Das Ziel, wofür manche Athleten ein ganzes Sportlerleben benötigen, erreichten Elfje Willemsen und Eva Willemack in zweieinhalb Jahren. Die beiden 25-Jährigen nahmen an einer Castingshow des belgischen Fernsehens teil. Der erste Preis: Die Olympiateilnahme 2010, gesponsert durch den belgischen Verband, der unbedingt einen Frauenbob nach Kanada entsenden wollte.

Willemsen und Willemack, die sich zuvor im Speerwurf bzw. als Hürdensprinter versucht hatten, setzten sich unter sechs Abenteuerlustigen durch. Ab Dienstag rasen sie dann den gefährlichsten Eiskanal der Welt hinunter; eine mehr als verrückte Idee angesichts der hohen Sturzquote im Whistler Sliding Center. Entlang der Kurve 16 markieren Blumen und Fotos des verunglückten Rodlers Nodar Kumaritaschwili die Stelle des Unfalls, der den Spielen in Kanada die Leichtigkeit nahm.

Olympische Spiele könnten für Sportler und Fans das größte und friedlichste Fest der Welt sein, aber sie sind es nicht. Sie kommen als schöne Idee daher, aber die Realität sieht anders aus. Sie provoziert gut eine Woche nach dem Tod des Rennrodlers die Sinnfrage. Dürfen Exoten wie der gecastete Bob aus Belgien die Todesbahn herunterrasen, nachdem der 21 Jahre alte Georgier sein Leben ließ? Oder machen nicht gerade die Amateure, die ihren Sport mit Liebe und Hingabe ausüben, den Reiz Olympias aus? Sollen wir an ihrer Freude teilhaben? Oder sollen wir sie vor sich selbst schützen?

Für Willemsen, ehemals Sechste im Speerwerfen der Junioren-Weltmeisterschaften, und ihre Partnerin ist die Teilnahme „ein großer Traum“. Natürlich hat sie von Kumaritaschwili gehört, aber sie wischt die Bedenken weg wie eine Pfütze verschüttete Milch. Eine olympische Karriere im Zeitraffer: Insgesamt rund 350-mal sei sie schließlich die Eisrinnen in Winterberg, Königssee und auch Whistler heruntergerattert, diesen Winter im Weltcup gefahren. Zum Vergleich: Deutsche Bobfahrer bringen es auf die zehnfache Anzahl von Fahrten, bevor sie auf die Weltbesten losgelassen werden.

Beide Olympiadebütanten mussten ihre Leichtathletikkarrieren nach Verletzungen beenden, sie brauchten neue Herausforderungen. „Ich bin immer auf der Suche nach dem Adrenalin“, sagt Pilotin Willemsen. Motorradfahren erschien ihr nicht rasant genug.

Das Organisationskomitee dieser Spiele Vanoc und der Bob-Weltverband FIBT sehen sich dem Vorwurf ausgesetzt, die kruden Bedürfnisse willfährig zu bedienen. Aber nun ist auch ihnen das Rennen mit dem Tod nicht mehr geheuer: Hastig wurden zwei zusätzliche inoffizielle Trainingsfahrten angeordnet. Die sollen nun schnell noch das Gewissen beruhigen.

Bei den Männern havarierten bereits vor der Zweierentscheidung elf Bobs in der Eisrinne von Whistler. Sie stürzten in Kurve sechs, in Kehre 13, der berühmten „Fifty-Fifty-Schikane“, und auch Kurve 16. Umstürzende Bobs, hilflose Funktionäre und hektische Korrekturen an der Strecke, diese unschönen Zutaten prägten das Bild der ersten Trainingstage der Bobfahrer.

Die belgische Quereinsteigerin Elfje Willemsen sieht die Sturzserie als eine Verkettung unglücklicher Umstände. „Viele Fahrer sind bei Olympia besonders motiviert und riskieren viel“, glaubt sie. Sie sagt, ihr Ziel sei es, unter die besten 16 zu gelangen. Aber eigentlich kann man froh sein, wenn sie und ihre Anschieberin heil unten ankommen.

Gleiches gilt für Astrid Loch-Wilkinson und Cecilia McIntosh. Die Australierinnen klagten sich über den Internationalen Sportgerichtshof CAS als 21. Team ins Starterfeld ein. Aufgrund der Qualifikationskriterien des FIBT hätten sie es nicht bis nach Whistler geschafft. „Es ist schwerer, sich für einen Weltcup zu qualifizieren als für Olympische Spiele“, rügt der deutsche Verbandspräsident Andras Trautvetter. Belgierinnen und Australierinnen dürfen fahren in Whistler. Für sie wird es auf jeden Fall ein großer Moment werden