute halbe Stunde taucht er ein in die Hip-Hop-Welt der jungen Jamaikaner. Danach kauft er sich bei einem der fliegenden Händler eine CD, schwarz gebrannt natürlich, Originale gibt es nur in Kingston.
"Einen Olympiasieg kann dir keiner mehr nehmen"
„Die Zeit hier, die genieße ich“, sagt Bolt. „Ich kann nur hier ich selbst sein. Alle kennen mich, aber keiner will was von mir.“ Hellshire Beach, so heißt dieses Fleckchen, das dem Himmel zum Greifen nah scheint, ist kein Platz für normale Touristen. Hier leben nur Einheimische. Weiße sind zwar willkommen, aber so selten anzutreffen wie deutsche Läufer in einem 100-Meter-Finale.
Eine kleine Tanzeinlage noch, dann ist der schöne Teil des Sonntags Vergangenheit. Dann geht es zurück nach Kingston, dorthin, wo Bolt zusammen mit Asafa Powell täglich trainiert. Schon im Auto sind seine Gedanken schnell wieder in Peking. Seit Deon Hemmings 1996 in Atlanta über 400 Meter Hürden das erste Gold für Jamaika gewann, träumen sie alle davon, es ihm nachzumachen. „Ich will in Peking einfach Gold holen“, sagt Bolt. „Einen Olympiasieg kann dir keiner mehr nehmen, einen Weltrekord schon.“ Beinahe wäre das bereits passiert. Tyson Gay, der schnellste Amerikaner, lief bei den Olympia-Ausscheidungen der USA die 100 Meter in 9,62 Sekunden. Er hatte dabei allerdings mehr als vier Meter pro Sekunde Rückenwind, und so war die neue Fabelzeit schneller vom Regelwerk verweht als sie gelaufen war. Bolt behielt seinen Rekord, weiß nun aber, wozu Gay in der Lage ist.
Die Rivalität zu den Amerikanern ist eine besondere. Jamaika ist mit knapp 11¿000 Quadratkilometern halb so groß wie Mecklenburg-Vorpommern. Bolt und Powell sind im Vorfeld der Olympischen Spiele die besten Werbeträger des Karibikstaates, sie sind in den USA so bekannt wie Bob Marley. Viele US-Universitäten werben früh talentierte Jungstars aus der Karibik ab. Sie bieten ihnen eine gute Ausbildung und exzellente Trainingsmöglichkeiten und bekommen dafür starke Athleten. Bolt blieb. „Ich liebe mein Land, ich möchte hier leben, denn ich bin gern Jamaikaner“, sagt er. „Wenn ich zu Wettbewerben ins Ausland fliege, habe ich Heimweh.“
Für Experten ist Bolt der Favorit für 200 Meter
Bolt trainiert in Kingston auf dem Gelände direkt neben dem Nationalstadion, sein ständiger Partner dort ist auch sein größter Rivale, Asafa Powell. „Wir sind gute Freunde“, betonen beide. Dennoch trainieren sie in unterschiedlichen Gruppen, Bolt unter anderen mit dem 200-Meter-Weltmeister von 2003, Kim Collins, Powell mit dem Sprinter Michael Frater. „Usain und Asafa treiben sich allein durch die Nähe im Training gegenseitig zu Höchstleistungen“, sagt Bolts Trainer Glen Mills.
Er bringt beide in einer Trainingspause zusammen. Herzlich gehen sie miteinander um und doch wie Rivalen. Bolt legt vor. Er sagt, er wünsche sich von Kingstons größter Zeitung während der Olympischen Spiele die Schlagzeile: „Bolt holt Gold!“. „Ja, aber bitte nur über die 200 Meter“, kontert Powell lachend. „Ich möchte geschrieben sehen: Gold für Powell über 100 Meter!“
Obwohl Bolt den Weltrekord über die kürzeste Strecke hält, ist er für viele Experten über 200 Meter der größere Favorit. Sogar für seinen eigenen Trainer. „Ich halte ihn über die 200 Meter eigentlich für noch viel stärker“, sagt Mills. Im Juli lief Bolt in 19,67 Sekunden Weltjahresbestzeit. Als erster Sprinter seit dem großen Carl Lewis 1984 könnte Bolt also der olympische Doppelsieg über beide Sprintstrecken gelingen. Wenn Powell das zulässt. „Einer der beiden wird Gold holen“, sagt Coach Mills. „Da bin ich ganz sicher.“
Aus den USA wurden zuletzt Dopinggerüchte gegen die beiden Topläufer gestreut. Der Sprinter Julien Dunkley gab dafür den Anstoß, er wurde bei den jamaikanischen Olympia-Ausscheidungen positiv gestestet und nun nachträglich aus dem Team für Peking gestrichen. Er belegte über 100 Meter in 10,07 Sekunden zwar damals nur den sechsten Rang, sicherte sich damit aber einen Platz als Ersatzläufer in der aussichtsreichen 4¿x¿100-Meter-Staffel Jamaikas.
„Am Strand von Kingston, da werden dir an jeder Ecke ganz offen Drogen angeboten“, erzählt Bolt und schüttelt dabei den Kopf: „Hey, ich bin Sportler und absolut clean. Ich brauche das nicht, weder für mein Leben noch für meinen Sport. Mir genügt, was die Natur mir auf Jamaika bietet.“ Wer ihn am Hellshire Beach tanzen und mit den Kindern Fußball spielen sah, der möchte ihm das nur allzu gern glauben. Bolt ist mit seinen 21 Jahren bereits ein Idol. Ein Held wird er erst dann sein, wenn er in Peking Gold holt. Mit fairen Mitteln.





